Thomas Hesterberg

Herr Hesterberg, wie kam es damals dazu, dass Sie Kunst professionell gemacht haben?

Das fing alles an, als ich so acht, neun Jahre alt war, hinter dem Deich und den Kreuzottern, den Bullerbinsen und Kaulquappen im Windschatten der Bernstein-Insel in Prerow auf dem Darß an der Ostsee, da malte ich Indianer auf dem Kriegspfad und Südseemädchen unter Palmen, hauptsächlich mit schwarzer Tusche, mit Chinatusche und Buntstiften. Meine ganze Umgebung, die historischen Umstände und privaten Verhältnisse, die großartige Landschaft, vollgestopft mit alten Kiefern, Wisenten und Künstlern, hat mich bildnerisch überhaupt nicht interessiert. Das waren Sachen für mein kleines Tagebuch, ebenso wie der Bombenhagel in Berlin, dem ich gerade entkommen war.

ln New York als 16-Jähriger noch mit dem Schiff eingereist, hatte ich dann ein halbes Jahr später als Stipendiat meine erste kleine Ausstellung in Redondo Beach, Kalifornien. Nichts verkauft - aber ich ergatterte den Auftrag für den Portuguese Bend Club das Cover eines Katalogs anlässlich einer Open-Air-Präsentation europäischer Oldtimer zu machen; es wurde ein Mercedes Coupé neben Kakteen - und meine erste Kohle für "Kunst".

Dann, 1956 in München ein Gruppenprojekt: die "Erste Freie Schwabinger Kunstausstellung", in einer großen, romantisch verkommenen Baracke, einer ehemaligen Kneipe am Boulevard Leopold, the street of early fun and sorrows. Zwei halbabstrakte Arbeiten gingen an Sammler- davon konnte ich fast ein Vierteljahr leben.

Nebenbei hat man die damals so beliebten und so genannten Künstlerlokale ausgemalt und ähnliche Aufträge angenommen, zum Beispiel für kommerzielle Faschingsfeten Ateliers dekoriert und aufgemotzt - und so weiter. Das war alles sehr schräg und schrill für die Fünfziger Jahre, und ich war das Nesthäkchen unter Typen wie Volker Heym-Schubert, dem malenden Schwabinger Bürgerschreck und Prinzgemahl; Aljoscha aus Wien, dem Pfarrerssohn und promovierten arbeitslosen Ex-Lektor; Fatso, dem Feuerschlucker, der die bayerischen Halbstarken ansengte, die uns auf die Pelle rückten - und dem großartigen einmaligen Carlos Torroba, der neben Lokalverboten auch Stadt- und Länderverbote hatte und bei den weniger exzentrischen Künstlern, wo er nächtigte, die Leinwände übermalte, wenn sie besoffen eingepennt waren - und die Bilder auf der Straße verkloppte. Ich hab' mit ähnlich fragwürdigen Methoden an der Münchner Akademie reüssiert. Und ansonsten Cioran, Lautréamont und Lin Yutang gelesen. Und "Tonio Kröger". Angesagt waren natürlich auch Malaparte, Camus, Sartre, Benn und der frühe Brecht. Im ersten Filmkunstkino Deutschlands in der Occamstraße - heute würde man sagen Programmkino - war Orphée immer wieder eine Offenbarung. Im gleichen Jahr, 1956, erschien Ed van der Elskens Fotoband „Liebe in St. Germain des Prés“ - wo wir uns selbstverständliche alle wiedererkannten. Cut.

Um einiges später, ich lebte nur noch ab und an in München, bekam ich Kontakt zur Sozialistischen Internationale, zur Gruppe SPUR – Sturm, Prem, Zimmer und vor allem dem Literaten und Aktionisten Kunzelmann – auf dem ersten „rot-schwarzen“ Flugblatt der ganzen, sagen wir, Ausbruchsbewegung, die nach der „Subversiven Aktion“ später in die APO münden sollte, steht auch mein Name, das war 1961. Dabei ging es noch um solche Peanuts wie "Hausdurchsuchungen bei Künstlern" - auf der Suche nach blasphemischen und pornographischen Auslassungen - beziehungsweise Ergüssen.

Rückblende späte 50er: Bei einem kürzeren Gastspiel in Hamburg, wo der nach eigenem Bekunden angeblich frisch aus dem Irrenhaus geflohene und bei Horst Janssen untergetauchte Reederssohn Schuldt "Die erste Ausstellung von Nichts" und Bazon Brock mit Hundertwasser "Die endlose Linie" inszenierten, Kinski sich mal wieder in einer Publikumsbeschimpfung bewährte, die Hamburger Bill-Haley-Fans Sportpalast spielten - Rolf Rose, Hubert Fichte, Marquard Bohm, Peter Rühmkorf und Günter Suhrbier öfter mal in der legendenumwobenen Gammlerbude "Palette" in der ABC-Straße gesichtet wurden, und ich Henry Miller anlässlich einer Büchersignierung persönlich kennenlernen durfte (bei mir langte es nur zu dem rororo-Bändchen "Nights of Love and Laughter" mit dem bescheuerten deutschen Titel, "Lachen, Liebe, Nächte"), machte ich auch meine erste nähere Bekanntschaft mit Goethe, ganz außerschulisch: ln der berühmten denkwürdigen Gründgens-Inszenierung von Faust im Schauspielhaus war für die Walpurgisnacht, weltoffen und modern, wie die Hanseaten es so mögen, Rock 'n' Roll angesagt. Unsere Clique, die das hinlegte, sah, selbst wenn man die Nähe des Hauptbahnhofs berücksichtigt, leicht suspekt aus. Für die Tanznummer gab's 10 DM bar auf die Kralle, und die Viererpackung "Roth-Händle" kostete 30 Pfennig. Die Form der filmischen Dokumentierung der Aufführung - Regie Peter Gorski - fand ich allerdings nicht gerade das, was man kongenial nennt - ab und zu läuft das Ding noch in der "Lupe" - jedenfalls kam mir damals schon die Idee, einen völlig anderen Faust-Film zu machen, obwohl die Vorstellung noch sehr vage war. P.S. Peggy Parnass habe ich erst sehr viel später kennen und schätzen gelernt.

