Rainer Gross

Herr Gross, wie kam es damals dazu, dass Sie Kunst professionell gemacht haben?

Ich habe im Alter von 15 Jahren einen Film über Picasso gesehen, der mich sehr beeindruckt hat. Darin wurde gezeigt, wie er auf Glas malte. Das hat für mich den Anstoß gegeben: So etwas musst du auch werden. Darüber hinaus haben auch das Wallraf-Richartz-Museum und die Sammlung Ludwig in den 60er Jahren entscheidend zu meinem Entschluss, Maler zu werden, beigetragen. Wie komplex dann hinterher das Leben aussah, auf das man sich eingelassen hat, das wusste ich natürlich nicht. Dazu gehörte eine gehörige Portion Naivität. Ich habe dann angefangen zu malen, zuerst hier in Köln Höhenhaus im Keller. Ich habe vorher immer schon viel gezeichnet und mit Wasserfarben gemalt, wollte aber dann auch mit Ölfarben auf Leinwand malen. Das ging bei uns in der Wohnung nicht, deshalb bin ich in den Keller gezogen, obwohl da gar kein Licht war, außer einer einzigen Birne. Mir war auch nie die Idee gekommen, draußen zu malen, das lag mir nicht, ich musste drinnen arbeiten. Ich hätte ja auch wie die Impressionisten mich mit der Staffelei nach draußen begeben können. Ich habe die herrlichsten impressionistischen Bilder, italienische Landschaften, nachempfunden und saß in Köln Höhenhaus in diesem düsteren Keller. Abitur habe ich zweimal machen dürfen, 1970 und 1971 - beim zweiten Mal hat's dann geklappt. Danach habe ich mich an der Düsseldorfer Kunstakademie beworben und bin da abgelehnt worden. Beuys hat damals alle Bewerber, die abgelehnt wurden, in seine Klasse aufgenommen. Ich habe das Angebot aber nicht wahrgenommen, weil Beuys mit Malerei zu der Zeit nichts zu tun haben wollte. Das war die Zeit der direkten Demokratiebewegung. Ich wollte Maler sein und nicht irgendeine politische Sache verfolgen, die Welt politisch umkrempeln, sondern ich wollte "Picasso" werden. Es sollte sich alles im Rahmen des Bildes bewegen. Natürlich konnte man das mit Ideen und Konzepten füllen, aber, wie gesagt, im Rahmen des Bildes. Ich wollte die Tradition weiter verfolgen. Und dabei bin ich bis heute geblieben. Ich habe den politischen Ansatz immer als kunstfremd empfunden und habe immer geglaubt, dass die Kunst damit überfordert ist. Ich will keine „l'art pour l'art“-Position vertreten, sondern ich will ausdrücken, was mich bewegt, mit Malerei. Das kann auch die Beschäftigung mit privaten, psychologischen oder kunsthistorischen Themen sein. Ich möchte mit meiner Kunst keine Umweltprobleme transportieren. Meine Bilder sollen keine Illustration irgendeiner Idee sein, sondern sie sollen einfach für sich stehen können. Heutzutage, wo die Medien überhand nehmen, und alles so kurzlebig ist, da sollte die Malerei sich einfach wieder auf die Malerei beschränken. Das ist ihre einzige Chance, überhaupt zu überleben.

Würden Sie heute noch einmal denselben Weg wählen?

Ich bereue nichts, ich denke nur manchmal, ich hätte es mir einfacher machen können. Ich arbeite weiterhin an der Malerei, weil ich noch nicht damit fertig bin. Ich sehe immer noch Möglichkeiten, die ich noch nicht ergründet habe, und die mich einfach immer weiter treiben. Die Freiheit, die ich mir in der Kunst genommen habe, habe ich mir auch im Leben genommen. Insofern bin ich viel herumgekommen, habe viel gesehen, auch mit sehr unterschiedlichen Leuten weltweit zu tun gehabt. Durch diese Kontakte habe ich auch in den letzten 20 Jahren die Möglichkeit gehabt, in mehreren Ländern auf verschiedenen Kontinenten auszustellen. Und diese Kontakte möchte ich einfach nicht missen, weil sie mich auch als Persönlichkeit geformt haben.

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten 20 - 25 Jahren gegenüber früher verändert?

