Wolfgang Niedecken

Herr Niedecken, wie kam es damals dazu, dass Sie Kunst professionell gemacht haben?

Ich bin in der Jahrgangsstufe 12 - damals hieß das Unterprima - zweimal hintereinander hängengeblieben - berechtigt, aber in dem Fall auch unberechtigt - weil, ich war der letzte in Rheinbach bei Bonn, der aus einem Internat übrig geblieben war und bezog deshalb eine sturmfreie Bude. Also ich ging nur, wenn mir danach war, zur Schule. Kurze Rede, langer Sinn, ich war der letzte aus dem geschlossenen Convict, der da noch wohnte, und ich hab' - das war die Zeit 67/68/69 - als Siebzehnjähriger schon ein ziemlich ausführliches Nachtleben genossen. Und dementsprechend hatten mich natürlich meine Lehrer zwischen. Das kann ich Ihnen nicht verübeln. Ich mein', das waren völlig stockkonservative Leute, und es waren auch nicht unbedingt die besten Pädagogen. Die haben mich halt beobachtet und gesehen, was der da macht, damit kann man keine herkömmlichen Leistungen erbringen. Stimmt ja auch - weil, ich wollte nur noch malen und Musik machen, alles andere hat mich nicht interessiert. Ich bin in die Schule gegangen, wann ich wollte, und zu der Zeit war das nicht üblich. Also flog ich nach der 2. Unterprima, und weiß der Teufel, wahrscheinlich hätte mich mein Vater mit bestandenem Abitur dazu überredet, Jura oder Betriebswirtschaft zu studieren oder irgendetwas anderes Langweiliges zu lernen. So entfiel das. Musik studieren konnte ich deshalb nicht, weil ich kein Instrument vernünftig gelernt hatte. Wenn man an der Musikhochschule die Aufnahmeprüfung machen will, muss man schon von Kindes Beinen an so'n Ding drauf haben. Ich habe aber auch nicht darüber nachgedacht. Das ist mir erst im Nachhinein aufgefallen. Und was ein Kunststudium anbelangte - zu der Zeit konnte man noch mit Aufnahmeprüfung auf die Werkschulen. Kurze Zeit danach ging das nur noch mit Abitur. Ich bin also gerade noch mit einer Aufnahmeprüfung da reingeschlittert. Das war 1970. Um '72 herum ging das nur noch mit Abitur. Die Aufnahmeprüfung war auch wirklich sehr schwer. Den Schmal (Manfred Boecker, den späteren BAP-Percussionsspieler) habe ich da bei der Aufnahmeprüfung kennengelernt. Das war der glücklichste Tag in meinem bisherigen Dasein: Der Tag, als ich da zum ersten Mal mit meiner Mappe über den Clodwigplatz zur Werkschule ging und das Gefühl hatte: Du musst nie mehr irgendeinen Scheiß machen, auf den du keinen Bock hast. Es wird dich nie wieder einer krumm angucken, wenn du sagst: "Wieso? Ich bin doch Maler, ich male jetzt." Und dementsprechend habe ich das die ganze Zeit bis '76 genossen. Ich hab' wirklich ganz fleißig gearbeitet, gemalt, gemalt, beim Professor Dieter Kraemer in der freien Malerei. Wir, der Schmal und ich, sind zum Kraemer gegangen, nicht unbedingt, weil wir den für den größten Künstler der Schule hielten, sondern, weil wir wussten: der malt realistisch, bei dem können wir was Sachdienstliches beigebracht kriegen. Und wir können auch von den Kollegen, die da schon studierten, etwas lernen. Da war der Heinz Zolper schon da, der Sigurd Wendland, der Hep Tendler, der ja leider 1974 verstorben ist. Der war übrigens ein sehr Vielversprechender, der Hep.

Ich fand den Kraemer vor allen Dingen wichtig, weil der ein sehr entspannter Dozent war, der eigentlich in erster Linie den Kontakt unter uns gefördert hat, so dass man von den Älteren lernen konnte. Ich konnte gucken, was die so machten, und habe dann - learning by doing - kapiert, wie das wohl so geht. Der Kraemer hat uns in Ruhe gelassen, völlig in Ruhe gelassen, und das war auch sehr angenehm. Ich habe diesen Freiraum von 1970 bis zum Examen sehr genossen. 1974 habe ich Examen gemacht und bin dann noch zwei Jahre länger dageblieben. Und dann fing der Zivildienst - Essen auf Rädern in der Altentagesstätte - an, wobei ich sagen muss, dass auch der Zivildienst für mich eine wichtige Erfahrung war. Denn, wenn man Kunst studiert, entfernt man sich doch ziemlich von der Wirklichkeit, egal wie realistische Bilder man malt.

Wann ging's denn eigentlich mit der Musik los?

Mit der Musik ging's eigentlich 64/65 los. Beatlemania. Wir haben in Schülerbands gespielt, freitags, samstags, sonntags in der Regel. Das ging noch bis zum ersten/zweiten Semester, aber nach und nach wurde mir klar: Da hast du keine Zeit mehr zu.