Problematisch ist nur, was nicht evident ist. Und was nicht evident ist, ist meistens gar nicht der Rede wert, oder gerade doch? Nun denn, um den Gedanken mit Duchamp zu krönen: "Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt." Und um das Ganze endgültig mit Goethe zu überkronen: "Jede Lösung eines Problems ist ein neues Problem." Jedenfalls 1960, Umzug per Anhalter, "zurück" in Berlin, war für mich affirmativ evident, dass die Collage, das Prinzip Collage - vor allem als Spiel mit Widersprüchen - die mir adäquate Form der ästhetischen Äußerung ist, als Magnetfeld zwischen den Polen ästhetische Entäußerung und ästhetische Gewaltanwendung. Erste Einzelausstellung in Kreuzberg – im Umfeld von Hartmut Topf, Kurt Mühlenhaupt, Robert Wolfgang Schnell, Günter Bruno Fuchs und last not least Oskar Huth. Und wer ist der erste Käufer, ich war gar nicht im Laden, ein Herr Rudolf Zwirner aus Köln, Wahlkölner aus Berlin, hieß es. Ein Omen - mein erster Kunstkontakt mit Köln. Übrigens eine Collage auf Holzkasten mit verträumtem S/M-Touch, eine leichtgeschürzte Exotin, eingerahmt von Nylons, durch die dicke Nägel gingen. Dabei fällt mir natürlich mal wieder Max Ernst ein; Frage: "Was halten Sie von Kant?" Antwort: "Die Nacktheit der Frau ist weiser als die Lehre des Philosophen."

Ja, so fing es an, und so ging es dann weiter, aber auch mit Ausbrüchen und Aussetzern, mit Abschweifungen und Ausschweifungen und längeren Tramp-Fahrten, da war man schon mal Tellerwäscher in Stockholm, war Fremdenführer in lstanbul oder Paris, so wie viel früher mal Kupferstichkolorist in Wien und viel später mal Hausmeister in Tanger - oder kreidete mit Harun Farocki auf dem Kurfürstendamm - 1 Tag als Pflastermaler für die Biographie - auch ein "One day of my life in a box." Ach ja, in Kopenhagen war's mal richtig nötig, nicht zuletzt wegen der Fähre back home. (Damals lebte noch die Dicke Wirtin leibhaftig und Schimon prämierte die Kampftrinker in seinem Old Eden Saloon.)

Ich halte oder hielt es da wohl weniger mit, ich glaube Schiller: "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst", sondern mehr mit Oscar Wilde: "Die Kunst ist das einzig Ernsthafte auf der Welt. Und der Künstler ist der einzige Mensch, der nie ernsthaft ist." Mit anderen Worten, the point is: to never be serious about being serious. Und um gleich etwas klarzustellen und Walter Benjamin zu zitieren: "Zitate in meiner Arbeit sind wie Räuber am Weg, die bewaffnet hervortreten und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen."

1963, kurz nach dem Baselitzskandal mit "Die große Nacht im Eimer“ bei "Werner und Katz", ebenfalls am Kurfürstendamm, gab es ein paar hundert Meter weiter noch einen Eklat, im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung: Angesichts meiner "Maria Magdalena", - Anita Ekberg in ihrer berühmten Dolce Vita Pose wird auf einem kitschigen Nazarenerstich von einem segnenden Jesus im Kahn dem beeindruckten Volk am Ufer vorgeführt, - rief die Bildzeitung wieder klotzig entrüstet nach dem Staatsanwalt.

Davor schon mischte ich sporadisch mit bei der Berliner Mikrozelle der "Subversiven Aktion", wo ich auch Uli Karp aus Köln begegnete und mit Kunzel & Co zu einem Sylvester das neue Berliner Bauwerk bepinselte: "Den Mäzenen der Mauer, Axel Springer und Walter Ulbricht, ein frohes Neues Jahr." Das war schwierig, langwierig und schmierig: Spraydosen gab's damals noch nicht, dafür gerade dort reichlich alerte Polizeipatrouillen.

Und dann ging immer mehr die Post ab, das erste Konzert der Rolling Stones, in der Waldbühne, 1965, berittene Polizei, zerstörte Bankreihen, demolierte S-Bahnzüge, die erste große Konfrontation, nicht wegen einer Demo, sondern wegen eines Konzerts. Timothy Leary's "Turn on, tune in, drop out" war nicht nur virtuell angesagt; später hieß das dann "Haschisch, Opium, Mescalin, für ein freies West-Berlin."

Allen Ginsbergs "Howl" und "Wild Bill" Burroughs' "Naked Lunch" hatte man schon lange hinter sich - und ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich ein Jahrzehnt später, auch über private Beziehungen zur Library of Congress in Washington, mal entlegenes Material akribisch zusammentragen würde, um an der FU über Mr. William Seward Burroughs zu promovieren, am John F. Kennedy Institut, das damals - selbstredend - Malcolm X Institut hieß. Rückblickend schon fast ein absurdes Vorhaben, was ich nach einer erhellenden persönlichen Begegnung mit dem "invisible man" - gepaart mit einer Fotosession - als irrelevant auch fallengelassen habe. Lieber ging ich mit Ginsberg einen trinken, in der "Ruine" am Winterfeldtplatz, der Laden war ja noch besser als das "Cafe Kaputt", auch im ehemaligen W 30 gelegen. Dralles altes "Gottlieb" war damals schon Legende. Aber wir greifen vor.

Mit Rosa von Praunheim, der damals noch Holger Mischwitzky hieß und traurige Könige malte, die in Schwimmbecken weinten, eröffnete ich in einem Keller in der Nähe vom Savignyplatz die "Galerie Klo". Ein totales Fiasko. Aber lustig. Holger versteckte seinen shit, indem er ihn paranoid in seine Skulpturen eingipste und hinterher schrecklich suchen musste. Außerdem hielt er sich für asexuell und wollte auf den Berg Athos ins Kloster, während ich von seiner späteren Aktrice Carla Aulaulu berauscht war, die bereits als Klosterschülerin auf die magic mushrooms im Botanischen Garten abfuhr. Ansonsten schmissen wir Trips - die "blauen Götter" - und hörten dazu Strawinsky. (Pi Wi, der Wolfgang Neuss das Kiffen beigebracht hat, war auch mit von der Partie: Der spätere Promoter des ersten "be in" in Berlin, als Kontrastprogramm zu den "teach ins" und "sit ins", und ebenfalls ein Gast in Ziskas Salon.)