Damals war die Luft noch voller Romantik bei mir. Heute bin ich etwas abgeklärter. Das hat auch damit zu tun, dass ich nicht mehr so viele Jahre vor mir habe. Ich bin jetzt direkter und zielgerichteter als früher. Aber die Entwicklung, die ich gemacht habe, war einfach wichtig, um zu dem Punkt zu kommen.

Kunst jetzt - welche Ihrer Vorstellungen sind wichtig geworden? Haben Sie als Person oder mit Ihrem Werk oder mit beidem Einfluss nehmen können auf andere, oder war Ihnen das nicht wichtig?

Wirklich eine persönliche Aussage zu finden, die unabhängig ist, und die sich aus meiner eigenen Geschichte entwickelt hat, dass eine persönliche Aussage stattfindet jetzt, die nicht unbedingt in eine zeit-spezifische Situation hineinpassen muss, die einfach für mich ehrlich und bestimmt ist, aber auch genug beinhaltet, um jetzt noch vorausschauend weiter arbeiten zu können, sich entwickeln zu können. Das ist das Wichtigste.

Ich weiß, dass ich mit meinen Arbeiten jüngere Künstler angeregt habe, worüber ich mich freue.

Kunst und Geschäft: Ist es heute leichter, verstanden und gekauft zu werden? Sammler, Galeristen, Öffentliche Hand: Was ist anders, besser oder schlechter geworden?

Mit zunehmendem Alter ist es für mich leichter geworden, Sammler und Galeristen für meine Arbeiten zu gewinnen. Was die Öffentliche Hand betrifft, so halte ich es für wünschenswert, dass öffentliche Ausstellungen in Museen finanziell unterstützt werden, jedoch bin ich gegen den Ankauf von Kunst mit öffentlichen Geldern. Diese Art von Subvention sollte dem Steuerzahler nicht zugemutet werden. Diese Aufgabe muss privaten Sponsoren zufallen.

Was das Verständnis anbelangt, so habe ich mich in den 80er Jahren missverstanden gefühlt, da man mich damals der Postmoderne zugeordnet hat, weil ich viele Collagen gemacht habe. Ich war einer derjenigen, der viele Stilrichtungen miteinander verbunden hat, auf verschiedenen Ebenen auch. Seit 1992 habe ich mich auf abstrakte Malerei konzentriert. Ich habe einfach gesagt: Ich lasse mal die Material-Collagen, die Gegenständlichkeit der Collage weg und sehe mal, was von meiner Malerei übrig bleibt, und wie ich damit umgehen kann. Und da ergaben sich für mich ganz neue interessante Perspektiven, die ich dabei bin zu erforschen. Ich spreche jetzt auf einmal ganz andere Leute an als mit den Bildern, die ich vorher gemacht habe.

Möchten Sie kunst-kommerziell heute etwas ganz anders haben? Was müsste man Ihrer Auffassung nach tun?

Ich kann mir kein neues System vorstellen. Ein Marktsystem für Kunst orientiert sich doch am allgemeinen Marktsystem selbst. Also ist auch für die Kunst kein anderes System realisierbar. Institutionen bedürfen unbedingt finanzieller Mittel aus der Öffentlichen Hand sowie aus dem privaten Sektor. Die Vision des jeweiligen Kurators muss jedoch unangetastet bleiben. Er muss die volle Verantwortung tragen. Ich halte nichts von Ausstellungen, die in Gremien erarbeitet werden. Demokratie ist hier unerwünscht. Was meine Person anbelangt, bin ich froh, dass ich hier in Deutschland noch so viel Unterstützung habe im Gegensatz zu den USA, wo alles im großen und ganzen auf privater Basis ruht. Insofern sehe ich die deutsche Situation immer noch als sehr privilegiert für das Kunstschaffen, wenn ich es im Vergleich sehe. Und ich hoffe, dass das hier auch so bleibt.

Köln - für Sie ein notwendiger oder ein beliebiger Platz? Gibt es Köln bezogene Wichtigkeiten für Sie heute noch, oder könnten Sie sich heute eine bessere fruchtbarere Umgebung vorstellen?

