Bernd Ackfeld

Herr Ackfeld, wie kam es damals dazu, dass Sie Kunst professionell gemacht haben?

Das ist einfach so entstanden. Klar, es war schon der Wunsch vorhanden, künstlerisch etwas zu machen, aber die Entwicklung dahin war mehr oder weniger zufällig. Ich bin 1968 vom Gymnasium abgegangen, ohne das Abitur zu machen, und war dann ein Jahr auf der Glasfachschule in Rheinbach. Die Termine für die dreitägige Aufnahmeprüfung an der Werkschule, die damals noch obligatorisch war, waren gerade vorbei, und man konnte sich damals nur einmal im Jahr bewerben. Ich bin nach Rheinbach gegangen, um die Mappe für die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. An der Werkschule habe ich zwei Semester Grundlehre gemacht, und anschließend war ich in der freien Grafik bei Professor Will bis 1975. Dort habe ich auch den Abschluss gemacht. Danach hätte ich meinen Meisterschüler machen können, da hatte ich aber keinen Nerv mehr zu – ich war ja sechs Jahre an der Werkschule.

Ich bin dann auf die freie Wildbahn gegangen und habe noch zwei Semester Psychologie und Theaterwissenschaften an der Universität Köln studiert. Danach habe ich künstlerisch weitergemacht. Ich bin mit Heinz Zolper zusammengekommen – den kannte ich ja von der Werkschule. Wir hatten damals ein Atelier im selben Haus in der Venloer Straße 21, wo später auch Klaus vom Bruch und Ulrike Rosenbach waren. Theo Lambertin war auch mit dabei, und wir haben diese „Palazzo"-Geschichte gemacht, nicht gegründet, sondern weiterentwickelt. Gegründet worden ist die schon auf der Werkschule. Die hieß damals allerdings noch „PGA (Produzentengemeinschaft Ars) 2“. Theo Lambertin ist kurze Zeit später bei „Palazzo“ ausgestiegen. Mit Heinz Zolper habe ich bis Ende der 70er Jahre bei „Palazzo“ weitergearbeitet. Der Name „Palazzo“ war eigentlich ein Überbegriff: Wir haben eine Zeitschrift gemacht, wir hatten ein eigenes Theater, wir haben Bilder gemacht, wir haben Musik gemacht, wir haben Filme gedreht. Das war eine multimediale Geschichte.