Dann gab es eine erste Zäsur: Mitte der Sechziger kaufte ich mir in einem Trödelladen eine schöne Rollei - und anlässlich der Aufführung von "Dracula Dracula" von und mit H.C. Artmann und der besseren Berliner Bohème gelingt mir ein Foto von Juliane B., Berlins schönster Viertelsamoanerin - und späteren TV-Moderatorin -, just in dem Moment, als sie ihre mit entweihten Nadeln gespickten Brüste zeigt. Der Spiegel griff sofort zu - die Kamera hatte sich auf angenehme Weise amortisiert- aber ich habe von Anfang an keine Auftragsarbeiten angenommen. Ich fotografierte meine Freunde: Julian Beck vom "Living Theatre" oder Friedrich Schröder-Sonnenstern beim Signieren kopierter Arbeiten, den Bildhauer Kuddel Finke in Erwartung der nächsten Besucherin, so wie später Rudi Dutschke beim Familieneinkauf, oder den undogmatisch marxistischen Innovations-Theoretiker Michael Schneider bei Aschinger ( Bruder des Ping Pong Spielers und Romanciers Peter), Horst Tomayer in entschlossener, vergeistigter Heldenpose oder den Jonas genannten Professor Dr. Johann Friedrich Geist bei einer Lockerungsübung. Und Konkret, Stern, Die Zeit, Spiegel oder irgendwelche kurzlebigen Untergrundpublikationen und Anarchoblätter ebenso wie politisch oder künstlerisch orientierte Buchverlage veröffentlichten mich ab und zu. Und: war ich 1964 noch als Besucher der Biennale in Venedig in Ermangelung des horrenden Eintrittsgeldes über den Balkon des sowjetischen Pavillons in die Giardini eingestiegen, so inszenierte ich 1966 eben dort mit jener Jane genannten Juliane das süffisante schon in Richtung Performance gehende, fotografisch dokumentierte ungenehmigte Happening „Hommage à Lenin“, das sich in einem schnellen Abgang vollendete. Damals bezog ich noch die Peking Rundschau, direkt aus China, allerdings nur noch wegen der schönen großen Briefmarken, die später durch einen schnöden Stempelaufdruck ersetzt wurden.

Und ab ging's zu den Provos nach Amsterdam - auf dem Rückweg habe ich es dann mit einem kleinen Trick geschafft, dass mich Arno Schmidt hinter seinen zugewachsenen Zaun gebeten hat - und ins Allerheiligste: sein Arbeitszimmer mit den Zettelkästen und Blick über die Felder und Wiesen von Bargfeld Kreis Celle und mir "Kühe in Halbtrauer" mit Widmung verehrte - und sich fotografieren ließ.

Das ist alles Archäologie, Vor- und Frühgeschichte, aber vielleicht gerade deshalb erwähnenswert. Ich hatte das "Don't trust anyone over thirty"-Alter erreicht - zu dem Walter Serner richtig bemerkt: "Älter zu werden als 60 Jahre, ist kein großes Vergnügen und oft ein Malheur. Bedenke das, wenn du dreißig bist, und karge nicht mit dir! Zudem: der Sparsame siegt nicht.". Ja, 1967/1968/1969, das waren Jahre der Transition, euphemistisch gesprochen die Jahre der Konsolidierung - it was a time for a change -, was danach kam, ist ja geradezu seriös zu nennen - und fast alles veröffentlicht - dokumentiert, katalogisiert, archiviert, also konserviert, kurz: es steht geschrieben. Ob im "Schlaglichter"-Katalog des Rheinischen Landesmuseums, in den X-Screen-Materialien von W. und B. Hein über den Underground-Film, dem P.C.A.-Band (Projecte, Concepte & Actionen) bei DuMont, dem "Kölner Skizzen"-Heft 3/2. Jahrgang, - ganz abgesehen vom Archiv des Kölner Stadt-Anzeigers und der Stadt-Revue - oder der Foto-Sammlung der Berlinischen Galerie im Gropiusbau, unter der vorzüglichen Leitung von Janos Frecot, (der bei meinen Arbeiten von "rauher Fotografie" sprach), wo auch eine große Foto-Collage ihre Heimat gefunden hat, ein Werk über die 70er Jahre, in die ein exemplarisches Motto eingebaut ist, ein Toilettenspruch aus dem "Dschungel" am Winterfeldtplatz: "Wenn ich es wüßte, ich würde es tun."

1967 gab es die große Collage-Ausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München, unter anderem mit meiner "Anadyomene Immaculata", die sich heute auch in einer privaten Sammlung befindet, und ich machte das zur Ikone gewordene "K I Foto", das Foto der Kommune I, mit Linksaußen Kunzelmann, der eben jetzt die Rolle des Empedokles spielt. Über das Gesamtkunstwerk 1968, das Jahr, an dem ich mich an der Freien Universität einschrieb - und endlich dem genialen Religionswissenschaftler Klaus Heinrich begegnete ( von dessen Essay "Antike Kyniker und moderne Zyniker" sich Sloterdijk das Thema zu seinem Durchbruchswälzer fast unauffällig, sagen wir, entliehen hat) - wird dieses Jahr, 1998, wieder genug gesprochen werden, und 1969, im Jahr der Venus, trieb es mich nach Köln, immer öfter und immer länger, und bereits 1970 begannen die Dreharbeiten zu "Faust 1", zusammen mit Franziska Scherer. Ein langes Kapitel für sich.

Köln, das war damals auch die "Happening und Fluxus"-Ausstellung, X-Screen, CAN, das alte "Roxy"; in Köln hieß es manchmal, jetzt kommt wieder dieser Kader aus Berlin; und in Berlin, jetzt kommt wieder dieser Künstler aus Köln - (oder hab' ich mir das jetzt nur ausgedacht. Fußnote: klingt ja fast wie "Der Yogi und der Kommissar") - als "Mein schönster Urlaubsfilm" anlässlich der Berlinale im Arsenal Premiere hatte - vom "Forum" als "Auch ein Blue Movie" untertitelt - und in Oberhausen die ebenfalls mit Franziska gedrehte Fingerübung "Kaiserwetter" zur Aufführung kam. (Im übertragenen Sinn, sozusagen symbolhaft, führte der Weg von Tupamaros zu den Tara humaras.)

Und dann gab es diese beiden einmaligen, überbordenden, unwiederbringlichen "Wet Dream Film Festivals" in Amsterdam, zu denen der halbe europäische und amerikanische Underground anreisten, inklusive Otto Muehl mit Entourage als Sahnehäubchen. Und Any Rousseau als kunstfertige Muse wechselvoller Begegnungen. (Und fast zur selben Zeit bastelte der Maler Schwannecke hinter schweren Vorhängen in der Eisenacher Straße an Berliner Tinke, Zauberlehrling und Hexenmeister seiner Dämonen zugleich – und ich erholte mich ein zweites Mal in London zwischen Portobello Road und Highgate cemetery.

Jedenfalls kann man vom Museum Ludwig nicht behaupten, das beste Bild sei der Blick aus dem Fenster, um wieder auf Köln zu kommen; meine Tätigkeit als Film- und Kunstkritiker beim Kölner Stadt-Anzeiger, wobei ich mein Debut dort als Literaturkritiker gab, allerdings nur von Filmbüchern (und später als Christian Winterfeldt in Erscheinung trat); dann die Arbeiten zu meinem Filmforum-feature "Tarzan lebt", zum großen Teil in Zolpers altem Atelier in der Venloer Straße gedreht, mit den erlauchten Wissenschaftlern Prof. Dr. Dr. Grzimek, Dr. Horst Kurnitzky, Dr. Klaus Kreimeier, Dr. Hermann Josef Berk etc., und natürlich Prof. Bazon Brock, der im Flughafen Köln Wahn eine Impromptu-Vorstellung von geradezu bizarrer Extravaganz lieferte. Dann im Rahmen weiterer Dreharbeiten in Hollywood meine Rückkehr nach L. A., flankiert von einer ZDF-Crew, und Russ Meyer gab sich die größte Mühe, Hans Peter Kochenrath und mich bestens zu bewirten.