Dann haben Sie sich also auf die Malerei konzentriert, dann Zivildienst gemacht, und wie ging's dann weiter?

Die ersten Versuche mit BAP waren überhaupt nicht zielgerichtet Man spielte ab und zu auf irgendeiner Fete mit 'ner Klampfe und paar Bongos, und wenn irgendeiner da war, der noch ein anderes Instrument bedienen konnte, dann spielte der halt auch mit. Alles Amateurmusiker. Später haben wir auch außerhalb einer Fete zusammengespielt, was aber nie darauf ausgerichtet war, dass das mal was werden sollte. Und dann kam irgendwann der Christian Maiwurm - der hatte ebenfalls 70 mit mir auf der Werkschule angefangen - und meinte, wir sollten 'nen Auftritt machen auf einer Veranstaltung gegen den Bau der Stadtautobahn. Und dann kam das langsam ins Rollen, wurde immer professioneller, weil natürlich die Leute aus der Band rausgingen, die einen Beruf oder ein Studium hatten, und Profis rückten nach. Wer wusste schon, dass man da mal von leben könnte?! Für den Schmal und mich war das auch egal. Damals wurde auch der Satz geprägt: "Ist ja egal, womit wir kein Geld verdienen, ob mit Musik oder mit Malerei." Dass da mal was draus würde, hat ja keiner ernsthaft angenommen, wir selber auch nicht.

Wann war die erste Plattenproduktion?

1979 war das. Da ist man an mich herangetreten. Das war die Plattenfirma schräg gegenüber vom "Saturn", die hieß "Eigelstein", und die haben mich gefragt, ob ich eine Platte machen wollte, weil, die hatten mich bei einem Soloauftritt gesehen. Ich bin zu der Zeit viel mit akkustischer Gitarre und Mundharmonika und selbstverfassten, satirischen Texten durch die Kneipen gezogen. Ich kriegte das Eintrittsgeld, und der Wirt hatte den Getränkeumsatz. Damit fuhr ich ganz gut. Da konnte ich von leben. Ich konnte endlich aufhören als Grafiker zu arbeiten, was ich zwischendurch immer machte. Ich konnte ab da praktisch davon leben, dass ich freitags, samstags, sonntags in irgendeiner Kneipe spielte. Das war ein gutes Gefühl, weil, ich brauchte mich da jetzt auch nicht großartig auf was einzulassen, wo ich keinen Bock drauf hatte und schon selbstbestimmt arbeiten.

Und dann haben Sie spontan ja gesagt zu der Plattenproduktion, und die Platte ist ja dann auch ein großer Erfolg geworden.

Ja gut - immer in Relation. Von der Platte "Wolfgang Niedecken's BAP rockt andere kölsche Leeder" innerhalb der Kölner Stadtgrenzen nach einem Jahr 4000 Stück verkauft zu haben, von der zweiten dann 20 000, das war schon ein unglaublicher Erfolg. Da wurde dann die Plattenindustrie auf uns aufmerksam: Da ist 'ne Band, die kriegt den "Sartory"-Saal ein paarmal hintereinander voll, obwohl die keinen großen Promotion-Apparat zur Verfügung hat." Wir merkten dann bald, dass wir im eigenen Saft schmorten, denn, wenn man nicht in die überregionalen Medien kommt, wo das jetzt nicht wirklich über die Stadtgrenzen hinausgeht, dann hat man irgendwann überall gespielt. Und dann sagen die Leute irgendwann: "ls ja schön un joot, ävver nit ald widder!" Dann gingen wir zur EMI, und dann wurde das größer, und dann ging das auf einmal überall hin, wo Deutsch gesprochen wird. Da haben wir natürlich Schwein gehabt. Wir sind die einzige kölschsprachige Band, der das gelungen ist, auch in Österreich und in der Schweiz, überall da, wo Deutsch gesprochen wird, aufzutreten und bekannt zu werden.

Würden Sie heute noch einmal denselben Weg wählen?

Ja, das ist schwer zu sagen, natürlich würde ich, aber ich hab' ja gar keinen Weg gemacht. Eigentlich habe ich mich ja nur in die Brandung gelegt. Das habe ich ja auch über die Zeit begriffen, dass es überhaupt keinen großen Sinn macht - ob in der bildenden Kunst oder in der Musik - großartig mit 5-Jahresplänen daherzukommen. Also je entspannter ich an irgendetwas herangehe und sage:"Ja, mal gucken, was daraus wird, und vielleicht ergibt sich daraus wieder was anderes ," desto besser.

Also das habe ich immer wieder erfahren, dass das die beste Arbeitsweise ist. Ich kann heute nicht sagen, was ich in einem Jahr tue. Wenn das nicht spontan rausgeht, dann ist Ende der Fahnenstange. Wenn ich mir jetzt vornehme: Ich mach' da nächstes Jahr um diese Zeit 'ne Soloplatte, und dann gehe ich drei Monate später mit der Soloplatte auf Tour, und dann habe ich Ende des Jahres 'ne Ausstellung da und da, dann male ich die Hälfte der Bilder am besten vor der Soloplatte und die andere Hälfte danach, - da werde ich ja wahnsinnig. Ich komme ja dann gar nicht zu der Arbeitsweise, die mir am besten liegt.

