Wolf Erdmann-Oblonskij

Herr Erdmann, wie kam es damals dazu, dass Sie Kunst professionell gemacht haben?

Es lag in der Seele. Ich bin 1968 zu Fuß durch Europa gegangen, und dann hatte ich den Mut, professionell Kunst zu machen. 1969 fiel meine Entscheidung, an die Kölner Werkschulen zu gehen und Malerei bei Professor Kraemer, Grafik bei Professor Will und Kunstgeschichte bei Professor Bender zu studieren. Insgesamt habe ich 14 Semester an den Werkschulen gearbeitet und mit meinen Malerkollegen Hep Tendler, der sich leider früh das Leben genommen hat, und Heinz Zolper ein Atelier geteilt. 1975 habe ich meinen Meisterschüler bei Professor Kraemer gemacht. Seitdem arbeite ich als freischaffender Künstler in Köln. Schwerpunkt meiner künstlerischen Arbeiten sind zeitdokumentarische und sozialkritische Themen, die ihren Ausdruck in Tafelbildern, Plastiken und Objekten finden.

Würden Sie heute noch einmal denselben Weg wählen?

Ja! Der ganze Mensch fordert das kreative Arbeiten. Leib und Seele lechzen danach.

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten 20 - 25 Jahren gegenüber früher verändert?

Es ist kälter geworden. Das soziale Klima hat sich verschlechtert. Menschliche Qualitäten haben nachgelassen.

Kunst jetzt – welche Ihrer Vorstellungen sind wichtig geworden?

Kontinuierliches Arbeiten.

Haben Sie als Person oder mit Ihrem Werk oder mit beidem Einfluss nehmen können auf andere, oder war Ihnen das nicht wichtig?

Ich weiß nicht, ob ich Einfluss auf andere genommen habe. Das war mir aber auch nicht wichtig.

Kunst und Geschäft: Ist es heute leichter, verstanden und gekauft zu werden? Sammler, Galeristen, Öffentliche Hand: Was ist anders, besser oder schlechter geworden?

Verstanden zu werden, ist vielleicht leichter geworden, aber gekauft zu werden - nein. Etablierte Künstler werden ohne Kritik gekauft, und gute, weniger bekannte, bleiben draußen vor der Tür.

Möchten Sie kunst-kommerziell heute etwas ganz anders haben? Was müsste man Ihrer Auffassung nach tun?

Man sollte die unbekannten Künstler mehr fördern. Mehr Mäzene wären wünschenswert.

Köln - für Sie ein notwendiger oder ein beliebiger Platz? Gibt es Köln-bezogene Wichtigkeiten für Sie heute noch, oder könnten Sie sich heute eine bessere, fruchtbarere Umgebung vorstellen?

Köln ist für mich kein notwendiger, aber ein beliebter Platz, weil hier immerhin untereinander noch mehr menschliche Anteilnahme stattfindet als woanders. Köln ist kulturelle Hochburg, allein schon durch die Museen und die Art Cologne, wovon ich aber nichts habe. Wo man arbeitet ist, bezogen auf die künstlerische Produktion, egal, denn die Fruchtbarkeit liegt in mir selber.

Köln - Provinz, Weltstadt, Sprungbrett, Hindernis? Wäre für Sie eventuell etwas anders gelaufen, wenn Sie nicht in Köln gearbeitet hätten?

Köln war für mich Sprungbrett durch die Kölner Werkschulen. Ob woanders etwas möglicherweise anders gelaufen wäre, kann ich nicht sagen. Ich war eben in Köln.

Öffentlichkeit, Gesellschaft, Stadt Köln - Haben Sie bei der Realisierung Ihrer Ideen Unterstützung gefunden, auch materielle?

Ja, seitens der Stadt Köln sind in 25 Jahren zwei Bilderankäufe erfolgt.

Gab es damals etwas Wichtiges, was Sie konkret nicht realisieren konnten?

Ja, ich wollte eine Plastik auf dem Wallraf-Platz errichten: den Kölner Dom - aber anders. Mein Entwurf wurde wegen mangelnder Finanzen abgelehnt, die von mir eingereichten Fotos jedoch wurden für das Archiv einbehalten.

Gibt es etwas, was Sie heute sofort tun würden, wenn Sie ohne Limit die Möglichkeit dazu geboten bekämen?

Ja, ich würde mir ein Museum bauen.

Szene: Gab es eine, und wollten Sie damit etwas zu tun haben (mitmachen, sie ändern) oder dagegenhalten?

