
Die Familie Thannhauser gehörte seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten zu den führenden Kunsthändlern Deutschlands. In ihrer Bedeutung ist sie zu vergleichen mit Paul Cassirer, Alfred Flechtheim, Daniel-Henry Kahnweiler, Paul and Leonce Rosenberg, Ambroise Vollard und Herwarth Walden, mit denen sie auch Geschäfts- und Freundschaftsbeziehungen unterhielt.
Ihre Geschichte begann im Jahr 1909, als sich Heinrich Thannhauser von seinem Kompagnon Joseph Brakl trennte, mit dem er seit 1905 die Moderne Kunsthandlung in München betrieben hatte, und seine eigene Moderne Galerie im Münchener Arcopalais, Ecke Maffei- und Theatinerstraße, eröffnete. So spektakulär wie die Räume der Galerie waren aus heutiger Sicht auch ihre Ausstellungen, die sowohl quantitativ als auch qualitativ nahezu durchweg Museumsformat hatten: Eröffnet wurde mit einer Schau von mehr als zweihundert Gemälden. Knapp drei Viertel stammten von zeitgenössischen deutschen Malerfürsten wie Liebermann und Uhde. Etwas mehr als ein Viertel der Bilder aber hatte Thannhauser zusammen mit Rudolf Meyer-Riefstahl aus Paris mitgebracht. Fünfundfünfzig Meisterwerke von Cassatt, Degas, Manet, Monet, Pissarro, Renoir, Sisley und weiteren gaben den bis dahin umfassendsten Überblick über den französischen Impressionismus in Deutschland und erregten entsprechendes Aufsehen. Zusammen mit den befreundeten Händlern Bernheim-Jeune, Durand-Ruel und Cassirer organisierte man im Jahr 1910 eine Wanderausstellung zu Manet, dessen Bar in den Folies Bergere von Thannhauser an den Berliner Sammler Eduard Arnhold verkauft wurde. Im August folgte eine Schau mit zweiundsechzig Werken von Gauguin. Ebenfalls zusammen mit Bernheim-Jeune und Herwarth Walden präsentierte man erstmals in Deutschland die italienischen Futuristen. Schnell wurde die Galerie zu einem Zentrum deutscher und internationaler, besonders aber französischer Avantgarde.
Die Zusammenarbeit mit Wassily Kandinsky und seinem Kreis bildete seit der ersten Ausstellung des Blauen Reiters 1911/12 eines der stärksten Fundamente ihres Ruhms. Thannhausers Freundschaft mit Theo van Goghs Witwe Johanna van Gogh-Bonger und deren Sohn Vincent erschloß einen weiteren wichtigen Kunstbestand. Justin Thannhauser, Heinrichs Sohn, war bereits mit siebzehn Jahren in das Geschäft eingestiegen und wurde vom Vater zum Studium nach Berlin, Florenz und Paris geschickt. Zu seinen Studienkollegen zählten Henri Bergson, Adolf Goldschmidt und Heinrich Wölfflin, den der junge Thannhauser für Vorträge in der Münchener Galerie gewinnen konnte. Justin vertiefte in Paris auch die wichtigen Kontakte zu Kahnweiler und Uhde und hatte bei seiner Heimkehr im Jahr 1912 mehr als vierzig Gemälde Renoirs im Gepäck, die umgehend ausgestellt wurden, um bald wieder Platz zu machen für eine große Munch-Präsentation. Das wichtigste Projekt im Jahr 1913 war die bis dahin weltweit umfangreichste Ausstellung mit Werken Picassos von der blauen Periode bis zu den gerade frisch gefirnißten Arbeiten, die man gemeinsam mit Kahnweiler dem Künstler unter dem Pinsel weggezogen hatte. Picasso soll diese Ausstellung als Ausgangspunkt seines Weltruhms bezeichnet haben. Seitdem, bis zu Picassos Tod im Jahr 1973, pflegten Thannhausers und Picasso engen Kontakt. Einige der 1913 ausgestellten Werke hat Thannhauser senior behalten und Thannhauser junior später dem Guggenheim Museum geschenkt. Durch Thannhausers Hände sind Werke wie "Die Gaukler" (1905, heute National Gallery Washington) oder "Das Leben" (1903, heute Cleveland Museum) gegangen.