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten 20 - 25 Jahren gegenüber früher verändert?

Wahrscheinlich hat sich sehr viel verändert, wenn's um Szene gehen soll. Also zunächst einmal eigenartig oder bemerkenswert in dem Zusammenhang wäre, dass ich nie das Gefühl hatte, zu irgendeiner Szene zu gehören. Deshalb kann ich über die beiden Szenen – Musik - und Kunstszene   - eigentlich gar nichts sagen. Mir war die Kunstszene in gewisser Hinsicht immer irgendwie suspekt. Also Szenen so was an sich, dass man sich allzu sehr beäugt, beneidet und so Zeugs alles, und viel Missgunst dabei mitschwingt. Ich habe immer viel mit Leuten zu tun gehabt, die ich irgendwo kennengelernt habe, aber nicht dadurch, dass ich mich in irgendwelche Szenen gestellt habe. Ich bin viel im „Roxy" gewesen bis zu dem Zeitpunkt, wo ich da bekannter geworden bin, und man mich bemerkt hätte. Da wurde es uninteressant, weil ich mich nirgendwo hinstelle, um mich angaffen zu lassen. Also zu der Zeit, wo man mich im „Roxy" bemerkt hätte, stand ich da nicht mehr. Aber ich bin bestimmt bis 1978 relativ oft im “Roxy" gewesen. Ich kenne ja die ganzen Burschen. Ich glaube, der große Bruch kam bei mir mit dem Zivildienst. Weil: Im “Roxy" stehen, das kann man vielleicht festmachen an den großen Namen dieser Zeit: Das waren Buthe, Paeffgen, Polke, Klauke - das waren also mehr oder weniger diese etwas spielerisch, teilweise zynisch, mit viel Glamour arbeitenden Kollegen - ,und wenn man plötzlich mit so einem ganz anderen Bereich in Berührung kommt: Essen auf Rädern, Altentagesstätte etc. - dann ist das auf einmal nicht mehr besonders gut miteinander vereinbar. Das ging auf Dauer ein bisschen arg auseinander.

Kunst jetzt - welche Ihrer Vorstellungen sind wichtig geworden? Haben Sie als Person oder mit Ihrem Werk oder mit beidem Einfluss nehmen können auf andere, oder war Ihnen das nicht wichtig?

Ich glaube, da ist mir der Erfolg als Musiker dazwischen gekommen. Zu dem Zeitpunkt, als es mit Platten richtig in die Kurve ging, war ich relativ weit vorangekommen, da hatte ich mit dem Schmal zusammen die Ausstellung in dem Kunstverein "Feldforschung", die war 1978. Und 1979 war für uns ein ganz intensives Jahr, auch was die Malerei betraf, und dieses Projekt, was wir da gemacht haben, die "Tagesbilder", die haben wir dann erst 1985 im Kunstverein ausgestellt, weil der lngo Kümmel uns eines Abends fragte: „Was ist eigentlich aus diesen Tagesbildern geworden?". lngo Kümmel hat dann damals noch blitzartig mit dem Herzogenrath diese Ausstellung zusammengebaut, nachdem die Bilder fünf Jahre irgendwo gestanden hatten. Wir kamen ja zu nichts mehr. Wir haben ja jedes Jahr 'ne Platte und 'ne Tournee gemacht. Seit dieser Ausstellung arbeite ich auch wieder als Maler. Ich habe gemerkt, als wir diese Ausstellung machten, dass mir was fehlt, wenn ich nicht male, dass mich das im Kopf sehr anreichert, dass ich damit aus dieser Fachidioten-Ecke rauskomme. Ich finde das ganz gut, ab und zu mal von einem Metier ins andere zu springen, weil man sich da auf einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel sieht.

Und mit Ihrer Musik, haben Sie da den Eindruck, dass Sie Einfluss genommen haben, oder wollten Sie das gar nicht, war Ihnen das nicht wichtig?

