Charly Banana in Zusammenarbeit mit Ralf Johannes

Herr Johannes, wie kam es damals dazu, dass Sie Kunst professionell gemacht haben?

Ich bin 1953 in Köln geboren und hatte keine rechte Vorstellung, was ich im Leben werden sollte. Als Jugendlicher war ich von Musik gefangen. Schule war nebensächlich. Ich wartete erwartungsvoll, bis die nächste Platte von den Rolling Stones herauskam oder von The Who oder den Kinks. Das war für mich eine absolute Faszination damals. Es gab ja nicht die Mentalität wie heutzutage. Da gab es den Beat-Club, aber es gab nicht diese Videos und so Sachen - die Verbreitung gab es ja gar nicht. Da war ja auch Kunst gar nicht modisch. Es hieß ja in der Zeit immer noch: Holt die Kinder von der Straße, die Künstler und die Zigeuner kommen! Die 60er und 70er Jahre waren eine Aufbruchszeit in der Musik, im Film, speziell im deutschen Film, überall. Das Fernsehspiel war eine richtig engagierte Angelegenheit. Da herrschte eine Mentalität, die etwas bewegen wollte. Man hatte doch Visionen, Zukunftsvisionen. Und irgendwann hat man sich gesagt: aus mir muss ja mal was werden. Ich habe gemalt, und mein Vater hat davon Fotos gemacht und an die Werkschule zur Aufnahmeprüfung eingeschickt. Daraufhin bin ich eingeladen worden, da einen Test zu machen und eine Probezeit zu absolvieren. Ab 1971 habe ich dann auf der Kölner Werkschule, auf der Kunstakademie in Düsseldorf und auf der Sporthochschule in Köln studiert. ln Köln war ich Meisterschüler bei Professor Pravoslav Sovak. Zum Glück hat man mich in Ruhe gelassen. Das war die Hauptsache. Das war eine der wenigen freien Klassen, wo man selbständig arbeiten konnte. Sonst musste man immer eine Vorgabe machen. Zu der Zeit war ich psychisch am wackeln und wollte mich geistig-seelisch ordnen, und da brauchte ich ein Medium für, und da war Kunst genau das Richtige. Das war wie ein stiller Psychiater für mich. ln Köln habe ich einerseits Astrid Klein, Rudolf Bonvie, Augustina von Nagel, andererseits Niedecken und Boecker - von BAP die Leute - Zolper und Lambertin - das war ja alles eine Generation - kennengelernt Auf wieder einer anderen Seite standen Klaus vom Bruch und Marcel Odenbach - das war ja alles ein Durcheinander. Die haben sich da alle formiert zunächst in der Kneipe "Exil", später dann im "Roxy". Manche haben zusammen gearbeitet, wie z.B. Boecker und Niedecken oder Zolper, Lambertin und Ackfeld. Ich dagegen war immer eher ein Einzelgänger. Ich habe nie große Bindung gepflegt oder gesucht. Ich habe gemalt und Performance gemacht, auch mit Jet Ferro eine Zeitlang: Bologna, Documenta, Kunstmesse Basel, Stollwerck hier früher noch.

Die Düsseldorfer Kunstakademie hatte mich damals insgesamt prima fasziniert. Und es gab das legendäre Lokal "Creamcheese" schon. Mit 14, 15 Jahren bin ich oft von Köln nach Düsseldorf gefahren und habe mich da getestet. Ich habe einige Jahre an der dortigen Akademie studiert, ab 1976 parallel an der deutschen Sporthochschule Köln bis 1983.

Würden Sie heute noch einmal den selben Weg wählen?

Ich denke schon. Nur leider ist es heute nicht mehr so wie in den 60er und 70er Jahren:ein bisschen rumspinnen, verspielte Phantasie mit Zukunftsvisionen gepaart. Heute ist das Lückensuche und keine Zukunftsvision mehr. Die Leute sind oft auf einem Negativtrip. Ich habe mir auch überlegt, was ich da überhaupt noch für eine Bedeutung drin habe von meinem Anspruch her, ob sich das nicht alles auflöst. Die ganze Bilderflut hat ja gar keinen Sinn mehr.

Was ist das für ein Anspruch, ein Freiheitsanspruch?

