Mic Enneper

Herr Enneper, wie kam es damals dazu, dass Sie Kunst professionell gemacht haben?

1962/63 begann ich, alle Kunstreproduktionen, die ich in den zu Hause herumliegenden Zeitschriften fand, auszuschneiden und in Kladden einzukleben. Ich sammelte nur Malereiabbildungen.
1964/65 begann ich, alle mir zur Verfügung stehenden Abbildungen zu kopieren.
1966 entschloss ich mich, Künstler zu werden.
1967 begann ich mein Studium an der Kölner Werkschule.
1967 besuchte ich den ersten Kölner Kunstmarkt.
1967/68 lernte ich Hein Stünke und Hans-Jürgen Müller aus Stuttgart kennen.
1973 beendete ich mein Studium.
1974 malte ich mein letztes Bild.
1977 realisierte ich meine ersten Projekte. Seit dem arbeite ich professionell.

Würden Sie heute noch einmal denselben Weg wählen?

"Ich würde alles noch einmal so machen - nur besser." (Fidel Castro)

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten 20 - 25 Jahren gegenüber früher verändert?

Alles - die Kunst ist eine andere. Die künstlerischen Rahmenbedingungen sind andere. Die Gesellschaft ist eine andere. Die Künstler/innen haben sich geändert usw. usw. .

Kunst jetzt - welche Ihrer Vorstellungen sind wichtig geworden? Haben Sie als Person oder mit Ihrem Werk oder mit beidem Einfluss nehmen können auf andere, oder war Ihnen das nicht wichtig?

Vorstellungen, was auch immer konkret mit der Frage verbunden wird, ändern sich im Laufe der Jahre, wichtig sind sie zu jeder Zeit.

Eine persönliche und eine konkrete künstlerische Haltung strahlt ab und erhellt andere.

Kunst und Geschäft: Ist es heute leichter, verstanden und gekauft zu werden? Sammler, Galeristen, Öffentliche Hand: Was ist anders, besser oder schlechter geworden?

Verstanden und "gekauft" werden sind zwei verschiedene Dinge und nicht unbedingt abhängig voneinander.

Kunst wurde immer mal mehr, mal weniger gekauft. Das ist abhängig von der jeweiligen gesellschaftlichen Stimmung, die natürlich auch das Verhalten der Sammler, Galeristen und der Öffentlichen Hand beeinflusst.

Möchten Sie heute kunst-kommerziell etwas ganz anders haben? Was müsste man Ihrer Auffassung nach tun?

Kunst-kommerziell - was ist damit gemeint? Es geht im einzelnen und im großen Ganzen um adäquate Produktionsbedingungen. Gute Kunst machen.

Köln - für Sie ein notwendiger oder ein beliebiger Platz? Gibt es Köln-bezogene Wichtigkeiten für Sie heute noch, oder könnten Sie sich heute eine bessere, fruchtbarere Umgebung vorstellen?

Aus logistischen Gründen hat Köln eine gewisse Bedeutung für mich und ist nicht so einfach austauschbar. Ansonsten kann ich mir wahrlich schönere Umgebungen vorstellen.

Köln - Provinz, Weltstadt, Sprungbrett, Hindernis? Wäre für Sie eventuell etwas anders gelaufen, wenn Sie nicht in Köln gearbeitet hätten?

Trifft außer Weltstadt alles zu. Davon gehe ich aus.

Öffentlichkeit, Gesellschaft, Stadt Köln - Haben Sie bei der Realisierung Ihrer Ideen Unterstützung gefunden, auch materielle?

Ohne Unterstützung wäre meine künstlerische Arbeit gar nicht möglich gewesen. Das bezieht auch die heutige Situation mit ein. Es ist immer weniger als wünschenswert, und es ist im Laufe der Jahre nicht leichter geworden.

Gab es damals etwas Wichtiges, was Sie konkret nicht realisieren konnten?