Ich glaub' schon, dass wir Einfluss genommen haben, wobei ich jetzt nicht behaupte, dass wir den Rock 'n Roll neu erfunden haben. Ich glaube, dass 98% aller, die meinen, sie hätten den Rock 'n Roll neu erfunden, sich was vormachen. Den haben andere erfunden, und das ist ein paar Jahre her. Wir können nur zu dieser angloamerikanischen Musik unsere eigenen Texte machen und versuchen, unser Lebensgefühl zu vermitteln. Aber wir erfinden das nicht neu. Insofern können wir nicht sagen, dass wir mit unserer Musik was verändert haben - jetzt auf diesen l'art pour l'art Begriff innerhalb der Kunst bezogen. Wir können höchstens sagen: vielleicht haben wir den einen oder anderen sensibilisiert mit dem, was wir machen. Das könnte man schon sagen. Da würde ich auch jetzt sagen, dass ich mich da nicht eitel überbewerte. Ich denke, es ist viel passiert in den Jahren. Ich glaube, ohne dass es BAP gegeben hätte, wäre einiges nicht passiert. Ich glaube, dass wir z. B. für einen Haufen Gruppen die Tür aufgestoßen haben, die auch was auf Kölsch machen wollten, denen die Möglichkeit eröffnet haben, in der Sprache zu rocken, in der man denkt. Vor uns gab's die Black Fööss. Das war aber was anderes. Die Black Fööss haben von vorneherein das Schlagzeug weggelassen, damit der Normalbürger - das sehe ich jetzt gar nicht negativ besetzt - gerade das volksfestmäßig konsumieren konnte - wobei ich vor den Black Fööss wirklich den Hut gezogen habe.

Kunst und Geschäft: Ist es heute leichter, verstanden und verkauft zu werden?

Das ist zweierlei. Es gab einen Kunst-Boom Anfang der 70er Jahre, wo Kunst gekauft worden ist wie nur was. Dieser Boom ging natürlich irgendwann zu Ende. Dabei hat, glaube ich, auch ein Lernprozess eine Rolle gespielt. Es ist auch viel Schrott gekauft worden. Die Leute sind vorsichtiger geworden. Aber im Zeichen einer Rezession wird natürlich an der Kultur immer als erstes gespart, und das wiederum trifft dann auch zu auf Kunst wie auf Musik. Es gibt momentan wenig Leute, die sich ein teures Bild kaufen, es sei denn, sie kaufen die Klassiker, und das Ganze ist dann als Kapitalanlage gedacht. Und wenn man Platten verkauft, ist es vielleicht ähnlich, obwohl wir davon nicht betroffen sind. Das läuft nach wie vor - immer TOP TEN.

Möchten Sie kunst- bzw. musikkommerziell heute etwas ganz anders haben? Was müsste man Ihrer Meinung nach tun?

Mir stinkt die Entwicklung in den Medien, vor allem in der Radiolandschaft. Diese Privatradios, wo nur noch Dudelfunk läuft, und die Öffentlich-Rechtlichen müssen hinterher, um auch an die Werbekunden zu kommen. Ihr Programm steht ja in Konkurrenz zu den Privaten. Also glauben sie, den Privaten hinterherhinken zu müssen. Es ist mittlerweile so, dass der Schwanz mit dem Hund wackelt. Es wird nicht mehr der Werbeblock dazwischen getan, damit man das „Kulturprogramm" finanzieren kann, sondern umgekehrt: Es kommt ein bisschen leicht Konsumierbares an Musik zwischen die Werbeblöcke, damit nicht nur Werbeblöcke laufen. Das ist jetzt nur ein kleines Beispiel, aber so läuft es. Das stinkt mir natürlich schon sehr. Das wird immer amerikanischer, was das betrifft. Im Endeffekt wird es total amerikanisch werden und damit dann schon wieder auf dem Weg zur Erträglichkeit. Was die Sender betrifft, heißt das, dass es ein reines Rockradio geben wird, ein reines Country-Radio, ein reines Volksmusikradio - also letztlich wird's ein Sparten-Radio geben.

Dagegen hätten Sie auch nichts?

Ich kann da sowieso nichts dran machen. Ich kann für mich nur feststellen, je mehr auf diesem Sektor passiert ist, dass ich Fan von den öffentlich-rechtlichen Radios bin, auch Fan des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, egal wie verkabelt ich bin. Wenn ich mir die Frage stelle: Was sehe ich mir im Fernsehen an? Dann stelle ich fest, dass ich fast nur öffentlich-rechtliche Sender sehe.

Köln - für Sie ein notwendiger oder ein beliebiger Platz?

Er ist für mich natürlich notwendig, weil Köln mein Heimathafen ist. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und kenne hier die meisten Leute am längsten. Das heißt, wenn ich woanders hingehe und ich lerne Leute kennen, habe ich so meine Vorsichtszeit. Ich überlege: Sind die okay oder nicht?! Und hier kenne ich so viele Leute von Kind an, dass ich weiß, wer was ist, und wer wie ist. Ich lebe ja auch in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, und da fühle ich mich schon gut. Aber Vorsicht: Man wird, wenn man so was sagt, immer sehr schnell als Kölschpatriot oder Kölschtümler in eine Schublade gesteckt.

Gibt es kölnbezogene Wichtigkeiten für Sie heute noch, oder könnten Sie sich heute eine bessere, fruchtbarere Umgebung vorstellen?

Ja, die gibt's, aber auf einer ganz einfachen Ebene. Ich könnte mir genauso gut vorstellen, irgend woanders geboren zu sein.

Köln - Provinz, Weltstadt, Sprungbrett, Hindernis? Wäre für Sie eventuell etwas anders gelaufen, wenn Sie nicht in Köln gearbeitet hätten?