Auf jeden Fall. Wenn der von Seiten der wahren Kultur nicht da ist, kann man es vergessen, dann ist man Dekorateur, wenn dieser Anspruch nicht da ist. Der Urtrieb ist der Freiheitsgedanke, sich auszudrücken und Neuland zu erkennen und auch im Prinzip die Polarität herauszufordern, diese Transzendenz dahingehend, diese ganze Dimension der Phantasie zu aktivieren. Der Reiz ist eigentlich die Polarität im Leben. Durch diese Herausforderung ergibt sich eine Kraft, an der man wachsen kann. Du musst ja davon ausgehen, in der letzten Konsequenz ist der Mensch ja in keinem Raum drin, der ja gar nicht beweisbar ist laut Wissenschaft. Wir sind Lebewesen, deren Herkunft - wenn man jetzt nicht gerade religiös ist - unbekannt ist, man ist da im Prinzip gar nicht irgendwo verankert. Und das hat mich auch eigentlich immer interessiert. Ich komme mir wie ein Gast auf dieser Erde vor. Ich bin nicht fixiert, auch nicht auf irgendwelche großartigen materiellen Dinge. Sie stellen für mich keinen Wert dar. Ich bin an Erfahrungen interessiert und im Prinzip an Menschen, mit denen man auskommen kann. Das ist ja der Irrtum des materialistisch geprägten Menschen, der denkt, er könne sich präsentieren durch Material. ln der heutigen Zeit ist das kompletter Wahnsinn, denn das funktioniert ja gar nicht mehr. Und das ist ja der Irrwitz: wenn einer 150 km im Stau steht mit dickem Mercedes und sich wie King Otto vorkommt. Das ist schon ein Witz, eine Karikatur. Das ist genau wie bei der Kunst. Der Mensch wird immer mehr eine Karikatur von sich selber, nicht nur in der Kunst. Wenn das so weitergeht, dann kommt meines Erachtens der absolute Selbsthass, weil der Mensch fremdbestimmt und nicht mehr Herr seiner eigenen Regungen ist, und das passiert ja durch die Mediendiktatur.

Auf die Musik bezogen: Wie z.B. den Rolling Stones - denen ist etwas eingefallen, aber genauso viele merkten auf einmal, dass sie eine Entwicklung über eine gewisse Zeitspanne gemacht und nichts mehr zu sagen haben, denn, was sie da ausgesagt hatten, das war ihre Problematik. ln der Schriftstellerei oder im Film gibt es dieses Phänomen ja auch. Es gibt Autoren und Regisseure, die machen nur ein, zwei, drei gute Bücher bzw. Filme. Was mich interessiert, ist, in der Zeit drin sein. Und das ist schwierig, wenn die Zeit krank wird. Das ist vergleichbar mit Hitler-Deutschland - das war ein Massenphänomen - da ist die Zeit krank geworden.

Was das Verständnis meiner Person anbelangt, reichte die Spanne von Star bis Idiot. Viele Menschen denken ja auch ganz anders, und sie haben oftmals etwas reflektiert, womit man ja auch erst mal fertig werden muss. Es gibt viele Menschen, die mehr in der Öffentlichkeit stehen als ich, z.B. Schauspieler, Fotomodelle, die auf Schönheit, Aussehen angewiesen sind. Wenn man sensibel ist, muss es einen doch fertig machen, als Marionette, die hoch und runter geschickt wird rum zulaufen. Aber die sind eben anders, narzisstisch, gepolt. Die nehmen das in Kauf, mehr geldmäßig, wenn sie nur an etwas teilhaben. Aber wie viele gehen da unter? Fast in jeder Rockgruppe aus meiner Generation ist mindestens einer an Drogen, am exzessiven Leben zugrunde gegangen. Das Leben ist absurd geworden - wenn es nicht schon immer absurd war – da brauche ich gar nicht mehr exzessiv zu leben. Wenn ich heutzutage normal lebe, ist das schon Provokation genug. Die Welt ist besoffen.

Warum firmieren Sie unter zwei Namen?