Einmal hatten Heinz Zolper und ich zusammen mit dessen damaliger Freundin, Michaela Gensmann, einen Musikauftritt in der gerade gegründeten „Alten Feuerwache“, der als eine tierisch laute Kakophonie angelegt war. Heinz’ Hund Liese hat „gesungen“, d.h. sobald wir mit Gitarren und Schlagzeug loslegten, jaulte der Hund ins Mikrophon. Die Anwohner beschwerten sich, und die Polizei rückte an und brach die Veranstaltung ab. Herbert Schäfer, der nach uns seinen Auftritt haben sollte, zündete schnell noch ein paar Rauchbomben. Von unserer Aktion, die das Ende der Veranstaltung herbeigeführt hatte, hatte ein anderer Veranstalter eines Festivals im Bergischen, bei dem wir ein paar Wochen später ebenfalls auftreten sollten, Wind bekommen. Da er fürchtete, dass wir mit unserer Aktion den Rahmen seiner Veranstaltung sprengen würden, das Ganze in einem Eklat enden könnte, hielt er sich nicht an die zwischen uns getroffene Abmachung, d.h., unser Auftritt wurde kurzerhand auf das Ende der künstlerischen Darbietung gelegt. Da wir aber nicht den Rausschmeißer spielen wollten, kamen wir auf die makabre Idee, uns bei einem Autounfall tödlich verunglücken zu lassen, und haben über einen Künstlerfreund diese Nachricht telefonisch beim Veranstalter kolportieren lassen. Um sicher zu gehen, dass diese „message“ auch beim Publikum ankam, haben wir gleichzeitig noch lngo Kümmel eingeweiht, der im Publikum die Mär von dem Unfall verbreitete, mit der Zusatzinformation, im Autowrack seien Handzettel von der Veranstaltung, auf der wir, wie gesagt, auftreten sollten, gefunden worden. Damit war die Stimmung auf dem Festival natürlich im Eimer. Die Nachricht unseres (vermeintlichen) Ablebens verbreitete sich in Köln wie ein Lauffeuer. Wir haben uns drei Tage nicht blicken lassen. Im „Roxy“ herrschte trübe Stimmung. Und am Montagabend darauf tauchten wir dann im „Roxy“ wieder auf. Dementsprechend war die Reaktion, die uns entgegenschlug, verständlicherweise zwiespältig. Nach meinem Ausstieg bei „Palazzo“ habe ich andere Sachen gemacht und nicht künstlerisch weitergearbeitet. Ich hatte auch keinen Kontakt zu Heinz Zolper mehr. Ich war u a. im Ausland, in Frankreich. 1986 habe ich wieder angefangen, künstlerisch zu arbeiten und bin bis heute dabei. Nach dieser „Palazzo“-Geschichte hatte ich einfach irgendwo keine Lust mehr. Das hat so viel Energie gekostet damals. Da hing ja auch sehr viel dran. In „Palazzo“ ist auch sehr viel eingeflossen. Nicht zuletzt dadurch, dass das eine Gruppierung von mehreren Leuten war, war es nachher auch schwierig, da irgendwo alleine in dieser Form weiterzumachen, weil ja sehr viele Sachen innerhalb dieser Gruppe entstanden sind. Das war ja auch die Anlage. Ich hatte danach einfach keine neue künstlerische Konzeption. Deshalb habe ich auch ganz bewusst etwas anderes gemacht. Andere Dinge waren für mich zu der Zeit auch interessanter. Das hat eben eine Zeitlang gedauert, und irgendwann war's wieder so weit: da wollte ich halt wieder etwas tun.

Würden Sie heute noch einmal denselben Weg wählen?

Ich denke im Prinzip schon. Ich würde wahrscheinlich mit dem Wissen, das ich heute habe, manche Dinge anders machen. So wie es abläuft, ist es immer gut, denn: macht man nicht die Fehler, macht man andere.

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzen 20 – 25 Jahren gegenüber früher verändert?

Ich meine, man verändert sich selber, wenn man älter wird und nicht mehr diese Ungezwungenheit von vor 20/25 Jahren hat, diese Unbedarftheit, dass man einfach sagt: „Scheiß egal, was es kostet, man macht. Man dachte über die Folgen oder Konsequenzen jedweder Couleur überhaupt nicht nach, weil man einfach das Bedürfnis hatte, man hatte einfach Bock darauf. Und das ist schwierig, sich das über die Zeit zu bewahren - auch wenn man älter wird, sich diese Art von Unbekümmertheit zu erhalten, sich einfach zu sagen, da habe ich Bock drauf, unabhängig vom Geschäft und den ganzen Querelen, die da ablaufen, sich diese Form von Anarchie, die dem zugrunde liegt, zu erhalten. Das ist schwer, und das muss natürlich jeder mit sich selber ausmachen.

Kunst jetzt - welche Ihrer Vorstellungen sind wichtig geworden? Haben Sie als Person oder Ihrem Werk oder beidem Einfluss nehmen können auf andere, oder war Ihnen das nicht wichtig?

Darüber kann ich nichts sagen.

Kunst und Geschäft: Ist es heute leichter, verstanden und gekauft zu werden? Sammler, Galeristen, Öffentliche Hand: Was ist anders, besser oder schlechter geworden?