Das weiß ich nicht. Die einzige Versuchung oder der einzige Punkt in meinem Leben, wo vielleicht 'ne Weggabelung war, wo ich mich dann doch wieder für Köln entschieden habe, das war Mitte der 70er Jahre, als der Rainer Gross nach New York gegangen ist und der Schmal auch mal für eine Zeit lang - Rainer als Assistent zu Howard Kanovitz. Der ist dann dageblieben. Der lebt also jetzt seit über 20 Jahren in New York. Und der Schmal ging zu Larry Rivers als Assistent. Und da wir immer im Trio unterwegs waren, wurde für mich auch einer ausgeguckt. Es war in New York auf einmal sehr angesagt, einen deutschen Assistenten zu haben. Ich bin dann auch eine Zeit lang dagewesen. Aber der Maler, der für mich ausgeguckt worden war, auf den stand ich nun gar nicht. Das war Lowell Nesbit, der so diese Orchideen malte. Kurze Zeit sah es so aus, als hätte ich für Malcolm Morley arbeiten können. Der war mir dann allerdings 'ne Spur zu abgedreht, da hatte ich dann wieder keinen Bock drauf. Je länger ich dann da war, desto mehr merkte ich, dass ich ja als Assistent auch gar nicht mehr zum eigenen Arbeiten gekommen wäre. Das war so beim Rainer und beim Schmal: Die waren rund um die Uhr für ihre Meister da. Genaugenammen hatte ich zu Hause meine Leinwand aufgespannt, und die wartete auf mich. Was sollte ich eigentlich in New York? Da flog ich doch lieber wieder nach Hause und machte meinen eigenen Kram.

Öffentlichkeit, Gesellschaft, Stadt Köln - Haben Sie bei der Realisierung Ihrer Ideen Unterstützung gefunden, auch materielle?

Als bildender Künstler bin ich ganz gut gefahren mit den Leuten vom Stadtmuseum, Dr. Werner Schäfke und Dr. Michael Euler-Schmidt, die sehr engagiert waren, wenn 'ne Ausstellung zu machen war. Oder damals mit Dr. Wulf Herzogenrath. Die waren an Projekten interessiert und halfen, wo sie konnten. Als Musiker, gut, als wir einmal bekannt waren, lief das auch problemlos, wenn ich sagte, wir machen jetzt das oder das. Da wurde auf einmal auch dann am 9. November 1992 möglich, den Clodwigplatz für dieses "Arsch-huh"-Konzert zu sperren. Da wurden auf einmal Dinge möglich, wo ich vorher gedacht habe: Das werden die nie erlauben. Da hab' ich echt gestaunt.

Gab es damals etwas Wichtiges, was Sie konkret nicht realisieren konnten?

Nein, im Gegenteil. Immer wenn ich mal meine Schwellenangst überwunden hatte, funktionierte das relativ gut. Bei Personen aus der Zeit, Ingo Kümmel und Wolf Herzogenrath, bin ich auf offene Ohren gestoßen. Der Ingo Kümmel hatte nichts mit der Stadt zu tun, aber war jemand, wenn man den als Person von sich überzeugt hatte, der ein der maßener Überzeugungstäter war, dass der ja auch alles möglich gemacht hat, was eben in seinen Möglichkeiten stand.

Gibt es etwas, was Sie heute sofort tun würden, wenn Sie ohne Limit die Möglichkeiten dazu geboten bekämen?

Das trifft bei mir nicht zu. Bei mir ist das eher ein Zeitlimit als ein Finanzlimit. Das hört sich jetzt großspurig an, aber die Zeit setzt mir Grenzen, weil, wenn ich wie jetzt mit BAP 'ne neue Platte gemacht habe, klar ist, was das nächste halbe Jahr läuft. Ich fühle mich dann ganz schön privilegiert, wenn ich mir überlege, dass ich in der Zeit, die mir da bleibt, jederzeit in mein Atelier gehen kann und arbeiten, ohne daran zu denken: Lässt sich das verkaufen? Ich muss ja nicht davon leben.

Szene: Gab es eine, und wollten Sie damit etwas zu tun haben (mitmachen, sie ändern) oder dagegenhalten?