Das ist mehrschichtig. Ich arbeite in Zusammenarbeit mit mir. Das ist langsamgewachsen: Charly Banana in Zusammenarbeit mit Ralf Johannes. Ich habe schon ein paarmal doppelte Spesenabrechnungen bekommen - liebend gern. Das ist einmal eine lronisierung von Künstlernamen, warum und weshalb es Künstlernamen überhaupt gibt. Dann wiederum dieses auf der einen Seite Künstlerleben, auf der anderen Seite "normale" Leben, was man ja zusammenbringen muss, wo diese Schwierigkeit ja immer war. Beispiel Mozart: auf der einen Seite diese hohe Sensibilität, Transzendenz, auf der anderen Seite die Banalität der Existenz, sich wieder drei Kartoffeln zu besorgen. Vielleicht bin ich auch dreifach oder vielfach. Seelenwanderung: Meine 50 000 Seelen vorher machen mich manchmal schon fix und fertig. Die brauche ich nur zu rufen, dann gehen die im Chor los.

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten 20 - 25 Jahren gegenüber früher verändert?

Meine Vorlieben haben sich grundsätzlich nicht geändert. Ich bin in gewisser Weise planlos. Ich sehe zwar in die Zukunft, aber das kann auch sehr belastend sein. Man kann nicht alles planen, vieles ist Schicksal. Deshalb bin ich auch bis vor kurzem immer viel herumgereist. Ich war ein Jahr in New York, ein Jahr in Kopenhagen, war in London, in Paris, in Florenz, in Berlin - überall. Und das hat mir geholfen, nicht in so eine Enge zu geraten, denn gerade im Kunstgeschäft ist es ja vollkommen eng. Das hat mit Freiheit, Kunst und Kultur inzwischen nichts mehr zu tun. Da gibt es vorgegebene Verhaltensmuster. Und wenn man nicht brav oder dekorativ ist, hat man heute fast keine Chance mehr. Die Umkehr ist praktisch da: So wie es damals in den 60ern unmöglich war, Markenartikel zu tragen, Werbung für Prestige-Firmen zu machen, ist es heute bei vielen Menschen unabdingbar, ein Label zu haben. Das war auch ein generelles gesellschaftliches Problem zur damaligen Zeit. Das war ein Aufbrechen der 50er Jahre, dieser Muffkiste, dieses Spießertums. Meine Generation wurde da mit reingerissen. Ich war zwar nicht exakt die 68er Generation, aber die 65er - also zwei, drei Jahre Unterschied. Mich hat diese ganze Gangart fasziniert. Drogen kamen auf: LSD und Haschisch das fing gerade erst an. Als dann der erste an Drogen gestorben ist, war ich geschockt: Wie konnte das passieren? Heute sind Drogentote ein alltägliches Phänomen geworden.

In den 80er Jahren fing diese Beliebigkeit an. Erstens existieren Kunstbetrieb und Kunstszene in dem Sinne gar nicht mehr. Zweitens ist es mir schon oft passiert, dass ich, wenn ich an einer Kunstkneipe vorbeikomme, auf die andere Straßenseite gehe, weil ich die negativen Ströme, die da rauskommen, nicht aushalten will - ich sehe dann weg. Die Leute sind verbissen, aggressiv und haben wenig zu bieten. Sie sind Lückensucher, sind oberflächliche Effekthascher nach dem Motto: Wo kann man was mitnehmen? Konkurrenzdenken hat es immer gegeben, solange Menschen auf der Erde leben. Wenn es eine gewisse Fairness und Auseinandersetzung mit einer Qualität beinhaltet, ist das in Ordnung. Und das hat es damals gehabt, weil es Neuland war. Heute gibt es meistens keine Wirkung mehr. Alles wird toleriert, alles ist konsumierbar.

Ich habe mich immer begriffen als Bestandteil von vielem, von allem. Jeder Mensch, der nicht begreift, dass er nur Bestandteil von vielem ist, hat meines Erachtens in der Intelligenz eine Lücke. Wenn einer sagt, in der Kunst sei er der Größte, sage ich: "Junge, du bist mir zu langweilig."

Ich kann heutzutage jeden ernsthaften Sammler oder Kunstinteressierten verstehen, der sich aufgrund der Beutelschneiderei im Kunstgeschäft der 80er Jahre verarscht fühlt. Es wird zunehmend dünner und immer aggressiver, und bald ist Feierabend. Momentan herrscht Stillosigkeit, Beliebigkeit, und es geht immer mehr in die Dimension des Schwachsinns. Das ist schade. Aber ich folge dem nicht.