Einfach ist es nie gewesen, wird es auch nie sein, war es auch in den letzten Jahren nicht. Nur in den 80er Jahren kam eine andere Geschichte dazu. Da war ein Kunstboom. Wie der entstanden ist, kann man nicht nachvollziehen. Das war einfach so ein Trend. Und heute hat sich das wieder beruhigt. Diese Art der Euphorie und Hysterie, die ja zu der Zeit bestanden hat, die hat sich heute wieder zurückgenommen. Es gibt immer ein Auf und Ab. Es gibt Zeiten, da läuft es, und es gibt Zeiten, da läuft es weniger gut, aber welche Ursachen da greifen, kann ich nicht sagen. Da spielen wahrscheinlich viele Dinge eine Rolle. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Bereitschaft, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, in dieser Zeit größer war, aber einfach aus der Entwicklung heraus. Die ganze gesellschaftliche Situation war eine andere als heute. Zu dieser Zeit ging es um Bewusstseinserweiterung - das war ja das Schlagwort in den 60er und 70er Jahren, und heute ist das eher anders. Die Voraussetzungen haben sich geändert. Heute ist Kultur eher auf Konsum, auf Gebrauch hin ausgerichtet. Kultur muss heute unterhaltend, gebrauchsfähig sein, muss konsumierbar sein.

Möchten Sie kunstkommerziell heute etwas ganz anders haben? Was müsste man Ihrer Meinung nach tun?

Das ist eine schwere Frage. Das wüsste ich nicht zu beantworten. Ich denke, der Markt hat sich so entwickelt. Ich wüsste nicht, welche Form da anders machbar wäre, also diese Art von Kunstvermittlung. Das ist ja das alte Thema. Wie immer als Künstler macht man halt seine Arbeit, und man kann nur versuchen, innerhalb des Geschäftes sich so heil wie möglich durchzubringen. Aber diese Geschäftsbedingungen - das ist ja eine völlig andere Welt. Der Verkauf von Dingen hat seine eigene Gesetzmäßigkeit. Ich glaube nicht, dass man so etwas als gut oder schlecht bewerten kann. Das sind einfach Bedingungen, die da sind, und sie sind so, wie sie sind. Jede Sache ist immer verbesserungsbedürftig, um noch optimaler zu sein. Aber wenn die Bedingungen nicht optimal sind, ich wüsste nicht, wie sie anders sein sollten.

Köln - für Sie ein notwendiger oder ein beliebiger Platz? Gibt es kölnbezogene Wichtigkeiten für Sie heute noch, oder könnten Sie sich heute eine bessere, fruchtbarere Umgebung vorstellen?

Ich bin hier geboren, bin hier zur Schule gegangen und lebe hier. Die letzten 20 Jahre war Köln ja auch ein interessanter Platz. Ich kann jeder Zeit mal eine Zeitlang woanders hinfahren, aber ich wüsste nicht, warum ich meinen Wohnort auf Dauer ändern sollte.

Köln - Provinz, Weltstadt, Sprungbrett, Hindernis? Wäre für Sie eventuell etwas ganz anders gelaufen, wenn Sie nicht in Köln gearbeitet hätten?

Das kann sein. Wie man sich entwickelt, hängt ja in einem bestimmten Alter auch davon ab, welchen Leuten man begegnet. Es gab hier in Köln viele gute Leute; es hier viel abgelaufen. Es ist schwierig, 10 Jahre später noch einmal nachzuvollziehen, was hätte sein können, wenn man woanders gelebt hätte. Man orientiert sich ja in einem Alter um die 20 immer dahin, wo was los ist. Das kriegt man ja mit. Und wahrscheinlich wäre ich auch, wenn ich woanders gelebt hätte, nach Köln gegangen wie so viele. Viele sind ja hierhin gekommen, weil hier einfach so ein Knotenpunkt war. Ob woanders das Gleiche entstanden wäre, das ist sehr schwer zu beantworten.

Öffentlichkeit, Gesellschaft, Stadt Köln - Haben Sie bei der Realisierung Ihrer Ideen Unterstützung gefunden, auch materielle?