Trotz des seit dem Ersten Weltkrieg schwierigen Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich haben Thannhausers weiterhin versucht, französische Kunst zu propagieren, wobei ihnen auch die 1919 in Luzern gegründete Dépendance half, die von Justin Thannhauser geleitet wurde. Als sein Vater schwer erkrankte, musste Justin die Münchener Galerie übernehmen und übergab die Leitung der Luzerner Galerie an seinen Vetter Siegfried Rosengart. Die beiden Galerien prosperierten, und im Juni des Jahres 1927 eröffnete Justin Thannhauser eine dritte Galerie in Berlin (Bellevuestraße 13), dem damaligen Zentrum der deutschen Avantgarde. Thannhausers Start in Berlin war durch zwei fulminante „Sonderausstellungen“ im Berliner Künstlerhaus vorbereitet worden, deren erste – mit 263 Meisterwerken von Bonnard, Braque, Cézanne, Courbet, Degas, Delacroix, Gauguin, Léger, Manet, Monet, Matisse, Picasso, Pissarro, Renoir und van Gogh – Julius Meier-Graefe zu einer begeisterten, fünfzehnseitigen Kritik im Cicerone hinriß. Der ernorme Erfolg des Berliner Geschäftes veranlaßte die Thannhausers, ihre Münchener Galerie im Jahr 1928 zu schließen und die Luzerner Galerie an Siegfried Rosengart zu übergeben, mit dem Thannhauser allerdings bis 1936/37 weiterhin zusammenarbeitete. [Nach Siegfried Rosengarts Tod im Jahr 1985 führte seine Tochter Angela die Galerie weiter und wurde, wie die Thannhausers, eine große Stifterin. Aus der 1978 von ihrem Vater begründeten und von ihr weiter bedachten Donation Rosengart entstand das heutige Picasso-Museum an der Furrengasse in Luzern, und die 1992 gegründete Stiftung Rosengart umfaßt inzwischen weit über zweihundert Werke der klassischen Moderne.]
Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten prosperierte die Galerie, gearbeitet hat sie noch bis 1937. Heinrich Thannhauser sollte auf Drängen seines Sohnes im Jahr 1934 zu den Rosengarts nach Luzern ziehen, aber beim Überqueren der Schweizer Grenze erlitt er einen Schlaganfall, an dessen Folgen er verstarb. Im selben Jahr organisierte Justin eine Picasso-Ausstellung für die Galeria Mueller in Buenos Aires mit Werken aus seiner Sammlung und den Beständen von Kahnweiler und den Rosenbergs – was sich im Nachhinein als sehr vorausschauend erweisen sollte. Im Frühjahr 1937, nachdem die Zustände in Deutschland unerträglich geworden waren, musste Thannhauser die Berliner Galerie aufgeben und Deutschland - nach Zahlung einer exorbitanten Summe für die sogenannte „Reichsfluchtsteuer“ - verlassen. Mit seiner Frau Kate zog er nach Paris in die Rue Miromesnil und unterhielt dort bis 1939 einen Kunsthandel.
Den Ausbruch des Krieges erlebten die Thannhausers auf einer Reise mit ihren Freunden, dem Hollywoodstar Edward G. Robinson und seiner Frau, in der Schweiz, wohin sie gefahren waren, um im Genfer Musée d'art et d'histoire die Ausstellung der Chefs-d'oeuvre du Musée du Prado zu sehen. Sie kehrten nicht nach Paris zurück, sondern suchten Asyl in der Schweiz. Als die Nazis 1940 Frankreich besetzten, gaben Thannhausers die Hoffnung auf eine Rückkehr auf und emigrierten nach Amerika, wo ihnen die in den vorangegangenen Jahren nach Buenos Aires, Amsterdam, Luxemburg und in die Schweiz verschickten Kunstgegenstände einen neuen Anfang ermöglichten.