Was ich an mir mag: Ich bin ein vielfältiger Mensch. Einfältige Menschen gehen als einfältige durchs Leben. Die haben es oft sehr einfach, die sitzen das aus und denken nur an Geld, und da sind die auch viel stärker teilweise. Das ist ja der Unterschied zu den kreativen Menschen, die im Selbstzweifel hängen, in irgendwelchen Dimensionen rumfuchteln. Diese Geschäftsleute, das ist ein ganz anderes Volk - gerade in der heutigen Zeit. Die interessiert ja keine Kunst mehr, die interessieren sich nur für sich selber. Die Kunst ist für die nur nebensächlich. Die neue Generation – von Ausnahmen abgesehen - benutzt den Künstlerstatus, um sich in der Gesellschaft darzustellen. Oft hat diese Generation auch genügend Geld von Hause aus, sie will gar nichts mehr verkaufen. Sie tingelt weltweit herum und widmet sich Scheinaktivitäten. Es gibt mittlerweile genügend Familien, die das aufgrund finanzieller Absicherung tolerieren, deren Kinder machen aus modischen, gesellschaftlichen Gründen Kunst oder Musik als Beschäftigungstherapie.

Kunst jetzt – welche Ihrer Vorstellungen sind wichtig geworden? Haben Sie als Person oder mit Ihrem Werk Einfluss nehmen können auf andere, oder war Ihnen das nicht wichtig?

Ich hatte zwar mit den Wilden zu tun, aber ich war nie ein Wilder in dem Sinne. Teilweise habe ich auch was mit denen gemacht, z.B. mit dem Salomé habe ich bei einem Performance-Symposium zusammengearbeitet. Ich habe nie so eine Gruppensituation haben wollen: zusammen Fußball spielen, Grillabende veranstalten, rumdiskutieren, wie was am besten zu machen ist - da bin ich kein Typ für. Die Wilden waren von der neoexpressiven Malerei wie z.B. Baselitz und Lüpertz inspiriert, während ich im Prinzip mehr von Individualisten wie Buthe, Höckelmann, Klauke, Mields und Polke im näheren Umfeld und der Vorgängergeneration angeregt war. Die Leute, die jetzt nachkommen, interessieren sich meistens nicht mehr für Kunstgeschichte, sondern für diesen Cross-Over-Effekt, wie in der Musik: Die mischen alles zusammen.

Kunst und Geschäft: Ist es heute leichter, verstanden und gekauft zu werden? Sammler, Galeristen, Öffentliche Hand: Was ist anders, besser oder schlechter geworden?

Ich habe europaweit mit Galerien gearbeitet, weltweit in Museen, Instituten ausgestellt. Mittlerweile gibt es eine weltweite Verkettung von ein paar gewissen Leuten, die spekulativ in festen Schienen arbeiten. Es geht nicht mehr um Inhalte, sondern um Spielregeln, die man einhalten und denen man entsprechen muss, und dann läuft das. Dann gibt es noch ein paar vereinzelte Individualisten, dieses Phänomen stirbt aber inzwischen immer mehr aus. Im großen und ganzen ist im Handel ausschlaggebend: Wenn Prestige und Profit nicht mehr stimmen, ist Feierabend. Für mich stellt sich zur Zeit die Frage: Wie schwachsinnig der Mensch noch werden will und was ich damit zu tun habe. Diese Frage konnte ich bisher nicht beantworten. Ich bin noch in der Warteschleife. Auf der einen Seite bin ich davon fasziniert, auf der anderen Seite suche ich Alternativen, damit ich mit dem Handel nichts mehr zu tun haben brauche. Auch die Museen sind mittlerweile fast abhängig von Sponsoren. Seit mehreren Jahren denke ich darüber intensiv nach. Das wird immer intensiver.

Möchten Sie kunstkommerziell heute etwas ganz anders haben? Was müsste man Ihrer Auffassung nach tun?

Wie bereits gesagt, ist der heutige Kunsthandel fast manipuliert. Er hat mit Inhalten nichts mehr zu tun, was immer mein Anliegen war. Heute funktioniert der Kunstbetrieb nach den Mechanismen eines Werbebetriebs. Meine Gedanken sind da in Arbeit.

Köln - für Sie ein notwendiger oder ein beliebiger Platz? Gibt es kölnbezogene Wichtigkeiten für Sie heute noch, oder könnten Sie sich heute eine bessere, fruchtbarere Umgebung vorstellen?