Ich habe nie daran gedacht oder mich darum gekümmert, ich wollte das nicht in Anspruch nehmen, weil ich nie die Notwendigkeit hatte. Zu der „Palazzo“-Zeit hatten wir mal Kontakt zu Herterich und auch mal eine Ausstellung im Rathaus. Das war aber alles sehr lose. Wir wollten ja auch autonom bleiben und nicht in diese Bereiche reingehen, dass man beispielsweise bei der Stadt etwas einfordert, von dem man denkt, das steht uns zu. Unsere Autonomie war auch einer der Gründe für unsere Schwierigkeiten im Umgang mit Galerien. Wenn man zu einer Galerie geht, dann teilt man, dann gibt man ja was aus der Hand, und das wollten wir zu der Zeit nicht. Wir hatten die Vorstellung, dass wir alles, was wir machen, auch selber kontrollieren können. Und das ist natürlich sehr schwierig, das haben wir ja auch erfahren müssen, dass man auch gegen Wände läuft, dass es unheimlich viel Energie kostet. Das hat aber andererseits auch wieder viel Spaß gemacht, weil man nicht abhängig war, man konnte ja machen, was man wollte. Das war so, wie's sein sollte: als Künstler unabhängig zu sein.

Aber die Ausstellung im Rathaus, von der ich eben sprach, hat stattgefunden. Da waren mehrere Leute dran beteiligt: Heinz Zolper, Michaela Gensmann, Charly Banana, Jet Ferro, Carol Bethke. Wir haben eine Installation gemacht, und wir haben darüber hinaus, was eigentlich ganz witzig war, ein Plakat zu dieser Ausstellung gestaltet. Soweit ich mich erinnere, ist die Ausstellung kurz vor den Kommunalwahlen gewesen, und darauf haben wir uns auf dem Plakat bezogen: Wir drei, Michaela, Heinz und ich als Politiker wie so ein Wahlplakat, darunter stand: nicht Sozialdemokraten, sondern „Sozialdemokraden“ - das war eine Verballhornung von Werbefotos und Plakaten. Michaela, genannt Chichi, hat eine Foto-Serie ausgestellt. Das waren Fotos von Heinz' Schäferhund Möpschen mit „Palazzo“-Schriftzeichen in Form von Holzbuchstaben im Maul. Ich war mit großen Kohlezeichnungen beteiligt, drei Stück, 2m x 3m: Köpfe, ganz einfache Strichmännekenköpfe mit „Palazzo“-Schrift drin. Heinz hat Bilder mit Kindermotiven ausgestellt.

Gab es damals etwas Wichtiges, was Sie konkret nicht realisieren konnten?

Es gab bestimmt 1000 Projekte Ende der 70er Jahre, die man gerne realisiert hätte, die man aber aus irgendeinem Grunde nicht hat realisieren können, sei es aus Geld- oder aus Zeitmangel. Aber wir haben im Prinzip immer das gemacht, was wir machen wollten, wenn auch nicht immer in einem Rahmen, der angemessen gewesen wäre, aber durchgesetzt und realisiert haben wir unsere Ideen immer. Es hätte natürlich für bestimmte Projekte ein besseres Forum geben können, als das, was man da zur Verfügung hatte, aber das ist immer so am Anfang. Man muss erst einmal den Bereich anvisieren, sich ein Forum zu erarbeiten und auch die Öffentlichkeit herzustellen, die man braucht. Aber das hat uns nicht abgeschreckt. Wir haben unsere Vorstellungen verwirklicht und hatten unseren Spaß. Und das war das Entscheidende.

Gibt es etwas, was Sie heute sofort tun würden, wenn Sie ohne Limit die Möglichkeit dazu geboten bekämen?

Ja natürlich, ich würde mehr Arbeiten realisieren.