Und seit 15 Jahren treibe ich mich nun in mehr oder minder unverwegener Weise ("I read much of the night and go south in the winter", T.S. Eliot) ein wenig in Asien herum. Und habe in den letzten 11 Jahren allein in Bangkok - (wo ich auch für die "Bangkok Post" geschrieben habe) - drei große Einzelausstellungen gehabt (Fotos, Collagen, Objekte), zwei davon in Zusammenarbeit mit dem Goethe-lnstitut, "Image & Imagination" (1987) und "Farangina" (1995). Letztes Jahr auch noch eine in Taipei, dank einer rührigen taiwanesischen Galeristin, die meinte, es sei durchaus ehrenhaft und lukrativ, für eine Feuerratte durchs Feuer zu gehen. Dabei fällt mir ein, das ist schon komisch, dass ich Anfang der 60er in Berlin ein kleines Blatt mit dem Titel "Bang-Cock Times" rausgebracht habe, was besonders mein Freund Nic Squire goutiert hat.

Ja, auf meinem imaginären Grabstein wird sicherlich stehen, es war eine Freude, ihn, zu kennen, es war eine Gnade, mit ihm zu leben; (was ich zum Anlass nehme, hier noch ein kleines Zitat anzubringen welchem durchaus Wohlmeinenden dies vielleicht etwas zu bombastisch und prätentiös oder gar arrogant oder etwa zu wenig ironisch klingt, dem kann ich jetzt nur noch mit Josef von Sternberg ernsthaft ins Stammbuch schreiben: "Kein Mann ist so groß, dass er sich klein machen müsste." Oder wie Peter Deiters immer hinweisend sagte: "Der Trick mit der Wahrheit." Obwohl Heine vielleicht doch auch hier gern neckisch notiert hätte: "Er lobt sich so stark, dass die Räucherkerzchen im Preis steigen."

Würden Sie heute noch einmal denselben Weg wählen?

Man schwimmt nie zweimal durch den gleichen Fluss - heißt es schon in einem alten Sanskrit-Text - und ähnlich bei Heraklit. Trotzdem: die hypothetische Antwort auf die hypothetische Frage ist ja; besonders, weil man in diesem Fall eine eindeutige Wahl hat. Der Unterschied wäre nur: jetzt kennt man nicht bloß den Weg, sondern auch die Hauptstraße - und neben den Sackgassen auch die Abkürzungen und den Freeway.

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten 20-25 Jahren gegenüber früher verändert?

Die Welt ist hässlicher geworden. Selbst die Rue de la Huchette ist jetzt eine angepollerte Fußgängerzone, und die Verzierkübelung, oder soll ich sagen Zierverkübelung - diese Formulierung könnte von Britzhold Baron DeBelle kommen - schreitet weiter fort, wie Fahrstuhlmusik und die gepflegten Zahnarztpraxenklänge. Die Leute laufen rum als stromlinienförmige Zombies und auch die ohne Geld sind schlecht gelaunt - völlig beknackt. Wahrscheinlich, weil sie es wie die Reichen für schick halten, schlecht gelaunt zu sein. Kurz: auch die ästhetische Vergiftung des Globus kommt immer mehr in Fahrt. Allein der Ostberliner Fernsehturm, nicht nur das hässlichste, auch noch das höchste Gebäude der Stadt: sofort subtil stückweise sprengen. Gegen so was ist die Domplatte ja die reinste Erholung.

Kunst jetzt – welche Ihrer Vorstellungen sind wichtig geworden? Haben Sie als Person oder mit Ihrem Werk oder mit beidem Einfluss nehmen können auf andere, oder war Ihnen das nicht wichtig?

Relevanz ganz allgemein ist natürlich eine Frage sowohl der Vorstellung als auch der Wirkung. Was zählt, sind aber weder Jünger noch Epigonen, nicht mal Groupies, sondern allein die spirituelle Veränderung, die aus Lust und Erkenntnis, oder soll ich besser sagen Freude erwächst. Kein Künstler wünscht, etwas zu beweisen. Selbst Wahres kann bewiesen werden. Und das gilt besonders jetzt für "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Manipulierbarkeit", denn, wer hat das nochmal gesagt, Araki hat es allerdings kürzer formuliert, "die einzige, über jeden Vorwurf erhabene Lüge ist die Lüge um ihrer selbst willen, und ihre höchste Entwicklungsstufe ist die Kunst." Für Leute, die das für frivolen Schnickschnack halten, hier Picasso: "Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt." Und Marx haut natürlich richtig auf den Putz:" Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet." Wahrlich wieder ein weites Feld. Lassen wir's gut sein mit Walter Benjamin: "denn das l'art pour l'art ist ja fast niemals buchstäblich zu nehmen gewesen, ist fast immer eine Flagge gewesen, unter ein Gut segelt, das man nicht deklarieren kann, weil der Name noch fehlt.".

Kunst und Geschäft: Ist es heute leichter, verstanden und gekauft zu werden? Sammler, Galeristen, Öffentliche Hand: Was ist anders, besser oder schlechter geworden?

Es ist nun mal fast so wie an der Börse. Bestes Beispiel zur Zeit ist der "floating baht". Aber solche Vergleiche hinken wie immer. Besonders, wenn man die Imponderabilien und ähnlichen Krimskrams in die Waagschalen werfen will. (Ich gehe jetzt absichtlich – weil hier unnötig - nicht ein auf die gewichtige Rolle von Koffern im internationalen Währungsverkehr.)

Möchten Sie kunstkommerziell heute etwas ganz anders haben? Was müsste man Ihrer Auffassung nach tun?

Vielleicht sollte man mal die Geschmacksgene manipulieren: Radikal sein heißt schließlich, das Übel an der Wurzel packen. (Oder sollte ich jetzt einfach mal "Dead Flowers" von den Stones auflegen oder lieber Sheena Eastons "Telefone- Long Distance Love Affair"?)

Vor allem aber sollte man nebenbei nicht vergessen: " Die Wirklichkeit sendet keine Bildchen aus", wie schon Adorno gegen die Abbildtheorie von Lukacs und Lenin polemisierte. Susan Sonntag sagt es so: "Die Welt in Gestalt von Bildern besitzen, heißt nichts anderes, als die Unwirklichkeit und Ferne des Realen aufs neue erfahren." Und der Dichter Rainer Maria Rilke deliriert: "Alle Dinge sind dazu da, damit sie uns Bilder werden in irgendeinem Sinn." Und schon leuchtet vor mir im Gegenlicht der Anfang der ersten Duineser Elegie: "Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich."

Köln – Für Sie ein notwendiger oder ein beliebiger Platz? Gibt es Köln bezogene Wichtigkeiten für Sie heute noch, oder könnten Sie sich heute eine bessere, fruchtbarere Umgebung vorstellen?