Heutzutage hat das was mit Heimat zu tun. Wo man geboren ist, da zieht es einen schon hin. Ich bin viel herumgekommen, aber auch immer gerne wieder zurückgekommen. Köln ist angenehm. Man kennt viele Leute. Mir liegt die Kölner Mentalität. Ich mag den Umgangston. Ich habe ja in vielen deutschen Großstädten gelebt, beispielsweise in München - eine schöne Stadt mit einer schönen Umgebung, aber irgendwie eine reiche Witwenstadt. ln Hamburg würde ich auf Dauer trotz des ganzen Wassers zum Trockenfisch werden. Berlin ist interessant. London wäre als Aufenthaltsort in den 60er Jahren gut gewesen. ln New York gibt es Hochhäuser voll mit Kunst wie Harrods oder wie Karstadt - etagenweise, schluchtenweise Kunst. Das ist ein Industriezweig geworden, weil es viele Leute gibt, die Geld haben. Für sie ist es ein Gesellschaftsspiel, eine Galerie zu führen. Sie können palavern und Kaffee trinken. Hier ist das mittlerweile genau dasselbe. Deshalb gehe ich jenseits meines Interesses an Kunst auch selten noch in eine Ausstellung. Früher bin ich dahin gerast, ich wollte alles kennenlernen. Heute bin ich wie gesagt leider froh, wenn ich der Kunstszene den Rücken drehen kann, weil vieles hier - gerade in der Kunstszene- auch sehr kleinkariert ist. Oftmals habe ich festgestellt: die Kleinkariertesten hier, die wollten am liebsten mit Künstlern vom Nordpol oder aus Santo Domingo zu tun haben, um sich selbstdarstellerisch damit zu brüsten, sich einen exotischen Anstrich zu geben.

Köln - Provinz, Weltstadt, Sprungbrett, Hindernis? Wäre für Sie eventuell etwas anders gelaufen, wenn Sie nicht in Köln gearbeitet hätten?

Wenn in einer Stadt etwas los ist, wenn dort Aktivitäten passieren, dann wird man auch inspiriert dadurch. Und wenn man in einem kleinen Dorf groß wird, dann wird man oftmals durch Engstirnigkeit inspiriert. Das ist schon ein großer Unterschied. Es ist von Vorteil, in einer aufgeschlossenen Stadt wie Köln aufzuwachsen, in einer Kunststadt hat man es einfacher. Ich bin im Prinzip da rein gerutscht. Nur heute könnte ich mir schon fast wieder vorstellen, woanders hin zu rutschen und etwas anderes zu machen. Vieles ist ja zur Zeit im Umbruch: die Multimediagesellschaft, Informationsgesellschaft kommt, in der Kunst lösen sich die Begriffe auf. Meine ursprüngliche Faszination schlingert auf einem Seil.

Öffentlichkeit, Gesellschaft, Stadt Köln - Haben Sie bei der Realisierung Ihrer Ideen Unterstützung gefunden, auch materielle?

Köln hat mir geholfen, indem ich das Vordemberge-Stipendium bekommen habe. Ich habe darüber hinaus 1980 das New York-Stipendium erhalten. Ich habe auch Leute gegen mich, normal. Da sind mitunter Neid und Missgunst im Spiel. Köln und Humor. Ich mag Humor. Was ich für sehr wichtig halte, das ist ja diese Transzendenz nach oben, diese Öffnung: Humor, Lachen. Die, die nicht diesen Humor haben, sind ja schon sauer, wenn sie einen kommen sehen, weil sie darin eine Gefahr für sich selber sehen mit ihrer verkorksten Haltung. Humor ist auch Erkennen. ln der Kunst ist der Humor ein schwieriger Fall. Ich bin einerseits todernst, auf der anderen Seite auch immer häufiger nett, humorvoll, witzig, aufgeschlossen, schwungvoll, eine rundum elegante, angenehme Erscheinung. Tolle Aura. Wie immer mehr Menschen auf der Welt erkennen. Speziell auf Sansibar sagen immer mehr Einwohner: "Charly B. ist ein Supertyp!" Man kann ja auch nur humorvoll sein, wenn man etwas begriffen hat. Sonst ist das ja Kitsch.

Einige meiner Bilder befinden sich auch in Kölner Museen.