Könnten Sie das einmal am Beispiel eines konkreten Projektes erläutern?

Meine Arbeit ist doch mein Projekt.

Szene: Gab es eine, und wollten Sie damit etwas zu tun haben (mitmachen, sie ändern ) oder dagegenhalten?

Sicher gab es eine Szene, die so genannte „Roxy“-Szene, Mitte bis Ende der 70er Jahre, wo sich damals die Künstler, die in Köln zu der Zeit auch gewohnt und gearbeitet haben, vorwiegend getroffen haben. Es gab selbstverständlich noch andere Künstler in Köln und wahrscheinlich auch andere Szenen, die letztlich auch so einen Platz wie Köln ausgemacht haben. Da kann man nicht sagen, das seien nur die Künstler gewesen. Ich habe mich mit Sicherheit als Teil der Szene empfunden. Jeder kannte ja jeden. Man sah sich ja auch jeden Tag im „Roxy", und automatisch war man natürlich in irgendeiner Form immer ein Bestandteil, ob man nun selber da etwas gemacht hat oder nur Gast war oder nur abgekippt hat. Es gab ja nicht diese Trennung. Da waren ja nicht nur Künstler anwesend, da waren auch andere Leute, also jeder, der so ein bisschen aus der Reihe fiel, der verkehrte da, oder jeder, der auch Interesse an so einer Szene hatte, der traf sich da. Wir haben untereinander bestimmt auch mal über die Arbeit geredet, aber hauptsächlich war das einfach abhängen, abfeiern - was halt in Kneipen so abläuft. Es war nicht so, dass man dahin ging, um über Kunst zu quatschen - das war das Wenigste. „Roxy“ war Happening, Party war das.

Szene: Was war Ihr Beitrag zur Szene, oder ist sie entscheidend für Ihre Chancen gewesen?

Ich war zu der Zeit bei „Palazzo". Inwieweit „Palazzo“ einen Einfluss auf die Szene hatte, weiß ich nicht. Irgendwo gab es bestimmt schon Reibungspunkte. Wir haben ja nicht im luftleeren Raum gearbeitet, wir sind schon beachtet worden, auch von den anderen. Es gibt immer Berührungspunkte, und man übernimmt immer irgendetwas. Wir haben uns ja auch von anderen Leuten beeinflussen lassen, allein durch die Informationen, die da auftauchten, was zu der Zeit alles gemacht worden ist - das verarbeitet man ja irgendwo. Es ist aber nicht so, dass ich jetzt ganz dezidiert sagen könnte, wen wir beeinflusst haben - das mit Sicherheit nicht.

Wen fanden Sie damals besonders gut, wen heute?

Angefangen von den Pop-Art Leuten über Paeffgen bis hin zu Beuys. Die meisten von denen, die ich damals gut fand, schätze ich nach wie vor. Es gibt selbstverständlich auch ein paar, die man bezüglich der eigenen Arbeiten interessanter oder weniger interessant findet. Man zieht sich ja immer das heraus, was man braucht und beschäftigt sich damit. Aber prinzipiell finde ich die Leute, die ich früher gut fand, zum größten Teil auch heute noch interessant.

Gibt es Ihrer Meinung nach Leute, die heute zu Unrecht vergessen worden sind, oder zu Urecht Erfolg haben, hochgejubelt worden sind?

Was heißt hier zu Recht oder zu Unrecht?. Es reguliert sich alles von ganz alleine im Laufe der Zeit. Wenn Leute zu Unrecht oben sind, dann ist ja die Frage, ob sie sich halten können. Mir gefallen die Begriffe nicht. Kunst ist ja auch ein Geschäft und hängt auch von einer Mode ab oder von Zeiterscheinungen, vom Zeitgeist. Es gibt viele Leute, die zeitgemäß arbeiten, in diese Zeit hineinpassen und auch gekauft werden. Das finde ich auch völlig legitim. Ob das aber gut oder schlecht ist, ob das Kunst ist oder nicht, ob bekannt oder unbekannt - diese Fragen stellen sich für mich nicht. Sicher gibt es auch Leute, die den Durchbruch nicht geschafft haben, die vielleicht gut waren, aber vielleicht hat irgendwas gefehlt - das weiß man ja nicht.