Ohne Gezeter: Es gibt grundsätzlich keinen beliebigen Platz. Und wenn Köln auch nicht die beste aller möglichen Welten sein sollte - es ist durchaus fruchttragend. Und eine Stadt des Anstands: die Leute reden nur hinter deinem Rücken schlecht über dich. Manche mögen das verlogen oder feige finden, ich finde, das hat Stil, Kölner Stil. Eine ganz bestimmt irgendwie echt gute Voraussetzung für freundliche Gespräche mit abgefuckten Bangkoker Taxifahrern, ohne Sperenzchen und Fisimatenten. P.S. "Wie in Rom außer den Römern noch ein Volk von Statuen war, so ist außer dieser realen Welt noch eine Welt des Wahns, viel mächtiger beinahe, in der die meisten leben." (Goethe nach Gregor von Rezzori).

Köln – Provinz, Weltstadt, Sprungbrett, Hindernis? Wäre für Sie eventuell etwas ganz anders gelaufen, wenn Sie nicht in Köln gearbeitet hätten?

Nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung: ganz klar. (Manches läuft anders, wenn du woanders bist - so oder so). Aber Köln ist ein weich federndes Sprungbrett. Ohne Köln z.B. keine Partizipation an der Ausstellung "Um 1968. Konkrete Utopien in Kunst und Gesellschaft" in der Düsseldorfer Kunsthalle 1990, oder früher beim Kunstverein Brühl, oder demnächst bei dem Band "1968 am Rhein" etc. etc. - P.S. Köln wird aber von manchen auch durchaus als Sprungturm gesehen.

Öffentlichkeit, Gesellschaft, Stadt Köln – Haben Sie bei der Realisierung Ihrer Ideen Unterstützung gefunden, auch materielle?

Die ideelle Unterstützung von Ideen ist billiger, meinen manche, die meisten im Sinne von Recht & Billig Ltd., eine alteingesessene Firma (Sie könnte auch heißen Firlefanz & Mumpitz, Schabernack & Larifari, Humbug & Pipifax, Brimborium, Bohai & Hokus Pokus, Heckmeck & Kokolores oder Huddel & Brassel, vertreten durch die Kanzlei Hickhack, Tohuwabohu und Wirrwarr, oder schlicht Schmonzes. Oder Klimbim & Kuddelmuddel. Ein einziges Schlamassel.). Juliette Greco meinte dazu: "Auf die Dauer ist nichts so teuer wie Geld."

Gab es damals etwas Wichtiges, was Sie konkret nicht realisieren konnten?

Vor ein paar Monaten erst erfuhr ich, dass Rolf Thissen a) ein neues Buch mit dem Titel "100 Jahre Film" geschrieben hat und b) darin den Film "Faust I" (BRD 1970- ?) unter seine 100 Highlights der Filmgeschichte eingereiht hat. Ich möchte daraus zitieren: "Der einzige 'film inedit' in dieser Kollektion. Weil sich Macherin und Macher bei Vertonungsversuchen des fertig geschnittenen Films hoffnungslos zerstritten, landete das 16-mm-Umkehr-Original im Keller. Da liegt es heute noch, und ich möchte nicht wirklich wissen, in welchem Zustand es sich befindet. Eine Videokassette, die sich eine Zeitlang in meinem Besitz befand, habe ich dummerweise an die Künstlerin zurückgegeben. Für mich ist "Faust I" immer noch einer der besten unabhängig produzierten deutschen Nachkriegsfilme, ein Werk aus dem "Underground", gedreht in und um Köln, besetzt mit Darstellern aus der Kölner Szene (Jörg Winzer als Faust, Marita Küpper als Gretchen) und einer ganzen Reihe von Prominenten (Fernsehredakteur Hans Peter Kochenrath, Journalist und Regisseur Hans C. Blumenberg, Avantgardefilmer Kurt Kren, Künstler und Professor Jürgen Klauke). Faust, der Sucher, ist ein Fixer, Mephisto auch erotisch an ihm interessiert, Gretchen ein üppiges Weib. Dringend gesucht: ein Sponsor, der die Fertigstellung dieses farbigen Stummfilms garantiert. Die Tatsache, dass der Film heute ein historisches Dokument ist, bedeutet keinesfalls, dass er unzeitgemäß wäre.“

Das ist nicht nur prinzipiell alles richtig, sondern trotz seiner lapidaren Form durchaus aufschlussreich geschrieben, nur - sagen wir der Einfachheit halber "formal" - ist einiges den Umständen entsprechend, und wie's der Teufel so will, nicht ganz stimmig. Auf jeden Fall aber zielt Thissen auf den Kern der Sache, was das Vorhaben angeht und was den Inhalt angeht. Wie bei Burroughs die Sucht auch eine Metapher ist für die Verfallenheit des Menschen an "bewusstseinsfremde Kräfte", so ist hier die Fixe - der "Große Trip", den der Teufel diesem "im Drang nach übermenschlicher, unbegrenzter Erkenntnis weltformelsuchenden maßlosen Forscher" Faust verpasst - (oder begann es schon mit dem hier unsichtbaren Erdgeist, beschworen durch die Magie des Peyote-Rituals?) - auch oder nur eine konkrete Metapher für den bisweilen fragwürdigen Versuch bewusstseinsverändernder Grenzüberschreitung, Grenzverschiebung, Entgrenzung und Erfahrungslust bis zur Ekstase - "break on through to the other side" - fliegend wie ein Schamane, von Halluzinationen zu Visionen, versunken in magische, archaische Welten und mythische, mystische Zeremonien oder Hippieträume von exotischer Ferne, gespiegelt in der Landschaft südlich von Marrakesch; - break on through - Tollkirsche, Alraune, Bilsenkraut, Stechapfel, spitzkegeliger Kahlkopf und Fliegenpilz, auch Majoun, Oioliuqui, Yage und der Psilocybe "Teonanacatl", das Fleisch der Götter, als heiliger Zauberpilz der Maya vom christlichen Klerus zum Teufelswerk erklärt, neuerdings verboten wie das Krötenlecken, break on through: ich erwähne nur die Phantasmagorien der Hexenküche mit dem Verjüngungstrunk als Liebeszauber und das Pandämonium der Walpurgisnacht, das höllische Treiben auf dem Blocksberg, - und ist damit, als eben diese konkrete Metapher, im Zentralmotiv verankert. ( Vielleicht sollte man ganz nebenbei erwähnen, dass ein auch Köln berührender ICE nach Hildegard von Bingen benannt worden ist.