Gab es damals etwas Wichtiges, was Sie konkret nicht realisieren konnten?

Dieses Spannungsfeld gibt es immer, aber in gewisser Weise habe ich das wieder verworfen. Das liegt einfach an meiner Gangart. Ich denke: Och, was soll es? Dann hat sich das wieder. Jeder Mensch hat irgendeinen Ehrgeiz. Man sollte versuchen, sich zu verwirklichen in Achtung dem anderen gegenüber.

Gibt es etwas, was Sie heute sofort tun würden, wenn Sie ohne Limit die Möglichkeit dazu geboten bekämen?

Ich habe Pläne - nur möchte ich nicht über Projekte reden, die gerade im Raum stehen.

Könnte es sein, dass Sie auch etwas ganz anderes als Kunst machen würden?

Das ganze Leben ist ja Kunst. Nur, was heutzutage oft unter dem Werbebegriff „Kunst“ firmiert, akzeptiere ich nicht. Vielleicht sollte ich in Abgrenzung mich „Ein Weiter“ nennen und nicht „Ein Künstler“, den Begriff Künstler eliminieren.

Szene: Gab es eine, und wollten Sie damit etwas zu tun haben (mitmachen, sie ändern) oder dagegenhalten?

Damals mit 13, 14, 15 Jahren mit langen Haaren herumzulaufen, war eine Protesthaltung, um mich vom Establishment zu distanzieren, aber heute möchte ich gar nicht mehr auffallen, denn heute will ja jeder auffallen. Ich verhalte mich zur Zeit genau umgekehrt, nämlich unauffällig. Damals war alles Overdrive - von der Musik her, vom Film her, von der Kunst her. Ich bin da mit sooo Augen und mit sooo Ohren herumgelaufen. Und ich war als Heranwachsender natürlich mit mir selbst beschäftigt. Es war alles konfliktbeladen: Elternhaus, Schule, erste Freundin, Überlegungen hinsichtlich der Berufswahl - das war so ein Durcheinander, das kam mir vor wie eine Pizza Quattro Stagioni. Das Beste für mich war, dass ich so früh auf der Szene war. Dafür bin ich dann auch hundertsiebenundzwanzig Jahre lang herumgelaufen wie Falschgeld, denn diese vielfältigen Eindrücke, die da waren, mussten verarbeitet werden. Es gibt ja genügend Leute wie Dubuffet oder Wölfli, die aus der psychopathischen Ecke kommen. Das sind Menschen, die Kunst als Therapieform brauchen, als Ausdruck auch, und oftmals kommen sie auch nie daraus. Zum Glück ist mir das gelungen. Das ist wie eine Befreiung. Das ist wie eine Psychoanalyse, wo man erzählt, aber nicht das Gegenüber nimmt das auf, sondern das Medium, das Blatt Papier oder die Leinwand. Und dadurch passiert die Auseinandersetzung.

Heute ist die Szene in alle Winde verstreut; man sieht den einen oder anderen gelegentlich bei unterschiedlichen Anlässen - aber das ist über Monate verteilt. Ansonsten habe ich Bekannte aus anderen Bereichen. Die sind mir lieber als Möchtegernkünstler.

Szene: Was war Ihr Beitrag zur Szene, oder ist sie entscheidend für Ihre Chancen gewesen?

Gearbeitet habe ich alleine, und endlose Diskussionen über Kunst haben mich schon immer wenig interessiert. Ich machte meine Arbeit, trank dann lieber ein Bier und machte meinen Quatsch. Es gibt ja viele, die gerne alles ausdiskutieren; deshalb komme ich mit vielen Künstlern auch nicht klar, die ständig so eine pädagogische Art und Weise draufhaben und mir nach zwei Stunden so auf den Wecker gehen, dass ich ausflippen könnte.

Meine Bilder auszustellen, war damals eigentlich nicht soooo präsent in meinem Kopf. Ich bin da so rein gewachsen. lngo Kümmel war der erste, der meine Arbeiten gut fand und sie ausgestellt hat. Er hat mir darüber hinaus sehr viel beigebracht; er war auch derjenige, der mir in Köln damals am meisten geholfen hat, weil er mich Leuten vorgestellt hat, denn das ist im Prinzip das A und 0.