Nachdem es die Kölner Werkschule, spätere Fachhochschule für Kunst und Design nicht mehr gibt - bedauern Sie das, oder ist das für Sie unwichtig?

Für mich persönlich ist das egal, denn als ich da weg war, war die Werkschule für mich ja erledigt. Aber andererseits finde ich es schon schade, weil sie z.B. im Gegensatz zur Düsseldorfer Akademie in einer anderen Tradition stand. Sie war nie Akademie, sondern immer eine Werkkunstschule, die aus dem Handwerk kam. Vor allen Dingen hat sie ganz bestimmte Sujets hier abgedeckt, gerade speziell in Köln. Es war schon sehr befremdlich, dass man sich zu ihrer Schließung entschieden hat, nicht zuletzt die Art der Vorgehensweise. Es ist auch deshalb schade, weil es die Leute wieder zwingt, woanders hinzugehen. Das Schöne an der Werkschule war ja, dass sie eben keine Akademie war, und trotzdem waren alle Fachbereiche vorhanden: Freie Malerei, Bildhauerei Architektur, angewandte Geschichten - also alles das, was eine Akademie letztendlich auch hatte, und das fand alles in einem Bereich, in einem Hause statt. Wenn man Interesse hatte, konnte man sich alles ansehen. Die heutigen Fachhochschulen sind dagegen vollkommen verschult: Da ist der Bereich, dort ist ein anderer Bereich - alles ist fachgerecht aufgesplittet.

Ist eine Akademie als solche für Sie notwendig, wichtig oder überflüsssig?

Es sollte auf jeden Fall Akademien geben. Ob man sie nutzt, ob man sie in Anspruch nimmt, ist jedem selbst überlassen. Jeder hat ja die Möglichkeit zu sagen: Nein, ich brauche sie nicht. Aber als Angebot sollten sie erhalten bleiben. Inwieweit Akademien jetzt als Stätte für Nachwuchs eine Relevanz haben, ist natürlich wieder eine andere Frage. Das entscheidet ja die Zeit. Aber prinzipiell ist die Idee der Akademie, dass man dahin gehen und in Ruhe ein paar Jahre arbeiten kann, unbezahlbar. Es ist natürlich die Frage, ob das auf die Dauer zeitgemäß ist, wo heute alles so kommerzialisiert ist, ob dieser Luxus in der näheren Zukunft überhaupt noch gewährleistet ist.

Die neue Medienakademie – ist sie eine Alternative zur alten Fachhochschule oder sogar eine Weiterentwicklung? Entspricht sie einem gegenüber Ihrer Anfangszeit gewandelten Anforderungsmodell künstlerischer Möglichkeiten, neuen (verengten, erweiterten) Rahmenbedingungen der Kunst generell, oder einer neueren Einstellung der Öffentlichkeit Kunst gegenüber?

Die Frage kann ich nicht beantworten, weil ich gar nicht weiß, was an der Medienakademie angeboten wird.

Welchen Rat würden Sie heute einem jungen Künstler geben, den Sie für talentiert und substantiell halten, damit er konsequent seinen Weg gehen kann?

Ich glaube, dem kann man gar nichts sagen. Entweder kann der sich selber was sagen oder nicht. Den einzigen Rat, den ich ihm geben würde ist: Durchhalten - egal, was kommt! Denn man kann ja nicht sagen: Pass' da auf, oder pass’ da auf! Jeder tappt ja in die eigenen Fallen. Das einzige, was man meines Erachtens wirklich sagen kann, ist, sich nicht entmutigen zu lassen, auch wenn Widerstände da sind, sondern dass man einfach sagt: Das ist mein Ding.