Es gab für mich eine, solange ich mich freiwillig in dieser Szene bewegt habe. Wir haben ja viel miteinander zu tun gehabt: Der Theo Lambertin, der Heinz Zolper, auch der Bernd Ackfeld, der Hep Tendler, der Charly Haupt, Sigurd Wendland, Wolfgang Volles, das sind alles Leute, die hatten miteinander zu tun, aber das war ein freiwilliger Bezug. Wir haben uns damals nicht als Szene gefühlt. Es gab ja damals diese PGA (Produzentengemeinschaft Ars) - so haben wir das Ding genannt. Wir haben dann Anfang der 70er Jahre, das muss 72/73 gewesen sein, auf der Zülpicher Straße einen Mann namens Witte davon überzeugt, der da so'ne merkwürdige Galerie betrieb, dass er mal sein Programm raus nehmen soll und uns das künstlerische Programm zusammenstellen lässt. Und dann haben wir rundum da Ausstellungen gemacht, und 'ne Zeitlang ging das sogar ganz gut. Da hatte ich dann meine erste Einzelausstellung. Einige Leute hatten in dieser Galerie ihre erste Einzelausstellung. Aber der Theo ist mit dem dann dermaßen aneinander geraten, dass es danach dann auch keine Ausstellungen mehr da gab. Wir waren auf dem hehren Kunsttrip, und der arme Mann musste dieses Ladenlokal auf der Zülpicher Straße bezahlen und von seiner Galerie leben. Und dann stellte der irgendeinen unsäglichen Scheiß ins Fenster, der natürlich mit dem, was wir machten, überhaupt nichts zu tun hatte, ganz furchtbare, geschenkboutiquemäßige Sachen. Darüber flippte der Theo aus. Aber die PGA gab's dann weiter. Der Theo hat das nachher dann mit dem Heinz noch am längsten betrieben.

Was war Ihr Beitrag zur Szene?

Meinen Beitrag zur Szene, den gibt's nicht.

Ist die Szene entscheidend für Ihre Chancen gewesen?

Nein.

Wen fanden Sie damals besonders gut, wen heute?

Für mich damals: Polke, Buthe, Richter auch. Es gab einfach einige Figuren, das waren die Lichtgestalten. Und wenn einer von den Herrschaften ins "Roxy" kam, dann wurde es erst mal ein bisschen stiller. Das war wie Hof halten. Aber so was gibt's halt in jeder Szene.

Und wen finden Sie heute gut?

Also mich hat es zunächst mal sehr getroffen, als der Michael Buthe gestorben ist. Ich hab' dem ja auch ein Lied gewidmet auf dem "Amerika"-Album: "Novembermorje". ln den "Kölner Skizzen" ist der Text sogar abgedruckt.

Und als Musiker, wen finden Sie da besonders gut?

Das wäre jetzt völlig blöde, da einen auszugucken, wo ich sagen würde: Der macht das, wo's langgeht. Je länger man sich innerhalb eines im weitesten Sinne kulturgeschichtlichen Prozesses befindet, desto mehr bemerkt man, dass diese Kulturgeschichte so was ist wie 'ne Wendeltreppe. Es wiederholt sich eben alles, nur auf einer anderen Ebene. Der Spruch ist nicht von mir. Den gibt's schon länger. Aber das bewahrheitet sich halt immer wieder. Insofern bin ich auch gar nicht furchtbar überrascht über irgendwelche Entwicklungen, die da kommen. Ich meine, wenn man um die 45 ist, sollte man genügend Selbstbewusstsein hinsichtlich seines eigenen Geschmacks entwickelt haben, was man denn nun selber gut findet und nicht immer irgendwo hin schielen müssen: Jetzt macht der das, oder jetzt macht der das. Ich denke, dass sich mit der Zeit bei jemandem, der konsequent arbeitet, dieses Bedürfnis auch einstellt, sich selber finden zu wollen.

Gibt es Ihrer Meinung nach Leute, die heute zu Unrecht vergessen worden sind, oder zu Unrecht Erfolg haben, hochgejubelt worden sind?

Sowohl in der Kunst als auch in der Musik gibt's den Begriff "Hype". Eine Zeitlang wurde z.B. über Jeff Koons diskutiert: Ist das ein Hype? Ist das keiner? Ist das ein Scharlatan? Ist das keiner? Da würde ich aber jetzt sehr ungern ein endgültiges Statement abgeben, wen ich da jetzt für einen Scharlatan oder für einen gehypten Künstler oder Musiker halte.

Aber der erste Teil der Frage - gibt es Leute, die heute zu Unrecht vergessen worden sind?

Davon gibt's bestimmt auch haufenweise. Ich nenn' jetzt einfach mal den Hep Tendler, der viel zu früh gestorben ist.Auf jeden Fall hätte der 'ne große Karriere gemacht, da bin ich ziemlich sicher, weil der sehr talentiert war und sehr konsequent gearbeitet hat.

Nachdem es die Kölner Werkschule, spätere Fachhochschule für Kunst und Design nicht mehr gibt - bedauern Sie das, oder ist das für Sie unwichtig?

Nee, das bedauere ich schon. Auf den Kölner Werkschulen wurden für mich wichtige Weichen gestellt - ich mein', ich hab' sie mir selber gestellt. Bloß NRW hatte mit Düsseldorf schon eine Akademie im Rheinland, und die Westfalen maulten, deshalb ging der Ritterschlag nach Münster. Das ist also auf 'ner ganz anderen Ebene entschieden worden. Das hatte nichts mit Qualität oder mit irgendwelchen anderen Dingen zu tun.

Ist eine Akademie als solche für Sie notwendig, wichtig oder überflüssig?