Zu dieser Zeit gab es nicht so viele Galeristen und auch nicht diese Systematik. Bei Stünkes Galerie "Der Spiegel" bin ich immer so richtig heilig vorbeigelaufen - die hat immer so eine Aura gehabt. Ich habe mich später mit Stünke gut unterhalten, was mir immer viel gebracht hat, genauso wie die Unterhaltungen mit den alten Galeristen Anette und Svend Hansen in Kopenhagen.

Wen fanden Sie damals besonders gut, wen heute?

Meine künstlerische Wertschätzung fängt an bei Hieronymus Bosch und hört auf bei Nam June Paik - das ist eine Liste ohne Ende.

Ich mag aber auch Leute, die ein Auto bauen, wie beispielsweise Borgward früher, die einen kreativen Prozess - nicht nur kunstbezogen, sondern auch mechanisch - in Gang setzen. Ich schätze einfach Menschen, die Erfindungsreichtum zeigen, wie z.B. auch eine Hausfrau, die toll drauf ist. Da hat sich was geändert: Die Künstler sind quasi bürgerlich geworden - bürgerlich im Sinne von langweilig - und die Bürger werden interessant.

Gibt es Ihrer Meinung nach Leute, die heute zu Unrecht vergessen worden sind, oder zu Unrecht Erfolg haben, hochgejubelt worden sind?

Auf Köln bezogen fand ich früher Manni Löhe sehr gut. Mehr fallen mir im Moment nicht ein – die hat man auf einmal gar nicht mehr im Kopf. Es gibt z.B. in der Rockmusik Gruppen, die machen einen Super-Hit, ein Hit-Wunder sozusagen, und danach ist nichts mehr. Aber dieser eine Hit, der bleibt für die Ewigkeit.

Zum Zweiten Teil der Frage kann man sagen: „Jubel, Trubel, Heiterkeit“ gab es schon immer!

Nachdem es die Kölner Werkschule, spätere Fachhochschule für Kunst und Design nicht mehr gibt - bedauern Sie das, oder ist das für sie unwichtig? Ist eine Akademie als solche für Sie notwendig, wichtig oder überflüssig?

Ich halte die Schließung der Kölner Werkschule kulturpolitisch für einen großen Fehler, weil sie den Menschen einen Freiraum in kreativen und nicht nur in angewandten Bereichen gab. Junge Künstler hatten einen rechtlich und versicherungstechnisch abgesicherten Freiraum, sich zu entwickeln und auch die räumlichen und technischen Voraussetzungen dazu. Problematisch ist nur der Status der Professoren als Beamte; das müsste geändert werden, denn freie Kunst und Beamtentum stehen zueinander im Widerspruch. Die Dauer der Berufung müsste auf maximal 10 Jahre begrenzt werden. Ich kenne nämlich genügend Leute, auch aus meiner Generation, die sich, sobald sie Professor sind, einen Schaukelstuhl kaufen, und dann ist das Leben für die abgeschlossen. Sie verändern sich charakterlich, weil sie finanziell abgesichert sind. Auch Professoren müssen lebendig bleiben; deshalb müsste in regelmäßigen Abständen ein Wechsel stattfinden.

Die neue Medienakademie - ist sie eine Alternative zur alten Fachhochschule, oder sogar eine Weiterentwicklung? Entspricht sie einem gegenüber Ihrer Anfangszeit gewandelten Anforderungsmodell künstlerischer Möglichkeiten, neuen (verengten, erweiterten) Rahmenbedingungen der Kunst generell, oder einer neueren Einstellung der Öffentlichkeit Kunst gegenüber?

Die Medienakademie ist auf jeden Fall das Kommende überhaupt, weil sie den neuen Medien, wie Internet und solchen Sachen Rechnung trägt. Sie entspricht der Umorientierung, die zur Zeit stattfindet. Allerdings könnte man die neuen Medien auch als Sparte in eine Kunsthochschule herkömmlichen Zuschnitts integrieren.

Welchen Rat würden Sie heute einem jungen Künstler geben, den Sie für talentiert und substantiell halten, damit er konsequent seinen Weg gehen kann?

