Vorwort

Edelwalda Klein

Als mir die Idee zu dieser Dokumentation kam, hatte ich schon lange eine "kunstreiche" Teenager- und noch intensivere Twenzeit hinter mir.

Alles begann in den 60er Jahren mit dem progressiven Kunstunterricht meiner Kunstlehrerin Frau Bingemer an der Königin Luise Schule, die uns auch die zeitgenössische Kunst nahebrachte. Damals wurde Günther Uecker aus der Künstlerformation "Zero", die er zusammen mit Heinz Mack und Otto Piene in Düsseldorf gegründet hatte und der zeitweilig etliche andere Künstler, u.a. auch Hans Salentin angehörten, bekannt und so "ueckerten" wir im Kunstunterricht vor uns hin, indem wir Nägel in vorher poppig kolorierten Pressspanplatten einschlugen.

Die Pop Art boomte - kam ich doch auf meinem Schulweg an der Galerie Zwirner auf der Albertusstraße vorbei und drückte mir die Nase an den Schaufenstern platt.

Auch die Galerie " Der Spiegel" war mir schon ein Begriff, da ich für eine Steuerberaterin, Frau Dr. Georgesco, die deren Inhaber Hein Stünke kannte, tätig war. Sie war es auch, die mich mit der älteren Kölner Werkschulgeneration, u.a. mit Friedrich Vordemberge, mit dem sie befreundet war, bekanntmachte.

Ende der 60er Jahre ging's dann richtig los. Köln entwickelte sich zur Kunstmetropole des Rheinlandes. Heerscharen von Künstlern strömten in die Stadt. Als Gegenbewegung zum offiziellen, bereits etablierten "Kunstmarkt Köln" (1967 im Kölner Gürzenich, 1988 - 1973 in der Josef-Haubrich-Kunsthalle - 1970 umbenannt in "Kölner Kunstmarkt" - ab 1974 in den Deutzer Messehallen) formierte sich 1969 der "Neumarkt der Künste". 1968 und 69 besuchte ich im Rahmen des Kunstunterrichtes zusammen mit meiner damaligen Klasse und Frau Bingemer den Kunstmarkt in der Josef-Haubrich-Kunsthalle - für mich zu jener Zeit eine kleine Sensation, Ansporn und Ermutigung in mehrfacher Hinsicht. So frequentierte ich dann auch den alljährlich stattfindenden "Neumarkt der Künste" regelmäßig von Anfang an bis zu seinem Ende - stellten hier doch u.a. mit mir befreundete Küntler aus, denen der Zugang zum offiziellen Kunstmarkt verwehrt war.

Anfang der 70er Jahre eröffnete Horst Leichenich das Künstlerlokal "Roxy" in der Maastricher Straße im Belgischen Viertel, in dem, neben den üblichen Nachtschwärmern, vornehmlich bildende Künstler verkehrten, wie beispielsweise Sigmar Polke, C.O. Paeffgen, Rune Mields, Michael Buthe, Ulrike Rosenbach, Marcel Odenbach, Klaus vom Bruch, Heinz Zolper, Theo Lambertin, Jürgen Klauke, Mic Enneper, Charly Banana, Heinrich Brummack, Ulrich Rückriem, das Künstler Trio Jet Ferro, Astrid Klein, Rudolf Bonvie, Bernd Ackfeld, Herbert Schäfer, Carol Bethke, Ro Willaschek, Multitalent Tom Hesterberg, die Künstlerformation "Mülheimer Freiheit", darunter Walter Dahn und Peter Bömmels, aber auch der "Rockpalast"- Moderator Alan Bangs, der damals nebenan wohnte, und Schauspieler, wie Udo Kier und Musiker, wie Drummer Jaki Liebezeit und Keyboarder Irmin Schmidt von "Can", Arno Steffen, Wolfgang Niedecken und die Zeltinger Band, die am 22. Februar 1979 an Weiberfastnacht dort ihren Einstand gab, der von Conny Plank mittels mobilen Aufnahmestudio live mitgeschitten wurde und im August 1979 als eine Hälfte der der ersten Zeltinger LP "De Plaat" live im "Roxy" / live im "Bunker" erschien. Selbst Udo Lindenberg und Marius Müller - Westernhagen waren zu Gast im "Roxy". Eines Abends spazierte sogar Rainer Werner Fassbinder dort herein. Nicht zu vergessen der umtriebige alternative Galerist Ingo Kümmel, der Stammgast und 1967 mit seiner ersten Galerie "Kümmels Spirit and Art Shop", die er in einer Filiale einer einer Schnapsladenkette eröffnete, (später "K 235") in Braunsfeld beheimatet war. Neben dem Verkauf von Schnaps wurden dort Werke noch nicht etablierter Künstler gezeigt und sowohl Dichterlesungen (u. a. mit Rolf Dieter Brinkmann und Heinrich Böll) als auch Kunstaktionen veranstaltet. Als Organisationstalent brachte er Bewegung in die Freie Szene. Alles in allem gab sich dort ein bunt gemischtes Völkchen allabendlich ein Stelldichein. Und bald schallte der Ruf des "Roxy" hinüber über den großen Teich bis nach New York.