Das kommt immer darauf an, wie man das auffasst. Also 'ne Akademie, wo man voneinander lernt, wo man sich gegenseitig mit Ideen konfrontiert, oder wenn das ein Treffpunkt ist, wo man sich austauscht, dann halte ich 'ne Akademie für sehr wichtig. Wenn das ein reiner Lehrbetrieb ist: Hier ist der Ausbilder, und da ist der Auszubildende, dann ist das für freie Kunst etwas allzu Gestriges. Ich habe an der Werkschule nur das gelernt, was mich interessierte. Ich hab' nur manchmal bereut, dass ich manche Lehrangebote nicht wahrgenommen habe, weil ich zu wenig Zeit hatte. Heute würde ich sagen, ich bin zu wenig zum Akt- und Sachzeichnen gegangen. Ich hab' zu wenig an meiner Linienführung getan. Ich war immer mehr Maler und Objektebauer.

Die neue Medienakademie - ist sie eine Alternative zur alten Fachhochschule, oder sogar eine Weiterentwicklung? Entspricht sie einem gegenüber Ihrer Anfangszeit gewandelten Anforderungsmodell künstlerischer Möglichkeiten, neuen (verengten, erweiterten) Rahmenbedingungen der Kunst generell, oder einer neueren Einstellung der Öffentlichkeit Kunst gegenüber?

Ich hab' mir vorgenommen, nicht über etwas zu reden, wo ich keine Ahnung von hab'. Ich habe davon keine Ahnung, und das interessiert mich auch nicht. Ich bin da sehr froh, dass ich in 'ner Zeit hab' studieren können und meine entscheidenden Weichen gestellt hab', wo man mit 'ner weißen Leinwand und paar Tuben Farbe, mit ein paar Bleistiften oder ähnlichem konfrontiert war.

Welchen Rat würden Sie heute einem jungen Künstler geben, den Sie für talentiert und substantiell halten, damit er konsequent seinen Weg gehen kann?

Das ist natürlich sehr schwer, wenn gerade mal wieder so was wie Colorfield-Painting oder abstrakter Expressionismus angesagt ist, einem zu raten, mal was daran zu tun, dass er in der Lage ist, ein Portrait zu malen. Eine Grundausbildung sollte man sich selber zugute kommen lassen. Das hat jetzt nichts mit diesem überkommenen Akademismusbegriff zu tun.

Plätze: Wo gingen Sie früher hin, wohin heute, warum?

Anfang der 70er Jahre ging ich in die Zülpicher Straße, ins "Podium" in erster Linie. Da musste ich immer überlegen, ob ich mit der Bahn fahre, oder ob ich zu Fuß gehe oder schwarz fahre, weil ich mir dann zwei Bier mehr leisten konnte Mitte der 70er Jahre waren das dann das "Roxy" und das "Exil". Da war halt weniger dieses studentische Publikum, da war mehr so die kreative Abteilung, mehr Musiker und Maler. Und so die Studenten von der Uni, die irgendwas anderes studierten, mit denen wollte ich halt einfach nicht furchtbar viel zu tun haben. Dann kam 'ne Zeitlang das "Clodwig Eck". Das fing ja erst langsam in der Südstadt an. Anfang bis Mitte der 70er Jahre - das war ja 'ne Zeit, wo hier in der Südstadt absolut tote Hose war. Da war an jeder Ecke 'ne bürgerliche Kneipe. Das war stinklangweilig. Man konnte höchstens zum Schorsch gehen, ins „Ubierding". Sonst war hier eigentlich nichts. Im Laufe der "Clodwig Eck"-Zeit ging es dann eigentlich auch mit BAP los. Und als wir nachher bekannt waren, da hat's mir keinen Spaß mehr gemacht, irgendwo hinzugehen. Wenn ich irgendwo rumstehe und werde nur begafft, dann bleib' ich lieber zu Hause oder treffe mich mit Leuten im kleinen Kreis, wo ich mir nicht wie im Zoo vorkomme. Außerdem bin ich mittlerweile vierfacher Familienvater. Wenn ich mal zu Hause bin, finde ich das auch ganz nett, mal bei meinen Leuten zu sein. Ich bin so viel mit Gott weiß wem zusammen, dass mir da auch nix fehlt - ehrlich gesagt.

Die Entwicklung der letzten 20 - 25 Jahre: Wie und wodurch ist Köln zur Kunstmetropole geworden?

Was mir an Köln so sehr gefällt, das ist dieser zweischneidige Wertkonservativismus, den wir hier haben, den wir wahrscheinlich im Blut haben. ln Köln steht überall der Satz: Wat mer hann, dat wesse mer, wat mer krieje, dat wesse mer nit. Aus diesem Grunde haben die Nazis hier relativ wenig Wahlerfolge gehabt, nicht weil man besonders politisch resistent oder weitblickend war, sondern das war was Neues, da musste man erst mal gucken. "Wie die ald uss sinn: Nä, nä, ess nix für uns." Aus dieser Grundhaltung heraus wird natürlich nicht gerne auf jede Sau gesprungen, die man durch's Dorf treibt. Und deswegen kann sich wahrscheinlich viel eher was Eigenständiges, Neues bilden. Köln ist irgendwo viel eigenständiger als viele Städte hier im Land. Zwischen Düsseldorf und Köln liegt zwar wenig Raum, aber ganz viel Mentalitätsunterschied. lrgendwo liegen Welten dazwischen._ ln Düsseldorf macht man unmittelbar jede Mode mit. Irgendwie auf Dauer etwas blamabel: Immer diesen berühmten "one step behind“ zu sein.