Er kann eigentlich nur versuchen, sich selber kennenzulernen und sein Talent auszuarbeiten. Anders geht es ja nicht. Kunst kann man ja nicht lernen. Man muss versuchen, sich selber zu leben, sich auszudrücken zu lernen. Das wollen die meisten ja nicht mehr, sie schielen nur nach schnellem Erfolg. Das ist ihnen per Erziehung ja auch vorgeführt worden: jung, kreativ, erfolgreich. Mit diesen Werbespots sind sie ja groß geworden. Die Visionen sind heute nicht mehr so einfach wie früher, obwohl andererseits vielfältigere Möglichkeiten bestehen: Globalnetz, Internet- nur das ist eine ganz andere Dimension. Früher hat man noch regional und international gedacht, mittlerweile denkt man global.

Plätze: Wo gingen Sie früher hin, wohin heute, warum?

Früher bin ich gerne durch die Szenekneipen geturnt. Aber man wird ja auch älter, reifer und weiser. Irgendwie sind für mich diese wilden Jahre vorbei. Die zweite Lebensphase hat ja auch ihre Reize. Ich arbeite daran.

Die Entwicklung der letzten 20-25 Jahre: Wie und wodurch ist Köln zur "Kunstmetropole" geworden?

Hier haben viele Künstler gelebt und gearbeitet, und es hat auch viele Leute gegeben, die sie finanziell unterstützt haben, damit Dinge möglich wurden. Das ist in Köln schon gut. Hier leben Menschen, die offen und bereit sind, kreatives Wirken aufzunehmen.

Wie sehen Sie die korrelative Entwicklung anderer "Kunst-Zentren" während dieser Zeit? Welche Alternativentwicklung hat z.B. Berlin nach Ihrer Meinung genommen? Was sind die Kriterien und Effekte? Falls andere für Sie relevante Regionalentwicklungen bedeutsam sind, welche, warum, mit welcher Perspektive?

Das sind meines Erachtens teilweise Eitelkeiten, teilweise Oberflächlichkeiten, denn der Austausch ist heute doch vorhanden. Damals gab es noch regionale Unterschiede. Leider hat die Amerikanisierung überhand genommen. Mittlerweile gibt es fast schon keine andere nationale Kultur mehr- das ist ja auch unser Problem. Ich glaube, wenn Fassbinder noch leben würde, dann hätte er schwer eine Chance, noch irgendetwas Vernünftiges zu machen; dann würde er z.B. wie Geißendörfer "Lindenstraße" machen. Es ist heute eine Globalisierung und Verflachung zu beobachten.

Unter einem solch korrelativen Aspekt: Wie sind die Charakteristika Ihrer Arbeit, Ihrer Entwicklung, Vorhaben und Resonanz im Vergleichsrahmen der überregionalen Entwicklung der letzten 20 - 25 Jahre zu sehen?

Das ist oftmals eine Generationssache. Bezogen auf das, was wir gemacht haben und Generationen vor uns, waren eigenständige Entwicklungen zu verzeichnen. Früher war Idealismus vorhanden, bevor der Materialismus überwog, und Geld verdienen das Wichtigste wurde. Heute diktiert Geld die Inhalte. Andererseits habe ich doch den Eindruck, dass junge Leute auf meine Sachen reagiert haben, genauso, wie ich auf Leute aus der Generation vor mir reagiert habe. Mal sehen, was mein Gehirn noch zaubert.

In diesem Zusammenhang abschließend die Bitte um Würdigung bzw. kritische Stellungnahme aus persönlicher Sicht zu Person und Arbeit verstorbener Kollegen (u.a. etwa: Michael Buthe, Manni Löhe, Al Hansen).

Buthe war ein wichtiger Künstler, weil er ein Typ war, ein Vollblutkünstler. Er hatte eine Identität, was man heute oftmals vermisst. Manni Löhe war auch ein Supertyp, der sich selber verzehrt hat. Viele Menschen, die künstlerisch arbeiten, sind ja selbstzerstörerisch. Sowohl Buthe als auch Löhe haben mir Anregungen gegeben. Generell sind Leute, die sich selber in ihren Stärken und Schwächen gezeigt haben, wichtig, aber die sterben immer mehr weg. Al Hansen und die anderen Fluxus-Leute kenne ich, denn ich war mit diesem Chaos-Club z.B. in New York und Kopenhagen unterwegs. Das waren und sind die Querschläger, die Fortsetzung des Dadaismus. James Lee Byars, ebenfalls ein toller Typ, gefiel mir nicht zuletzt wegen seiner eigenartigen Performances.