In New York faßten sie schnell Fuß, auch dank ihrer guten Kontakte zu ihren europäischen Freunden wie Picasso und dank der stetig wachsenden Höherbewertung der Klassischen Moderne, und das in der Wohnung geführte Geschäft expandierte. Thannhauser plante, eine große Galerie einzurichten, sein Sohn Heinz, ein studierter Kunsthistoriker, sollte in das Geschäft einsteigen, wurde aber im August 1944 als Funker der amerikanischen Air Force über Italien abgeschossen. Dieses Unglück, die spätere Nachricht von der Plünderung seines Pariser Hauses und der zunehmend besorgniserregende Gesundheitszustand seines anderen Sohnes Michel, der schließlich 1952 starb, ließ Thannhauser seine Geschäftspläne aufgeben. Er gab einen beträchtlichen Teil seines Kunstbestandes 1945 zur Auktion bei Parke-Bernet und betrieb vom New Yorker Domizil aus einen blühenden Privathandel. Bis zum Tod Käthe Thannhausers im Jahr 1960 führten sie ein großes Haus, das zu einer der schillerndsten Adressen der New Yorker Kunstwelt wurde.
1962 heiratete Justin seine zweite Frau Hilde Breitwisch. Im folgenden Jahr erschien auf der Titelseite der "New York Times" seine Ankündigung, dem Guggenheim Museum seine berühmte Sammlung zu stiften, darunter zahlreiche Picassos. Für die Thannhauser-Sammlung wurde der zweite Stock des Monitor Building hergerichtet und schließlich am 29. April 1965 feierlich eröffnet.
Im Jahr 1971 zogen die Thannhausers zurück in die Schweiz, wo Justin während des Krieges Asyl gefunden hatte und dafür nun das Berner Kunstmuseum mit einigen Schenkungen bedachte. Am 26. Dezember 1976, im Alter von 84 Jahren, starb Justin Thannhauser. Im Jahr 1978 gingen die dem Guggenheim Museum bis dahin als Leihgaben überlassenen Bilder formal in das Eigentum des Museums über. Im gleichen Jahr wurden die im Besitz von Hilde Thannhauser verbliebenen Werke der Sammlung im Berner Kunstmuseum in einer Gedächtnisausstellung für Justin Thannhauser gezeigt. Sowohl das Berner als auch das Guggenheim Museum erhielten im Lauf der Jahre weitere Schenkungen von Frau Thannhauser. Im Jahr 1989 wurde das Monitor Building in Thannhauser Wing umbenannt. Zwei Jahre später, am 25. Juli 1991, starb Hilde Thannhauser.
Frau Thannhauser verfügte testamentarisch, ihre Vermögenswerte in eine Stiftung übergehen zu lassen, die nach ihrem Tod ihre Arbeit aufnehmen und innerhalb von zehn Jahren den Nachlass in Höhe von rund 20 Millionen Schweizer Franken gemeinnützig veräußern sollte. Die Stifterin wollte der Stiftung nicht ihren Namen geben, deshalb nannte man sie – in der freien Übersetzung von Thannhauser – Silva-Casa. Der dreiköpfige Stiftungsrat, bestehend aus Max Beat Ludwig, Janet F. Briner und Ewald R. Weibel, hat im Sommer 2005 seine Arbeit abgeschlossen, aus der unter anderem eine Stiftungsprofessur zur Kunstgeschichte insbesondere der Gegenwart an der Universität Bern hervorgegangen ist. Eine der letzten Aktionen der Stiftung war es, das trotz aller Wirren in beträchtlichen Teilen erhaltene Archiv der Galerien Thannhauser dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels zu überantworten.