Es gibt und gab immer Vorhaben, die ich nicht realisieren konnte: Ich habe nicht alle Bücher gedruckt, die ich gerne gedruckt hätte, werde auch nicht alle Publikationen herausgeben können, die ich gerne publizieren möchte, habe nicht alle Projekte aus finanziellen Gründen realisieren können und werde sicherlich auch in Zukunft nicht alle Vorhaben ausführen können.

Gibt es etwas, was Sie heute sofort tun würden, wenn Sie ohne Limit die Möglichkeit dazu geboten bekämen?

Bücher und Kataloge drucken, Projekte realisieren, die bisher nicht realisierbar waren, mehr reisen, weniger Stress haben, die Arbeit mehr delegieren, meine technische Ausrüstung verbessern, den Kühlschrank immer gefüllt haben, mehr Bücher und Kataloge kaufen, zu allen Ausstellungen fahren, die mich interessieren usw. - die Liste ist fortsetzbar.

Szene: Gab es eine, und wollten Sie damit etwas zu tun haben (mitmachen, sie ändern) oder dagegenhalten?

Es gab eine Anzahl von Personen, die sich mehr oder weniger am gleichen Ort getroffen haben und die mehr oder weniger an Kunst interessiert bzw. künstlerisch tätig waren. Daraus ergibt sich automatisch eine Erkenntniserweiterung des Einzelnen.

Eine Szene ist so, wie sie ist, und ändert sich gegebenenfalls durch die Veränderung derjenigen, die diese sogenannte Szene erst herstellen, oder sie verändert sich durch den Wechsel Einzelner oder Mehrerer.

Eine Szene ist auch das Ergebnis einer bestimmten atmosphärischen Situation. Diese atmosphärische Voraussetzung gab es Mitte der 70er Jahre. Also schließen wir daraus, dass es eine Szene gab, an der ich als Beobachter teil hatte.

Szene: Was war Ihr Beitrag zur Szene, oder ist sie entscheidend für Ihre Chancen gewesen?

Die vorher genannte Szene war sicherlich nicht entscheidend für meinen künstlerischen Werdegang. Mein Beitrag in dieser Zeit: Die Entwicklung einer eigenständigen künstlerischen Position.

Wen fanden Sie damals besonders gut, wen heute?

Die Kunst, die mich am meisten interessiert hat, wurde nicht in Köln gemacht. Die 70er Jahre haben meine Vorstellung von Kunst geprägt, und in dieser Zeit wurden auch Grundvoraussetzungen meiner heutigen Arbeit entwickelt.

Wie sind Sie denn zu Ihren spezifischen Projekten gekommen?

Einem zunehmend kommerzialisierten Kunstmarkt und einer auf schnellen Konsum getrimmten infantilen Spaßgesellschaft war ich Mitte der 70er Jahre nicht interessiert, die zukünftigen Produkte ihres Unterhaltungsbetriebes zu liefern.

Ab 1977 habe ich dann Projekte in verschiedenen Ländern, Landschaften, Städten realisiert, immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit, bzw. Arbeiten, die nur von wenigen Eingeweihten gesehen wurden.

Alle Projektserien sind in der Publikationsreihe "Progetto d'Arte I - VI" veröffentlicht.

Ab 1987 habe ich die ersten raumbezogenen Stücke in verschiedenen Kunst-Institutionen ausgeführt. Diese Projekte, konkret für die entsprechende Räumlichkeit entworfen und erstellt, existieren nur in der gegebenen Ausstellung, eine Manipulation durch Dritte, eine andere - nicht geplante Konstellation an einem anderen Ort ist ausgeschlossen.

Kunst braucht einen Ort, an dem sie ihre Aura entfalten kann.

Gibt es Ihrer Meinung nach Leute, die heute zu Unrecht vergessen worden sind, oder zu Unrecht Erfolg haben, hochgejubelt worden sind?

Langfristig ist die Kunstgeschichte ziemlich gerecht. Das Leben hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun.

Nachdem es die Kölner Werkschule, spätere Fachhochschule für Kunst und Design nicht mehr gibt - bedauern Sie das, oder ist das für Sie unwichtig? Ist eine Akademie als solche für Sie notwendig, wichtig oder überflüssig?