Ich bin in Köln in der alten Frauenklinik Alteburger Straße geboren und in den Vororten Höhenhaus und Mülheim auf der Schäl Sick aufgewachsen. Köln liegt mir sehr am Herzen, und ich fühle mich meiner Heimat sehr verbunden, auch wenn ich die letzten 25 Jahre hauptsächlich in New York verbracht habe und diese Stadt zu meiner zweiten Heimat geworden ist. Ich bin 1972 mit Howard Kannovitz, den ich während meiner Studienzeit an der Kölner Werkschule kennengelernt habe, und mit dem ich als Student im selben Jahr auf der Documenta 5 gewesen bin, als sein Assistent nach New York gegangen und habe einige Zeit mit ihm dort gearbeitet. Danach habe ich dann noch fünf Jahre mit Larry Rivers gearbeitet. Während dieser Zeit, 1975 - 1980, hatte ich auch die Gelegenheit, mit Robert Motherwell und Jean Tinguely zu arbeiten. Seit 1980 habe ich international Ausstellungen gemacht. Ich habe aber über die Jahre hin auch immer in Köln ausgestellt und bin mindestens dreimal im Jahr in Köln, zum Teil auch für länger, um hier zu arbeiten. Mit dieser Kombination bin ich sehr zufrieden.

Köln - Provinz, Weltstadt, Sprungbrett, Hindernis? Wäre für Sie eventuell etwas anders gelaufen, wenn Sie nicht in Köln gearbeitet hätten?

Wie bereits erwähnt, habe ich das Angebot, in die Beuys-Klasse aufgenommen zu werden, nicht wahrgenommen. Ich habe mich dann an der Kölner Werkschule beworben, bin da angenommen worden und habe dann in Köln angefangen zu studieren mit der Perspektive: Da kannst du malen. Nur war das damals sehr provinziell. Ich war beim Professor Schaffmeister in der Klasse, und da sollten wir von hellgrün bis dunkelgrün alle Nuancen malen und uns damit drei Wochen beschäftigen. Das waren so richtig sture Übungen. Danach war ich beim Professor Kraemer in der Klasse. Das war wirklich interessanter. ln dieser Klasse waren auch Heinz Zolper, Theo Lambertin, Wolfgang Niedecken, Manfred Boecker und etwas später auch Charly Banana. Köln war für mich als junger Mann ein interessanter Kunstplatz, denn es gab viel zu sehen. Viele Künstler kamen auch von auswärts nach Köln. Ich habe mich mit allem beschäftigt, was so lief. Insofern ist Köln immer noch wichtig, war immer wichtig und bleibt wichtig. Wenn ich woanders, beispielsweise in lmmekeppel gewohnt hätte, hätte ich gewusst, dass ich da wegziehen muss und hätte alles daran gesetzt, nach Köln zu gehen.

Öffentlichkeit, Gesellschaft, Stadt Köln - Haben Sie bei der Realisierung Ihrer Ideen Unterstützung gefunden, auch materielle?

Ich habe mit der "PGA" (Produzentengemeinschaft Ars), in der wir uns mit mehreren zusammengeschlossen hatten, in der Galerie Witte auf der Zülpicher Straße ausgestellt. Da war ich aber schon in den USA und habe meine Sachen von dort geschickt, und die Jungs haben die dann einfach aufgehängt. Wir waren auch auf dem Neumarkt der Künste und haben dort als Gruppe ausgestellt. Die Werkschule hatte da einen eigenen Stand, u.a. waren daran beteiligt: Bernd Ackfeld, Heinz Zolper, Theo Lambertin, Wolfgang Niedecken und ich. Diese frühen Ausstellungen waren Eigeninitiativen. Seit 1986 habe ich mehrfach in der Galerie lnge Baecker ausgestellt. Im November 1996 hatte ich eine Einzelausstellung in der Kölnischen Galerie im Kölnischen Stadtmuseum, die auf Initiative von Dr. Schäfke zustande kam. Zur Art Cologne 1997 hatte ich eine Ausstellung in der Galerie Holtmann und in den Büroräumen der Anwaltskanzelei "Oppenhoff & Rädler''. lnsofern ist man für meine Arbeiten aufgeschlossen gewesen sowohl von privater als auch von öffentlicher Seite.

Gab es damals etwas Wichtiges, was Sie konkret nicht realisieren konnten?