In "Dichtung und Wahrheit", an der Stelle, wo er über Faust und die "Eitelkeit" menschlichen Wissens spricht, schreibt Goethe geradezu erhellend: Am meisten verbarg ich vor Herdern meine mystisch-kabbalistische Chemie und was sich darauf bezog, ob ich mich gleich noch sehr gern heimlich beschäftigte, sie konsequenter auszubilden, als man sie mir überliefert hatte." Und in einem Brief an seinen Verleger Cotta vom 2.1.1799: "Mein "Faust" ist zwar im vorigen Jahre ziemlich vorgerückt, doch wüsst' ich bei diesem Hexenprodukte die Zeit der Reife nicht vorauszusagen. Wenn die Hoffnung näher rückt, sollen Sie davon hören."

Gibt es etwas, was Sie heute sofort tun würden, wenn Sie ohne Limit die Möglichkeit dazu geboten bekämen?

Logisch. Ich würde gern sehen, dass der - wie Thissen richtig sagte "fertig geschnittene" - Film über den "Schwarzkünstler, Teufelsbündler, Magier, Alchemisten" Dr. Faustus endlich wirklich fertig wird bzw. unblockiert vollendet werden kann, nur ist das eben nicht meine Entscheidung allein. Und auch keine Frage des Geldes, den von Thissen apostrophierten Sponsor habe ich bereits. Das Endkonzept, was mich betrifft, sowieso. Und Franziska Scherer hat vor kurzem auf meinen anlässlich der Lektüre des Thissen-Textes wieder einmal vorgebrachten Wunsch reagiert und sogar in Form eines beschrifteten Pentagramms ihre Bereitschaft zur Team-Arbeit signalisiert sowie zugesichert, das Filmmaterial auf seinen Zustand überprüfen zu dürfen. Vielleicht deshalb hat mir mein Astrologe in Laos gesagt, nächstes Jahr, 1999, sei durchaus günstig. Goethe konzipierte den Faust- noch vage - um 1768. Erschienen ist der Tragödie Erster Teil 1808, vierzig Jahre später. Meine erste Konfrontation mit Faust und mein allererster konzeptioneller Ansatz zur filmischen Bearbeitung fallen in das Jahr 1959. Vierzig Jahre später, 1999, feiern wir Goethes 250.Geburtstag, und Weimar ist Kulturhauptstadt Europas. Ein gutes Omen. So mag mir der Brief an Schiller vom 27.6.1797 Ansporn sein:"... Ich werde sorgen, dass die Teile anmutig und unterhaltend sind und etwas denken lassen; bei dem Ganzen, das immer ein Fragment bleiben wird, mag mir die neue Theorie des epischen Gedichts zustatten kommen..." Und fünf Tage vor seinem Tod 1832 weist Goethe in seinem letzten Brief Wilhelm von Humboldt auf den mehr als sechs Jahrzehnte dauernden Kampf um Faust I und II hin: „Ganz ohne Frage würd' es mir unendliche Freude machen, meinen werten, durchaus dankbar anerkannten, weitverteilten Freunden auch bei Lebzeiten diese sehr ernsten Scherze zu widmen, mitzuteilen und ihre Erwiderung zu vernehmen. Der Tag aber ist wirklich so absurd und konfus, dass ich mich überzeuge, meine redlichen, lange verfolgten Bemühungen um dieses seltsame Gebräu wurden schlecht belohnt und an den Strand getrieben, wie ein Wrack in Trümmern daliegen und von dem Dünenschutt der Stunden zunächst überschüttet werden. Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel waltet über die Welt, und ich habe nicht angelegentlicher zu tun, als dasjenige, was an mir ist und geblieben ist, wo möglich zu steigern und meine Eigentümlichkeiten zu kohibieren..."

Sollte mein/unser/das Faust-Projekt jetzt nicht, wie sagt man doch auch, zur endgültigen Reife gebracht werden können - im Zweifelsfall trägt natürlich nicht EI Nino die Schuld, und jeder Form des Herostratentums sollte der Kampf angesagt sein - oder anders: Sollte ich den "Faust I" nicht vollenden dürfen, sollte es, soll es ein Stummfilm bleiben. Ein Mysterium mit der Cinemathek Köln als Endlager. Das klingt jetzt sehr testamentarisch und ist auch so gemeint. Fußnote: Außerdem wüsste niemand genau, welche Handlungssequenzen und vor allem welche Traum-, Visions- und Assoziationssequenzen welchem Teil welcher Szene bei Goethe zuzuordnen sind, (dessen ungeachtet: was wurde gedehnt, was wurde verkürzt), also auch welche Textauszüge in welchem Zusammenhang und welcher Form in Frage kommen, welche anderen Texte, Laute und Geräusche zu verwenden sind, welche Musik etc. etc. und ist die Katze etwa der Pudel? Und was hat es auf sich mit Oberons und Titanias goldener Hochzeit auf der Akropolis von Lindos? (Einzig eine rein instrumentalische Verzierung und Untermalung wäre kein so großes Problem und würde den "Stummfilm" nicht notwendig verfälschen oder das Werk zerstören; Berlioz, Gounod, Wagner, Liszt, Schumann und Mahler haben sich ja schon dran versucht, Jimi Hendrix und die Doors nicht. Aber: auch hier geht es um Details, und in denen steckt bekanntlich der Teufel.)

Doch was zum Teufel rede ich hier, soll ich mir die Hölle heiß machen, welcher Teufel hat mich denn hier geritten, dass ich überhaupt ein Wort darüber verliere, dass nur der Künstler selbst seine Vision verwirklichen, sein Werk vollenden kann: "Geprägte Form, die lebend sich entwickelt", da ein Stück, dort ein Stück, poetische Komplexität aus einem Guss.

Anderenfalls, günstigeren Falls, das heißt im Fall baldiger Fertigstellung, - obwohl, 1999 ist ein Jahr mit 13 Monden, und auch Peter Stein bringt seinen, allerdings kompletten Faust, erst zur Expo 2000 auf die Bühne - könnte man schon 2001, eine neue Odyssee, mit den Dreharbeiten zu "Faust II" beginnen, der - neben Köln - in Luang Prabang, Angkor und auf dem Wat Arun spielen sollte. Und die Apsaras, jene nymphenähnlichen Tänzerinnen und Kurtisanen aus lndras Himmel, werden uns gnädig sein.

Szene: Gab es eine, wollten Sie damit etwas zu tun haben (mitmachen, sie ändern) oder dagegenhalten?