Plätze: Wo gingen Sie früher hin, wohin heute, warum?

In den 70er Jahren ging ich vorwiegend ins „Roxy“ oder in Galerien. Da fing das ja an mit den Galerien, und das war natürlich auch Abenteuer. In den 80er Jahren ging es in andere Kneipen, da war Nachpunk, da war die „New Wave“-Szene angesagt. Da gab es immer mehr Kneipen in Köln. Ich habe da viel im „Blue Shell“ verkehrt, wo eigentlich wenig Künstler waren, außer denen der „Mülheimer Freiheit“. Im „Blue Shell“ begegnete man einer sehr offenen Gesellschaft: Da gab's Punks, da gab's Rocker. Diese Zeit war auch offener - es traf sich wieder alles irgendwo, und man hatte nicht so abgegrenzte Zirkel. Heute gehe ich selten weg, und wenn, dann gehe ich privat Leute besuchen, oder ich gehe ins „Dos X“ ( „Dos Equis“ ) auf der Friesenstraße neben dem „Päffgen". Auf kneipenmäßige Touren habe ich nicht mehr so oft Bock. Es kostet mich einfach zu viel Zeit.

Die Entwicklung der letzten 20 - 25 Jahre: Wie und wodurch ist Köln zur „Kunstmetropole" geworden?

Ich denke mal, vorwiegend durch's business. Köln ist sehr zentral gelegen. Die Messehallen waren da. Dann waren ein paar entscheidende Galeristen da, wie Stünke und Zwirner und natürlich die vielen Sammler hier im Rheinland. Die ganze Atmosphäre hier war am brodeln. Es gab hier genügend Humus. Da konnte viel entstehen. Nicht zu vergessen ist auch ein Mann wie Hackenberg, der sehr viel dafür getan hat, dass Köln eine Kulturstadt wurde. Nicht zu vergessen, der Kunstmarkt. Das war ja wie ein Virus, der hier gewirkt hat. Es kamen ja auch immer mehr Künstler nach Köln. Das ist dann einfach so. New York ist ein vergleichbares Beispiel. Kunstmetropolen entstehen auch durch Propaganda.

Wie sehen Sie die korrelative Entwicklung anderer „Kunst-Zentren" während dieser Zeit? Welche Alternativentwicklung hat z.B. Berlin nach Ihrer Meinung genommen - Vorrang, Ablösung? Was sind die Kriterien und Effekte?

Das Beispiel Berlin ist eine politische Geschichte. Berlin muss zum Tragen kommen - auf jeder Ebene, in allen Bereichen. Man muss sich ja nur mal ansehen, was da gebaut und an Wirtschaft hingezogen werden soll. Berlin ist jetzt Hauptstadt - also muss Berlin aufgewertet werden. Deshalb versucht man jetzt auch, Berlin als die Kulturstadt zu propagieren, was es nun mal in den 20er Jahren war. Man versucht, an diese Tradition anzuknüpfen. Es ist die Frage, ob das gelingt. Köln wird eine Kunststadt bleiben. Aber die Situation hat sich verändert. Es sind nicht mehr diese Voraussetzungen da wie vor 20 Jahren. Möglicherweise wird irgendwann in Köln auch vielleicht gar nichts mehr ablaufen. Dann ist das aber auch okay. Köln war dann eben für die 70er und 80er Jahre eine wichtige Stadt, wie es eben auch andere Metropolen gab, die für eine bestimmte Zeit wichtig waren und die durch politisch- gesellschaftliche Veränderungen an Bedeutung verloren, wo dann andere Gegenden und Städte wichtig wurden - sich das Ganze anders zentriert hat. Wenn man in Berlin das jetzt synthetisch aufbauen will, habe ich da so meine Zweifel. In Köln ist das einfach so gewachsen. Man hat es ja auch mit Frankfurt versucht. Die hatten ja immer Vergleichsmöglichkeiten mit Köln. Köln war immer der große Arsch, der alles zuschiss. Und jeder wollte jetzt auch einen Haufen setzen. Und da geht es einfach an der Sache vorbei. Es geht immer nur um Konkurrenz. Man will selber unbedingt Kunststadt sein. Abgesehen von ökonomischen Gründen, dass das Besucher und damit Geld bringt, ist mir dieser Wunsch ohnehin ein Rätsel.