Ich habe damals gar keine großen Pläne gehabt - insofern auch nicht Sachen geplant, die ich nicht realisieren konnte. Ich habe mir gesagt: Ich mache Bilder. Ich bin irgendwie Kleinstunternehmer. Ich mache meine eigenen Produkte und versuche, diese unterzubringen. Um ein Stipendium habe ich mich nie bemüht.

Gibt es etwas, was Sie heute sofort tun würden, wenn Sie ohne Limit die Möglichkeit dazu geboten bekämen?

Wenn man mir eine schöne große Halle gäbe, würde ich die gerne voll malen und eine Installation machen - gerne, gerne! Darüber hinaus ist "carte blanche" für mich nicht denkbar. Das eigentliche Leben wird erst durch seine Grenzen sinnvoll.

Szene: Gab es eine, und wollten Sie damit etwas zu tun haben (mitmachen, sie ändern) oder dagegenhalten?

Die Szene war für mich an sich immer nur so'n Trinkgelage abends früher, und tagsüber machte man die Kunst und versuchte die auszustellen. Und da ich schon früh weg war, hatte ich mich selbst durch meine Abwesenheit ausgeschlossen und die Möglichkeiten, die hier waren, nicht wahrnehmen können.

Szene: Was war Ihr Beitrag zur Szene, oder ist sie entscheidend für Ihre Chancen gewesen?

Ich habe noch persönliche Kontakte zu Manfred Boecker, Theo Lambertin und Wolfgang Niedecken. Die Szene ist nicht entscheidend gewesen für meine Chancen. Die Schiene über Köln hat nie funktioniert für mich. Das ist anders gelaufen: über andere Städte wie z.B. New York, Paris und Hannover. Was wichtig für mich war: Ich war 1982 in einer Ausstellung vertreten in Hannover, ausgerichtet von der Kestner-Gesellschaft, die hieß: "New York Now" . Die Werke von zehn New Yorker Künstler wurden dort ausgestellt. Anschließend ging diese Ausstellung durch mehrere Häuser in Europa. Von da aus haben sich für mich so einige Törchen geöffnet. Und daraus haben sich dann weitere Kunsthallen- ,Museums- und Galerieausstellungen entwickelt.

Wen fanden Sie damals besonders gut, wen heute?

Während meiner Studienzeit in Köln gab es 1971/72 eine Rosenquist Ausstellung in der Kunsthalle, die mich damals sehr beeindruckt hat. Ich kannte seine Arbeiten schon aus dem Bestand der Sammlung Ludwig, war jedoch von der Größe und dem Umfang der Arbeiten überwältigt. Etwas später, als ich dann in New York lebte, fand ich den Übergang von „Abstract Expressionism“ zur „Pop Art“ sehr faszinierend. Durch meine Verbindung mit Larry Rivers hatte ich die Möglichkeit, Andy Warhol und die „Factory“ zu besuchen. Die Arbeiten von Larry Rivers, dem geistigen Vorvater der Pop Künstler, die er zwischen 1953 und 1958 geschaffen hatte, haben mich damals ebenfalls sehr beeindruckt und darin bestärkt, die Malerei weiter zu verfolgen. Ich habe mich auch sehr für die Arbeiten von Phillip Guston, Ashille Gorky, Robert Motherwell sowie de Kooning, Fairfield Porter und Pollock interessiert, zumal einige dieser Maler zu dieser Zeit – 1972 – 1975 – noch aktiv und für mich noch persönlich erlebbar waren, ebenso wie die Malerin Alice Neel. Die Frage der figurativen im Gegensatz zur abstrakten Malerei, die in Amerika zu der Zeit immer noch heftig diskutiert wurde, schien mir seltsamerweise zu entgehen. Ich habe auch nie eine Entscheidung für oder gegen eine Richtung getroffen. Bei meinen Arbeiten schienen diese Fragen alle organisch ineinander zu fließen.

Gibt es Ihrer Meinung nach Leute, die heute zu Unrecht vergessen worden sind, oder zu Unrecht Erfolg haben, hochgejubelt worden sind?