Wie sehen Sie die korrelative Entwicklung anderer "Kunst-Zentren" während dieser Zeit? Welche Alternativentwicklung hat z.B. Berlin nach Ihrer Meinung genommen - Vorrang, Ablösung? Was sind die Kriterien und Effekte?

Berlin hatte für mich zunächst mal in der Zeit, als Berlin eine Insel war, eine künstliche Situation, wo vieles auch am Tropf hing, woraus sich wirklich einiges entwickeln konnte. Es war keine normale Situation, die in Berlin geherrscht hat. Berlin hatte was von einem Biotop. Und jetzt ist mittlerweile Berlin 'ne Boomtown, wo ich nicht mehr so gerne hinfahre wie vorher. Das hat aber jetzt nix damit zu tun, dass ich meine Mauer wieder haben will. Ich bin sehr froh, dass das Ding endlich weg ist. Momentan herrscht in Berlin eine solche Atmosphäre, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, da als Künstler zu arbeiten. Früher konnte ich mir das sehr gut vorstellen.

Falls andere für Sie relevante Regionalentwicklungen bedeutsam sind, welche, warum, mit welcher Perspektive?

Ob andere bedeutsame Regionalentwicklungen stattgefunden haben, die Frage könnte ich jetzt nicht kompetent beantworten.

Unter einem solchen korrelativen Aspekt: Wie sind die Charakteristika Ihrer Arbeit, Ihre Entwicklung, Vorhaben und Resonanz im Vergleichsrahmen der überregionalen Entwicklung der letzten 20-25 Jahre zu sehen?

Ich will jetzt nicht so tun, als ob ich in der bildenden Kunst so drinstecke wie die anderen Kollegen, die ihren Lebensunterhalt mit bildender Kunst verdienen. Nun habe ich eine Position, die ich mit nichts anderem vergleichen kann. Wir sind erfolgreich. Das Ding funktioniert nicht als Eintagsfliege, sondern jetzt schon seit fast 20 Jahren aus sich selbst. Natürlich sind da auch ups and downs drin. Eigentlich ruht das in sich selber. Wir wissen, dass wir immer dann, wenn wir nach innen horchen, am besten sind, wenn wir uns außerhalb dieser Zusammenhänge, die mit der gesamten Szene zu tun haben, stellen. Wir haben auch schon alles erlebt. Es hört sich furchtbar arrogant an, aber wir wissen, dass wir dann, wenn wir uns einen Scheißdreck darum kümmern, was drum rum passiert, wenn wir einfach nur das machen, was uns interessiert, dass wir dann einfach am besten sind.

In diesem Zusammenhang abschließend die Bitte um Würdigung bzw. kritische Stellungnahme aus persönlicher Sicht zu Person und Arbeit verstorbener Kollegen (u.a. etwa Michael Buthe, Manni Löhe, Al Hansen).

Der Manni Löhe, der war ein Paradiesvogel, der erste von den dreien, der gestorben ist. Der hat ja nun so intensiv gelebt, dass das auch 'ne Konsequenz daraus war. Es gab da noch einige Randfiguren, die eigentlich auch zur Kunstszene gehörten, wie der Fotograf Herman (the German) Schulte, der ab 1986 bis zum zweiten Live-Album "Affrocke" für uns sehr viel gearbeitet hat, der ein guter Freund von mir war. Das war eigentlich der erste von den Leuten, der mir wirklich nahegestanden hat, wo mich das sehr geschockt hat, und Jahre vorher, fast 15 Jahre vorher halt der Hep. Aber die jetzt so einzugliedern in: Der war so viel wert und der so viel - das fände ich auch sehr anmaßend. Natürlich ist der Buthe vom Marktwert her der bedeutendste von den genannten gewesen. Er hat zu jederzeit sein Ding gemacht, außerhalb von jedem Trend, der war im wahrsten Sinne des Wortes ein Trendsetter, einfach, weil er sich außerhalb von allem gestellt und einfach gemacht hat. Es gab die Zeit der 1001 kleinen Buthes. Das ganze "Roxy" sah 'ne Zeitlang so aus wie 'ne Installation von ihm. Aber jetzt auf der menschlichen Ebene: Natürlich hat jemand, der so intensiv gelebt hat, auch sich selbst ausgebeutet - ist ja klar. Letztendlich ist der Michael auf der einen Seite an Lebensfreude, auf der anderen Seite an Selbstausbeutung gestorben. Und das ist natürlich tragisch. Deswegen habe ich ihm ja auch ein Lied geschrieben.