Falls andere für Sie relevante Regionalentwicklungen bedeutsam sind, welche, warum, mit welcher Perspektive?

Mit Sicherheit gibt es noch andere Plätze, wo es interessant wäre zu arbeiten, z.B. New York. Jeder Ort in der Welt ist letztendlich interessant, um dort zu arbeiten. Wenn man arbeitet, hat das nicht unbedingt viel damit zu tun, wo man arbeitet. Für die Atmosphäre, für die Zeit, in der man sich entwickelt, ist es wichtig, dass man relativ schnell und ohne sich großartig bewegen zu müssen, Informationen erlangt. Das ist ja das Interessante an Kunstzentren, dass man in einer relativ kurzen Zeit das Optimum an Informationen bekommt, man viel sehen kann, man alle wichtigen Galerien vor der Nase hat.

Unter einem solchen korrelativen Aspekt: Wie sind die Charakteristika Ihrer Arbeit, Ihre Entwicklung, Vorhaben und Resonanz im Vergleichsrahmen der überregionalen Entwicklung der letzten 20 - 25 Jahre zu sehen?

Das kann ich schwer beantworten. Ich lebe ja in der Zeit, wie wir alle in den letzten 25 Jahren und habe die gleichen Bedingungen. Also bin ich in gewisser Weise auch abhängig von den Dingen, die in dieser Zeit gelaufen sind. Sicher sind da Einflüsse vorhanden, ohne Frage, weil ich mir ja nichts unter den Fingernägeln rauslutschen kann. Ich stehe ja im Kontext zu allen möglichen Geschichten.

In diesem Zusammenhang abschließend die Bitte um Würdigung bzw. kritische Stellungnahme aus persönlicher Sicht zu Person und Arbeit verstorbener Kollegen (u.a. etwa Michael Buthe, Manni Löhe, Al Hansen)

Buthe war mit Sicherheit ein guter Mann und auf jeden Fall eine Kraft, das muss man sagen. Buthe war unabhängig. Der hat einfach sein Ding gemacht. Der hat einfach gesagt: Hier bin ich, das mache ich und entweder fresst oder leckt mich am Arsch. Seine Art, mit den Dingen umzugehen, war schon sehr autonom. Klar fasziniert das, weil es zeigt: Es geht. Man kann sein Ding durchziehen, und es funktioniert. In dieser Hinsicht war Buthe ein Mann, der ermutigt hat durch seine Präsenz und seine Art der Ehrlichkeit auch. Manni Löhe ist ja eine Legende, der Mann. Wie der künstlerisch zu bewerten ist, ist eine andere Geschichte, aber der hat schon viele Sachen gemacht, wenn auch nicht so ganz bewusst, mit denen er den Nerv getroffen hat. Der war so auf der Scheide: Man wusste nicht, ob er wirklich beknackt ist, oder Künstler. Er hat ja auch diese Grenzen immer selber verwischt. Ohne Frage war er zumindest ein faszinierender Typ, ein permanenter Performer. Ich wüsste niemand, der so konsequent sein Leben gestaltet, so in einer permanenten Performance gelebt hat. Aber ob er das jetzt immer wirklich so absolut bewusst gemacht hat, weiß ich nicht, oder ob das nachher so drin war, dass das einfach so ablief, aber der war schon klasse, der Manni. Zu Al Hansen kann ich wenig sagen, da ich seine Arbeit kaum kenne.