Eine andere wichtige Instanz im Kölner Kunstleben war Dietmar Schneider, der die Künstler unterstützte, indem er von 1968 bis 1973 Ausstellungen mit deren Werken in den Schaufenstern der Geschäfte auf der Hohe Straße organisierte. Darüber hinaus gab er seit 1973 34 Jahre lang die "Kölner Skizzen" heraus. In jedem dieser Hefte, die vierteljährlich erschienen, wurde schwerpunktmäßig ein Künstler oder eine Künstlerin vorgestellt.

Keineswegs unerwähnt bleiben dürfen herausragende Persönlichkeiten wie der damalige Kulturdezernent Dr. Kurt Hackenberg, der dieses Amt von 1955 bis 1979 bekleidete und an den sich die Künstler vertrauensvoll wenden konnten, die er nicht zuletzt auch finanziell unterstützte, sowie Dr. Wulf Herzogenrath, der unter seiner damaligen Ägide dem Kölnischen Kunstverein zur Blüte verhalf.

Alle diese Einzelinitiativen bildeten zusammen ein fruchtbares "Netzwerk" für die Künstler, ohne als solches explizit beabsichtigt zu sein - überdies existierte dieser Terminus im damaligen Sprachschatz noch gar nicht.

Weitere "Kunstzentren" waren sicherlich die Ateliers von Michael Buthe in der Gilbachstraße am Rande des Friesenviertels und von Jürgen Klauke in einem Hinterhofbunker in der Elsaßstraße in der Kölner Südstadt, wobei es hier weniger um Kunst, sondern mehr um geselliges Beisammensein der Künstler untereinander und deren Freunden ging. Bei Jürgen Klauke lernte ich beispielsweise ULAY (Uwe Laysiepen), der mit ihm befreundet war, kennen und wenig später dann auch dessen damalige Lebensgefährtin Marina Abramovic, die zusammen zum Kölner Kunstmarkt 1976 aus Amsterdam angereist waren.

Im selben Jahr traf ich mich darüber hinaus mit Rudolf Bonvie, Astrid Klein, Charly Banana, Ingo Kümmel und anderen auf der Art Basel, wo auch die Galeristin Baronin Ingrid v. Oppenheim zu den Ausstellern gehörte, und wir ein illustres Kunstwochenende verbrachten.

Grund genug, nach einem Vierteljahrhundert Bilanz zu ziehen und die Künstler und Künstlerinnen in ihren Ateliers aufzusuchen, um sie zu fragen, was aus der damaligen Aufbruchstimmung geworden ist.

Entstanden sind die Interviews Mitte bis Ende der 90er Jahre.

Intention war es, eine authentisches Dokument zu erstellen in Form einer Sammlung von "O-Tönen" aus dem Munde der Künstler/Innen selbst, die diese Zeit erlebt und maßgeblich mitgeprägt haben, um einerseits einer falschen Legendenbildung entgegenzuwirken und andererseits Wesentliches vor dem Vergessen zu bewahren.