Eine Akademie ist grundsätzlich wichtig. Sie ist ein Ort, den die Gesellschaft sich leistet, einigen Personen zur Verfügung zu stellen, an dem Forschung, Kommunikation, Auseinandersetzung stattfindet, die nicht sofort der kommerziellen Nutzung unterworfen ist und das Brutto-Sozialprodukt aufbessert.

Stirbt dieser und anderer vergleichbarer Freiraum, verändert sich eine Gesellschaft, die sich Kulturnation nennt.

Auf diesem Wege sind wir schon recht weit fortgeschritten.

Die neue Medienakademie - ist sie eine Alternative zur alten Fachhochschule, oder sogar eine Weiterentwicklung? Entspricht sie einem gegenüber Ihrer Anfangszeit gewandelten Anforderungsmodell künstlerischer Möglichkeiten, neuen (verengten, erweiterten) Rahmenbedingungen der Kunst generell, oder einer neueren Einstellung der Öffentlichkeit Kunst gegenüber?

Die Medienakademie entspricht sicherlich mehr den heutigen Ansprüchen als die alte Fachhochschule. Grundsätzlich steht und fällt die Qualität einer Akademie mit der Professionalität der dort Lehrenden und den experimentellen und intellektuellen Möglichkeiten, die man den dort Lernenden zur Verfügung stellt. Die Öffentlichkeit interessiert sich nicht für Kunst.

Welchen Rat würden Sie heute einem jungen Künstler geben, den Sie für talentiert und substantiell halten, damit er konsequent seinen Weg gehen kann?

Es gibt keine allgemein gültigen Ratschläge.

Plätze: Wo gingen Sie früher hin, wohin heute, warum?

Früher ging ich ins "Roxy" und anderswohin. Heute gehe ich nirgendwohin.

Die Entwicklung der letzten 20 - 25 Jahre: Wie und wodurch ist Köln zur "Kunstmetropole" geworden?

Darüber sind zahllose Artikel erschienen - müßig, das noch einmal zu wiederholen. Wo nichts ist, kann etwas entstehen, im speziellen Fall - Kunst!

Wie sehen Sie die korrelative Entwicklung anderer "Kunst-Zentren" während dieser Zeit? Welche Alternativentwicklung hat z.B. Berlin nach Ihrer Meinung genommen - Vorrang, Ablösung? Was sind die Kriterien und Effekte? Falls andere für Sie relevante Regionalentwicklungen bedeutsam sind, welche, warum, mit welcher Perspektive?

Kunst-Zentren kommen und gehen. Das war über Jahrhunderte so. Warum sollte also ausgerechnet Köln für alle Zukunft eine Bedeutung haben?! 20 Jahre eine wichtige Adresse für zeitgenössische Kunst gewesen zu sein, ist doch recht lange in einer Zeit, in der die Konzentrationsfähigkeit auf eine Sache sich im Sekundenbereich bewegt. Ob Berlin oder eine andere Stadt eine gewisse Bedeutung erlangt, was soll's? Vielleicht reduziert sich das Interesse an Bildender Kunst auch derart, dass sie so gut wie gar nicht mehr wahrgenommen wird. An welchem Ort dies dann sein wird - ist das dann nicht egal?

Unter einem solch korrelativen Aspekt: Wie sind die Charakteristika Ihrer Arbeit, Ihrer Entwicklung, Vorhaben und Resonanz im Vergleichsrahmen der überregionalen Entwicklung der letzten 20-25 Jahre zu sehen?

Die Entwicklung der eigenen Arbeit ist eingebettet in den Fluss der Zeit; ein bekannter Strom der Gedanken und visionellen Formempfindungen, ein unbekannter, der in die Zukunft reicht.

In diesem Zusammenhang abschließend die Bitte um Würdigung bzw. kritische Stellungnahme aus persönlicher Sicht zu Person und Arbeit verstorbener Kollegen (u.a. etwa: Michael Buthe, Manni Löhe, Al Hansen).

Auch Künstler/Innen sind sterblich - leider!