Ja, es gab eine Kneipenszene: "Plenum", "Podium", "Franz", "Bepi", "Leuchtturm", "Ferkulum", "Delirium". Ich war mittendrin.

Szene: Was war Ihr Beitrag zur Szene, oder ist sie entscheidend für Ihre Chancen gewesen?

Mein Beitrag war, dass ich da war.

Wen fanden Sie damals besonders gut, wen heute?

Damals: Leger, Zebragruppe, Tàpies. Heute: W.P. Lampertz.

Gibt es Ihrer Meinung nach Leute, die heute zu Unrecht vergessen worden sind, oder zu Unrecht Erfolg haben, hochgejubelt worden sind?

Ja, zu Unrecht vergessen worden ist der Maler Kühl - sowohl als Mensch als auch als Künstler. Seine Menschlichkeit und seine künstlerische Beschäftigung mit sozialkritischen Themen beeindrucken mich auch heute.

Zu Unrecht Erfolg haben meiner Meinung nach beispielsweise Lüpertz, Baselitz, Penck und lmmendorff. Penck hat nach dem Fall der Mauer kein Feindbild und demzufolge auch kein Thema mehr. Andere wiederum bearbeiten in immer neuen Varianten den Faschismus, weil sie sich davon Medaillen und Auszeichnungen jedweder Art versprechen. Dabei gibt es doch heute Thematiken, die für uns heute mindestens so wichtig sind, wie z.B. die Palästinenserfrage.

Nachdem es die Kölner Werkschule, spätere Fachhochschule für Kunst und Design nicht mehr gibt - bedauern Sie das, oder ist das für Sie unwichtig? Ist eine Akademie als solche für Sie notwendig, wichtig oder überflüssig?

Damals war die Werkschule für mich sehr wichtig. Heute ist es schade, dass es sie nicht mehr gibt, weil die Kunststudenten keine richtige Grundausbildung mehr bekommen.

Die neue Medienakademie - ist sie eine Alternative zur alten Fachhochschule, oder sogar eine Weiterentwicklung? Entspricht sie einem gegenüber Ihrer Anfangszeit gewandelten Anforderungsmodell künstlerischer Möglichkeiten, neuen (verengten, erweiterten) Rahmenbedingungen der Kunst generell, oder einer neueren Einstellung der Öffentlichkeit Kunst gegenüber?

Ich bin ausgeschlossen von dieser Kiste, und deswegen habe ich dazu keine Meinung.

Welchen Rat würden Sie heute einem jungen Künstler geben, den Sie für talentiert und substantiell halten, damit er konsequent seinen Weg gehen kann?

Er sollte die Natur beobachten und arbeiten, arbeiten und nicht meinen, er mache schon Kunst.

Plätze: Wo gingen Sie früher hin, wohin heute, warum?

Früher ging ich in die einschlägigen, bereits erwähnten Szenekneipen. Heute gehe ich mit Vorliebe ins "Weinhaus Vogel" auf dem Eigelstein, weil das eine Kommunikations-, Therapiewinkel-, Streit- und Lachkneipe ist, und ich gerne Bier trinke.

Die Entwicklung der letzten 20 - 25 Jahre: Wie und wodurch ist Köln zur "Kunstmetropole" geworden?

Der Grund dafür liegt darin, dass gegenüber anderen Städten die Mentalität wärmer ist.

Wie sehen Sie die korrelative Entwicklung anderer „Kunst-Zentren" während dieser Zeit? Welche Alternativentwicklung hat z.B. Berlin nach Ihrer Meinung genommen? Was sind die Kriterien und Effekte?

Es sind bombastische Kultur- und Kunstpaläste entstanden, aber die Künstler bleiben auf der Strecke. Die Alternativentwicklung, die ich sehe, ist Profitgier.

Falls für Sie andere relevante Regionalentwicklungen bedeutsam sind, welche, warum, mit welcher Perspektive?

Dazu kann ich nichts sagen.

Unter einem solch korrelativen Aspekt: Wie sind die Charakteristika Ihrer Arbeit, Ihrer Entwicklung, Vorhaben und Resonanz im Vergleichsrahmen der überregionalen Entwicklung der letzten 20 - 25 Jahre zu sehen?

Das kann ich selber nicht beurteilen.

In diesem Zusammenhang abschließend die Bitte um Würdigung bzw. kritische Stellungnahme aus persönlicher Sicht zu Person und Arbeit verstorbener Kollegen (u.a. etwa: Michael Buthe, Manni Löhe, Al Hansen).

Michael Buthe: gut, gut, zu kommerziell. Manni Löhe: gut, Höhenflug, zu wenig gearbeitet, lkarus.