Themenschwerpunkte sind:

- Biografie/Anfangsmotivation/Ausbildung/Werdegang

- Wunschprojekte

- Einschätzung der eigenen Arbeit

- Kölner "Szene"- Charakteristika

- Kunst und Kommerz

- Relevanz von Akademien

- Rolle der Stadt Köln

Die Bandbreite der Antworten auf die Frage nach ihren Anfangsmotivationen spannt sich von "Das war Orientierungslosigkeit und Scheitern auf allen Gebieten" (Bernhard Johannes Blume) bis hin zu "Es gab nie eine Alternative für mich (...). Ich war als Fötus schon Profi." (Hans Salentin)

Typisch kölsch ist. daß die lediglich etwa die Hälfte der Künstler gebürtige Kölner sind und die andere Hälfte "Imis", die erfolgreich "eingekölscht" worden sind.

Die Szenebildung hat sich sich weitgehend aufgelöst aus Altersgründen und Zeitmangel. Man geht aus essen, da man mehr Geld als früher hat und nicht mehr so viel dem Alkohol zuspricht wie damals, wo man sich "in trauter Promille" die Nächte um die Ohren schlug.

Die damalige Stimmung spiegelt sich trefflich in einem Zitat von Wolfgang Niedecken wider:" (...) ist doch egal, womit wir kein Geld verdienen (...)."

Kriterium für die Auswahl der Künstler war, daß alle bildende Künstler sind, teilweise aber auch schwerpunktmäßig auf anderen Gebieten tätig sein konnten, wie Musik (Wolfgang Niedecken), Video (Ulrike Rosenbach, Marcel Odenbach, Klaus vom Bruch), Fotografie (Eusebius Wirdeier), Journalismus / Fotografie (Tom Hesterberg), Filmarchitektur (Herbert Schäfer), Goldschmiedekunst (Falko Marx).

Ein weiteres Kriterium waren zeitweilige Bezüge untereinander:

Lehrer/Schüler Verhältnis: Hans Salentin/Klaus vom Bruch

Zeitweilige Gruppenbildungen wechselnder Konstellation:

PGA ( Produzentengemeinschaft ars )

PGA II    

PALAZZO dell' grande arte

PALAZZO

Gruppenausstellungen (Blume/Marx/Mields/Klauke/Paeffgen/Prager 1975/76 im Kölnischen Kunstverein unter Dr. Wulf Herzogenrath)

Da Michael Buthe in den Kreis der Interviewten gehört, wird er posthum mitdokumentiert in Form einer Hommage aus eigenen Tagebuchaufzeichnungen und Fotografien, Fotografien Dritter, die teils Originale, teils Reproduktionen aus meinen Tagebüchern sind, Rezensionen, Nachrufen, einem Interview sowieText und Musik zu dem Song "November Morje", der Michael Buthe seitens Wolfgang Niedeckens gewidmet wurde.

Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Gespäche auf Kassette aufgezeichnet, vom Band in den PC transkribiert , um anschließend von den Künstlern überprüft, redigiert und nach deren Maßgaben so lange korrigiert zu werden, bis die Endfassung genehmigt wurde. Dadurch wurde garantiert, daß der individuelle Sprachduktus erhalten blieb.

Entstanden ist ein schillerndes Kaleidoskop - auf Kölsch, frei nach Karl Berbuer: "en Äujelskiss" - das die Kunstszene widerspiegelt.

Gut, daß dieses Zeitdokument entstanden ist, denn mittlerweile könnte ich einige nicht mehr befragen, da sie leider inzwischen verstorben sind, so Herbert Schäfer, Hans Salentin, Thomas Hesterberg, Bernhard Johannes Blume, Falko Marx und Theo Lambertin.

Last not least möchte ich mich bei allen, die das Zustandekommen dieser Dokumentation erst ermöglicht haben, bedanken, in erster Linie bei den interviewten Künstlern selbst, aber auch bei allen anderen, die ihren Beitrag in verschiedenen Formen zur posthumen Dokumentation von Michael Buthe geleistet haben. Weiterhin danke ich dem Verleger von Künstlerbüchern und -editionen (u.a. Ackfeld, Blume, Paeffgen, Zolper), Wolfgang Hake, der den Kontakt zu Dr. Günter Herzog, dem wissenschaftlichen Leiter des Zentralarchivs des Internationalen Kunsthandels (ZADIK), hergestellt hat. Insbesondere danke ich Dr. Günter Herzog selbst und seinen Mitarbeitern, die wiederum durch ihre Arbeit die Veröffentlichung auf der Internetplattform des ZADIK einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht haben.

Edelwalda Klein, Januar 2018