Mein Beitrag war zunächst meine hoffentlich wie immer inspirierende Anwesenheit. Doch möchte ich erst mal lieber Dank sagen, was die Chancen betrifft. Ohne die "Szene" hätte es zum Beispiel bestimmt nicht meinen Beitrag in Rudolf Bonvies mutigem "Kunststoff'( Heft Nr.6) gegeben, auch keine Zusammenarbeit mit dem Multitalent Heinz Zolper jr.. Bei "Palazzo III" (hier Palazo geschrieben) sowie "Westkunst-Palazzo". Zolper hat auch direkt erkannt, dass es sich bei dem Auto-Interview "Ich rede nicht von chinesischen Glöckchen" um einen äußerst starken Text handelte. (Seit den Sechzigern mache ich alle paar Jahre ein solches Interview mit mir, immer unter dem gleichen Titel, immer in einem anderen Organ, nur in den Achtzigern hat es keins gegeben, aber da gab es ja auch nichts Neues, außer den Yuppies und Aids, meinetwegen noch Madonna und Techno, aber wir schweifen ab.). Auch mein Filmforum-Film "Tarzan lebt" fürs ZDF wäre ohne Zolper nicht jene Perle geworden, schon wegen seiner gelungenen Doppelrolle als Künstler und Tarzan, gar nicht zu reden von den Szenehelden Arno Steffen, Albrecht Winterberg, Michael Buthe, Alcazar Gandhi, Daniele Reimann, Berthold Bell, - und als Scherzkeks Karl Blömer; auch schon Klaus Honnefs große Schlaglichter Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum mit meinen Postkarten-Collagen sowie Katalogbeiträgen, oder die kleine Ausstellung "Paroxystische Postkarten" im BBK mit der exquisiten Kritik von Blacky; ja, auch schon das mir gewidmete Heft von Dietmar Schneiders Dauerbrenner "Kölner Skizzen", mit Rüdiger Müllers Beitrag „'Der Inhalt ist schon da', sagte der Igel - der Collagist Thomas Hesterberg", meine produktionsmäßig und damit formal etwas völlig Neues darstellende Raymond-Hürzeler-lnterview-Serie in der Stadt-Revue, wobei wieder Leute aus der Szene zu Wort kamen, wie Bernd Schmitz, Sehröder Roadshow, Olga Gasteiger, Bell und Winterberg sowieso, und natürlich Heinz Zolper, sogar zweimal - oder auch Klaus Kreimeier; das Interview war der längste je in der Stadt-Revue veröffentlichte Text, - und bestimmt auch einer der gewichtigsten und brisantesten, was jene Zeit angeht, vor allem eine Abrechnung mit I Aufarbeitung von musealem Prolet-Kult und moderner K-Gruppen-ldeologie, „Kunst als Waffe im Klassenkampf“ sowie der sogenannten "Neuen Sensibilität" der counter culture; eine Serie, die später als zu gewagt und zu elitär von den neuen Spießern der Stadt-Revue eingestellt wurde; wenigstens habe ich dann die SR genutzt, um mich in Cannes akkreditieren zu lassen, mit Fassbinder in Europas ältestem Schwulenkeller zu saufen, und unter neuem nom de plume berichtet: als Will van Ammelrooy, zu Ehren meiner damaligen Lieblingsschauspielerin Willeke van Ammelrooy; ebenso Helmut W. Banz' eloquenter und draufgängerischer Einsatz für meine filmischen Interessen vor Ort; meine schaumgeborene "Rheintochter Ermita" in der Ausstellung "Hommage an Köln" (Katalog Seite 25); meine Fotos in dem Band "Schock und Schöpfung - Jugendästhetik im 20. Jahrhundert", oder Klaus Gaidas köstlicher Fotobeitrag in einem seiner letzten "Hans Kultur"-Hefte - ausschließlich mit Bildern, auf denen ich vor der Kamera stehe, sowie die Veröffentlichung des umwerfenden Fotos "Altlast 67" in seinem mit Norman Junge herausgegebenen "Quazar"; die überfüllte Köln-Premiere von "Mein schönster Urlaubsfilm" bei X-Screen im alten "City"; meine inszenierten fotografischen Aufnahmen von CAN - lrmin, Holger, Jaki, Michael, Damo, - wiederum Suzukis filmisches Debut im Faust, wo ja auch noch Brigitte Burgmer, Michael Buthe, Mark Opitz und C.O. Paeffgen mitgewirkt haben, sowie Angelika John, die in "Faust I" zur wesentlichen Metapher für die "satanische" Walpurgisnacht, für den Hexensabbat wird, und als "hemmungslos obszöne" Verkörperung der mythischen "Urverführerin" Lilith, "Adams erste Frau", im wahrsten Sinne des Wortes ein Stück "rohester Sinnlichkeit" vor Augen führt, ganz im Sinne früher Entwürfe Goethes. Eine "schamlose Übertrumpfung" der Hexenküchenszene - und vor allem der "Zauberspiegel"-Einstellungen, in denen Malla, die wir nur die Hippiebraut nannten, das, wie es bei Goethe heißt "schönste Bild von einem Weibe" darstellt; ja, die Dreharbeiten zur eigentlichen Hexenküche in Klaukes altem Atelier in der Elsaßstraße (eine Szene, die Goethe wiederum 1788 in der Villa Borghese in Rom konzipiert hat), wo ich gratis LSD verteilt habe, um die Akteure in die gewünschte Ausdruckslage zu transferieren, man kann sagen, der Film ist auch ein furios fluoreszierender Hexenhammer und seitenverkehrt ein bunt schillerndes Hexengebräu – im Hexenkessel der Dritten Art. Und, wie gesagt, all das hätte es wahrscheinlich ohne das Netzwerk Kölner Szene kaum gegeben.

Wen fanden Sie damals besonders gut, wen heute?

Michael Buthe, damals wie heute. Seine "gelebte" Kunst - auch in seiner Arbeit setzte er ganz auf den intensiv gelebten Augenblick - hat mich schon 1975 zu einer geradezu schwärmerischen kleinen literarischen Hommage-Collage in "Kunstforum International" (Band 14) getrieben. (Nennen wir es Fußnote: Leider ist den Herrschaften vom Forum ein ärgerlicher Kunstfehler unterlaufen; aus "le mythe de Maroc" haben sie "le mythe de Mare" gemacht. Ich hoffe, sie haben sich bei Franz und Michael entschuldigt.) Und um bei Köln zu bleiben, heute fast wie damals meinetwegen die Meister Paeffgen und Polke, mehr meistens als manchmal; damals fast wie heute auch Duchamp, nicht nur wegen des fünfzackig einrasierten Sterns auf dem Hinterkopf.

Gibt es Ihrer Meinung nach Leute, die heute zu Unrecht vergessen worden sind, oder zu Unrecht Erfolg haben, hochgejubelt worden sind?

Auch hier besticht der Vergleich mit der Börse oder dem Jahrmarkt. Im übrigen fallen mir als exemplarische Fälle für das eine wie das andere nur Nicht-Kölner ein. Also können wir hier getrost sowohl ebenfalls vergesslich als auch barmherzig sein. Obwohl: bei Lüpertz könnte man sich manchmal fragen, ob er mehr zum Brechmittel oder zum Blender tendiert. Aber das läge ganz außer Frage fast ausschließlich an der Person und nicht am Werk; deswegen sollte man das Ganze unter den Tisch fallen lassen und dann unter den Teppich kehren. Und ob Jean Eustache vergessen worden ist, weiß ich nicht. Das gilt auch für Arakawa und Tajiri.