Natürlich gibt es immer Künstler, die aus irgendwelchen Gründen, seien sie persönlicher oder trendbezogener Natur, nicht die Anerkennung finden, die sie sich erhoffen. Das ist nun einmal so. Die Geschichte deckt doch vieles später noch auf und ordnet es zu. Ich gönne jedem seinen Erfolg, auch wenn mir manche Arbeiten nicht einleuchten. Gewisse Leute sind sehr populär oder sehr bekannt, genießen aber nicht unbedingt künstlerischen Ruhm und sind unter Kollegen nicht sehr beliebt. Zu Unrecht vergessen wird, glaube ich, niemand. Viele Leute sind aufgrund ihrer Persönlichkeit und Krisen auch nicht in der Lage, die Angebote, die da sind, wahrzunehmen.

Nachdem es die Kölner Werkschule, spätere Fachhochschule für Kunst und Design nicht mehr gibt, bedauern Sie das, oder ist das für Sie unwichtig? Ist eine Akademie als solche für Sie notwendig, wichtig oder überflüssig?

Ich bedauere jede Schließung einer Kunstschule hauptsächlich aus dem Grund, da den jungen Leuten der Platz der künstlerischen Begegnung genommen wird. Ein solcher Nährboden ist nicht so leicht wieder herzustellen. Ich finde eine Akademie auch in der Hinsicht wichtig, dass sie Studiengänge anbietet. Malerei zu lernen ist für mich vergleichbar mit dem Erlernen eines Musikinstruments. Wo soll man die Dinge sonst lernen? Wie soll man damit umgehen können? Insofern bin ich konservativ.

Die neue Medienakademie - ist sie eine Alternative zur alten Fachhochschule, oder sogar eine Weiterentwicklung? Entspricht sie einem gegenüber Ihrer Anfangszeit gewandelten Anforderungsmodell künstlerischer Möglichkeiten, neuen (verengten, erweiterten) Rahmenbedingungen der Kunst generell, oder einer neueren Einstellung der Öffentlichkeit Kunst gegenüber?

Das ist eine Weiterentwicklung. Ich begrüße die Einbeziehung der neuen Medien und deren Vermittlung innerhalb des neuen Schulsystems. Wer dennoch malen will, wird hoffentlich auch in diesem System die Chance dazu bekommen. Eins ist für mich jedoch gewiss: Die Malerei soll nicht mit den neuen Medien konkurrieren. Sie ist gut beraten, sich auf ihr eigenes Wesen und deren Möglichkeiten zu konzentrieren. Das Befriedigende an der Malerei ist ja, dass man eine Vorstellung ohne großen technologischen Aufwand oder komplizierte Installationen direkt im Atelier mit herkömmlichen Mitteln zum Ausdruck bringen kann.

Welchen Rat würden Sie heute einem jungen Künstler geben, den Sie für talentiert und substantiell halten, damit er konsequent seinen Weg gehen kann?

Ratschläge kann ich keine geben. Wer davon überzeugt ist, künstlerisch arbeiten zu müssen, der wird irgendwie auch seinen Weg finden. Ich würde allenfalls darauf hinweisen, dass der Weg kein leichter, sondern ein sehr schwerer ist, und dass man auf vieles verzichten muss, und nichts garantiert ist. Soll jeder sein Leben selber ruinieren!

Plätze: Wo gingen Sie damals hin, wohin heute, warum?

Früher ging ich in Discos, ins "Plenum", ins "Roxy" und in den "Lover's Club". Der "Lover's Club" war eine Zeitlang mein LieblingslokaL Heute gehe ich in ein "Kaffeehaus für ältere Damen, wo blaue Haare angesagt sind." Ich gehe schon mal gut essen ab und zu. Es darf nicht zu laut sein. Um das mal auf den Punkt zu bringen: Früher habe ich Schlagzeug in Rockbands gespielt. Daher rührt übrigens auch mein Spitzname "Mütz", aber nicht weil ich eine trug, sondern er war die kölsche Abkürzung von "Schlafmütze", weil ich ab und zu die Einsätze verpasste. Seit drei Jahren spiele ich Cello, besuche Kammermusikkonzerte oder lege auch schon mal eine Oper auf.

Die Entwicklung der letzten 20 - 25 Jahre: Wie und wodurch ist Köln zur "Kunstmetropole" geworden?

Erst mal ganz eindeutig durch Ludwig und dann durch die Galerien und den Kunstmarkt, der hier war und der ja ein Umschlagplatz wurde, während Berlin als Kunstplatz ja nicht existierte und kein anderer Umschlagplatz außer Düsseldorf vorhanden war.