Nachdem es die Kölner Werkschule, spätere Fachhochschule für Kunst und Design nicht mehr gibt – bedauern Sie das oder ist das für Sie unwichtig? Ist eine Akademie als solche für Sie notwendig, wichtig oder überflüssig?

Da gibt es nicht nur etwas zu bedauern, sondern auch einiges aufzuklären. Und: Akademien sind nie überflüssig - und sei es, um sie überflüssig zu machen.

Die neue Medienakademie - ist sie eine Alternative zur alten Fachhochschule, oder sogar eine Weiterentwicklung? Entspricht sie einem gegenüber Ihrer Anfangszeit gewandelten Anforderungsmodell künstlerischer Möglichkeiten, neuen (verengten, erweiterten) Rahmenbedingungen der Kunst generell, oder einer neueren Einstellung der Öffentlichkeit Kunst gegenüber?

Ich halte erst mal prinzipiell nicht viel von Monopolisierung, egal ob es sich um Auslaufmodelle oder neue Prototypen handelt, aber das ist hier nicht maßgeblich: Informierte Betroffene sollten die Ansprechpartner sein. Meinetwegen auch nur Betroffene oder nur Informierte, oder wenigstens Bestochene. Oder, um mit Mephisto zu reden: "Ich bin des trocknen Tons nun satt" und gebe eine gnadenlose Antwort: "ln einer sozusagenen Stadt machten sozusagene Ritter auf sozusagenen Rossen ein sozusagenes Turnier," (Ortega Y Gasset I Um einen Goethe von Innen bittend).

Welchen Rat würden Sie heute einem jungen Künstler geben, den Sie für talentiert und substantiell halten, damit er konsequent seinen Weg gehen kann?

Geh Deinen Weg - und sei besessen! Kultiviere deine Sehnsucht und deine Wut. Erstens, Cioran: "Ich sage Laster, denn im Bereich der Kunst und das Denkens bleibt alles, was nicht in einen perversen Übereifer umschlägt, oberflächlich und damit irreal." Zweitens, Man Ray: „Kunst hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Kunst ist kein Experiment. Es gibt keinen Fortschritt in der Kunst, ebenso wenig wie es Fortschritt in der Sexualität gibt. Um es einfach zu sagen: es gibt nur verschiedene Wege, sie auf die Beine zu stellen." Drittens, Oscar Wilde: "Ziel der Kunst ist es einfach, eine Stimmung zu erzeugen."

Plätze: Wo gingen Sie früher hin, wohin heute, warum?

Lassen wir den „Lovers Club“ - ein heiliger Ort der Erinnerung. Früher ging ich ins „Plenum“ oder in die „Pupille“ - oder auch schon mal ins „Tiffany“. Heute bin ich viel unterwegs und gehe viel in mich. Ich überrasche mich selbst immer mehr. Anderen gelingt das immer weniger. Und das „Plenum“ und die „Pupille“ und das „Tiffany“ gibt’s nicht mehr.

Die Entwicklung der letzten 20-25 Jahre: Wie und wodurch ist Köln zur „Kunstmetropole“ geworden?

Es will zwar niemand wahrhaben, aber es waren - endlich mal wieder- die Heinzelmännchen.

Und außerdem fällt Karneval ziemlich oft auf Chinesisch Neujahr.

Wie sehen Sie die korrelative Entwicklung anderer "Kunstzentren" während dieser Zeit? Welche Alternativentwicklung hat z.B. Berlin nach Ihrer Meinung genommen - Vorrang, Ablösung? Was sind die Kriterien und Effekte? Falls andere für Sie relevante Regionalentwicklungen bedeutsam sind, welche, warum, mit welcher Perspektive?

Die verschlüsselte Antwort darauf findet sich in meiner Gedichtsammlung "Schwelbrand und Kriechstrom", die hoffentlich bald bei Kiepenheuer erscheint. Hier jedoch möchte ich (an vielleicht völlig unpassender Stelle, aber voll motiviert,) einen aparten passenden Zusatz anbringen, indem ich aus einer Postkarte zitiere, die ich an die Herausgeberin geschickt habe: "Frei nach dem letzten Vers von Bert Brechts 'Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration': Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen. Drum sei Edelwalda auch bedankt: Sie hat sie ihm abverlangt."

Unter einem solchen korrelativen Aspekt: Wie sind die Charakteristika Ihrer Arbeit, Ihre Entwicklung, Vorhaben und Resonanz im Vergleichsrahmen der überregionalen Entwicklung der letzten 20-25 Jahre zu sehen?

Es sei vielleicht zunächst erwähnt: Nach meiner Definition von heute früh ist ein Kunstwerk so etwas wie der materialisierte Tagtraum eines unverwechselbaren schöpferischen Temperaments - als ästhetisches Objekt oder ästhetische Aktion, wobei Inhalt und Form sich im Gehalt durchdringen. Oder halte ich es lieber mit Theo Lambertin: "Kunst ist eine Quelle in der Wüste, und es gibt genug Kamele, die Durst haben." Damit liege ich durch meine Arbeiten wohl nicht unbedingt ganz außerhalb des jeweiligen Mainstream-Trends der letzten 20 - 25 Jahre, sporadisch vielleicht sogar eher im Gegenteil, würde ich sagen, und darüber hinaus von einer gelegentlichen fruchtbaren Harmonie sprechen, die geprägt ist durch höfliche wechselseitige, zwischen Distanz und Nähe wechselnde Anteilnahme beider Entwicklungen.

Den Rest entnimmt der geneigte Leser dem wohl noch dieses Jahrtausend erscheinenden Werk "Hesterberg für Anfänger“ (mit dem Foto-Supplementband „Hesterberg für Fortgeschrittene“) oder direkt der Thomas Christian Hesto Hesterberg Homepage www.tchhest.org.

In diesem Zusammenhang abschließend die Bitte um Würdigung bzw. kritische Stellungnahme aus persönlicher Sicht zu Person und Arbeit verstorbener Kollegen (u.a. etwa Michael Buthe, Manni Löhe, Al Hansen).

Schon Oscar Wilde meinte: Manchmal glaube ich, dass das Leben als Künstler ein langer wundervoller Selbstmord ist." Und passend dazu, korrelativ, Franz Werfe!: "Kunst ist das Gegenteil von Zeitvertreib, sie ist Tod-Vertreib."

Doch vor allem: sie waren, nein sie sind, nicht nur innovative Künstler, sondern deliriale Typen mit ureigenem Gestus, Buthe, der letzte barocke Bohemien, Löhe, der erste deutsche Punk; sich durch Poesie ruiniert zu haben, ist eine Ehre, - Hansen, Kippi, Blalla, Vostell und James Lee Byars .... Bleibt nur mit Bazon Brock zu sagen - möchte man gern mit ihm sagen: Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss endlich aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.