Wie sehen Sie die korrelative Entwicklung anderer "Kunstzentren" während dieser Zeit? Welche Alternativentwicklung hat z.B. Berlin nach Ihrer Meinung genommen - Vorrang, Ablösung? Was sind die Kriterien und Effekte? Falls andere für Sie relevante Regionalentwicklungen bedeutsam sind, welche, warum, mit welcher Perspektive?

Ich glaube, Berlin wird seine Position ausbauen, und Köln wird wichtig bleiben für das Rheinland und das Umfeld der Beneluxstaaten. Die rheinische Kultur mit Köln als Zentrum wird erhalten bleiben. Nur ist Köln jetzt nicht mehr so attraktiv wie früher, dass alle Künstler unbedingt nach Köln wollen. Das wird es so nicht mehr geben. Die wollen dann lieber nach Berlin ziehen. Die Leute, die Köln prominent gemacht haben, gehören ja mittlerweile der älteren Generation an. Neue Sachen werden woanders passieren. Deutschland ist dezentralisierter, anders als Frankreich, wo alles in Paris abläuft oder in Amerika, wo alles sich in New York abspielt. ln Deutschland gibt es überall kleine Museen, Kunstvereine und Kunsthallen. Es gibt sehr viel Nährboden für Leute, wo sie sich auch testen können. Und das ist ja gut so.

Unter einem solchen korrelativen Aspekt: Wie sind die Charakteristika Ihrer Arbeit, Ihre Entwicklung, Vorhaben und Resonanz im Vergleichsrahmen der überregionalen Entwicklung der letzten 20-25 Jahre zu sehen?

Ich habe es heute mit meinen Arbeiten international einfacher, weil die nicht so erzählend sind, wie meine früheren, nicht diesen Story-Charakter haben. Das heißt aber nicht, dass ich meine früheren Arbeiten qualitativ schlechter finde. Ich habe mich früher sehr viel mit Wertungsfragen in der Kunst beschäftigt. Meine neuen Arbeiten sind leichter lesbar als die früheren. Wenn jemand aus Singapur kommt und guckt sich ein Bild von mir an, ohne dass er was weiß, kann er mit den neuen Bildern eher etwas anfangen. Insofern glaube ich, dass ich heute ein größeres Publikum anspreche.

In diesem Zusammenhang abschließend die Bitte um Würdigung bzw. kritische Stellungnahme aus persönlicher Sicht zu Person und Arbeit verstorbener Kollegen (u.a. etwa Michael Buthe, Manni Löhe, Al Hansen).

Al Hansen habe ich persönlich nicht gekannt, kannte aber seine Arbeiten. Ich fand verschiedene Sachen von ihm sehr poetisch und reizvoll, andere Sachen wiederum fand ich absolut plump und dumm. Manni Löhe habe ich nur kurz gekannt, weil der ja ganz früh verstorben ist. Zu ihm hatte ich als junger Mensch keine Beziehung. Seine Aktivitäten waren mir alle zu nervös und destruktiv. Heute sehe ich das anders, ich habe eine andere Beziehung dazu gewonnen: Ich sehe das jetzt mehr poetisch. Michael Buthe empfand ich als Person sehr angenehm. Er war sehr offen und ansprechbar und hat einen durch seine Persönlichkeit und sein Auftreten ermutigt. Von seinen Arbeiten schätze ich besonders die arabisch inspirierten Mythologien. Die waren nicht so braun in braun und grau in grau, was alles so in Köln eine Zeitlang gemacht wurde: Beuys und keine Folgen - diese "Grau-in-Braun-Schule." Dagegen fand ich Buthes Exotik immer reizvoll. Jemand, der auch früh verstorben ist, war Hep Tendler, der damals mit mir in derselben Klasse war. Er war einer der besten von uns, weil er damals weiter war als alle anderen – konzeptmässig und im Kopf. Nur aufgrund seines frühen Todes hat er nie eine Entwicklung machen können. Hep war persönlich ein „disaster“, er war innerlich kaputt, lebte zwei verschiedene Leben. Seine Lebensgefährtin wollte nicht, dass er malte. Er durfte zu Hause nicht mal eines seiner Bilder aufhängen. Und irgendwann hat er sich während seiner Schulzeit in seinem Atelier in der Kölner Werkschule erhängt.