Heinz-Günter Prager

Herr Prager, wie kam es damals dazu, dass Sie Kunst professionell gemacht haben?

Das wollte ich immer machen.

Würden Sie heute noch einmal denselben Weg wählen?

Ja.

Was hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten 20 - 25 Jahren gegenüber früher verändert?

Wie immer – alles.

Kunst jetzt - welche Ihrer Vorstellungen sind wichtig geworden? Haben Sie als Person oder mit Ihrem Werk oder mit beidem Einfluss nehmen können auf andere, oder war Ihnen das nicht wichtig?

Das kann ich nicht beantworten.

Kunst und Geschäft: Ist es heute leichter, verstanden und gekauft zu werden? Sammler, Galeristen, Öffentliche Hand: Was ist anders, besser oder schlechter geworden?

Früher war es schwer, heute noch schwerer.

Haben Sie das Gefühl, dass sie heute eher verstanden werden?

Was heißt verstanden werden?

Möchten Sie kunstkommerziell heute etwas ganz anders haben? Was müsste man Ihrer Meinung nach tun?

Da komme ich später drauf zurück.

Köln - für Sie ein notwendiger oder ein beliebiger Platz? Gibt es Köln bezogene Wichtigkeiten für Sie heute noch, oder könnten Sie sich heute eine bessere, fruchtbarere Umgebung vorstellen?

Ich bin nach Köln gekommen 1968, weil meine Frau hier die Möglichkeit hatte, Sprachen zu studieren, und weil auch mein Galerist von Münster nach Köln ging.

Was die Kunst anbetrifft - ich war damals 23, kannte hier erst einmal niemanden - habe ich in dieser Zeit einige Künstler kennengelernt Die waren auch sehr interessant: z.B. Polke und Rückriem und vor allem Buthe. Gerhard Marcks hat mich zu Hause bei Tee und Kuchen empfangen und mir seine neueste Skulptur erklärt, der war sehr nett und unprätenziös. Berke, den heute kaum jemand kennt, war immer sehr neugierig, kam zu jeder Eröffnung und war uns gegenüber sehr offen. Verglichen mit Düsseldorf war Köln ziemlich ruhig, doch der Kunsthandel, der schlagartig sich vermehrte, zog natürlich viele Künstler nach Köln. Als mal Rosenquist bei Ricke ausstellte, sagte Ricke zu mir: "Der Rosenquist muss irgendwo doch untergebracht werden. Könnt ihr den nicht mal zum Essen einladen?". Und dann haben wir Rosenquist zum Essen eingeladen und haben stundenlang über Umweltverschmutzung und Polizeimacht in Amerika geredet. Als im Oktober 1968 bei Ricke die erste Serra-Ausstellung eröffnet wurde, waren viele Künstler da, und wir wussten, das ist eine neue Sicht, ein neuer Weg, Skulptur zu definieren. Köln bewegte sich in der Zeit, es gab genaues Hinsehen. Die Preise waren niedrig, z.B. die Serra-Arbeiten haben alle 1000 $ gekostet, wenn ich mich nicht irre. Der Handel - natürlich anders als heute - war unspekulativer. Ich denke, das Spekulative kam erst Mitte der 70er Jahre. Einer, der die Spekulation immer wieder antrieb, war der Herr Bongard, der da seine kleine Zeitung, den Kunst-Kompass, herausbrachte - ich habe auch noch ein paar davon, nummeriert und signiert - immer mit den Tendenzen, was teurer würde. Interessant war: Beuys, den er hoch schätzte, erschien mit der Notiz: Beuys unterbewertet, steigt! Also, da hat sich was grundlegend verändert.

Köln - Provinz, Weltstadt, Sprungbrett, Hindernis?Wäre für Sie eventuell etwas anders gelaufen, wenn Sie nicht in Köln gearbeitet hätten?

Ich bin eigentlich sehr glücklich, dass ich in Köln gelandet bin, und das hat viele Gründe. Die Stadt liegt geographisch sehr gut, die Nähe zu Paris. Ich habe jetzt ein Haus in der Bretagne, das über Paris gut zu erreichen ist, also Köln am äußersten Rande Deutschlands in Bezug zu Frankreich. Köln ist im Zentrums Europas, so ist das! Berlin als Hauptstadt - grauenhafte Erscheinung und spannend zugleich. Die Hauptstadt Berlin hat nie die Künstler angezogen, das kann sich ändern, hier waren eher Musik und Theater zu Hause, eine protestantische Stadt. Und doch ist Köln eine Provinzstadt geblieben. Das Phänomen einer Provinzstadt äußert sich dadurch, dass man alles von außen heranholen will, weil man dem, was in einer Stadt passiert, nicht glaubt. Dies ist sicher auch ein deutsches Phänomen. In der Bildenden Kunst haben wir in den letzten 25 Jahren doch erlebt, dass viele, die in Köln gearbeitet haben, von dieser Stadt immer negiert wurden. Das hat sehr viele Gründe, die kann man genau aufzählen. Das Dilemma des Museums Ludwig ist ja allgemein bekannt: Das ist führungs- und charakterlos. Das hat da schon Tradition. Die haben sich einmal wirklich in den 70er Jahren, wo das noch nicht so war, zu wunderbaren Ausstellungen hinreißen lassen, und eine davon war Projekt '74: "Kunst bleibt Kunst". Das war eine Ausstellung von internationalem Rang. Ich denke, dass die Bedeutung viel größer war als die der nachfolgenden Ausstellungen von internationalem Rang: die "Westkunst" und der "Bilderstreit", weil sie wirklich die Kunst, die in der Zeit passierte, in dieser Zeit, auf den Punkt brachte. Das hat es in Köln danach nie wieder gegeben. Damals haben alle Museen mitgearbeitet. Und es gab einen wunderbaren Katalog, der nicht zur Eröffnung erscheinen konnte, weil die Galerie Oppenheim für Katharina Sieverding einen Prozess betrieben hat, weil Katharina Sieverding nicht so abgebildet sei, wie sie hätte sein wollen. Und deshalb durfte der Katalog nicht erscheinen. Die Stadt hat sich da sehr stur gestellt, soviel ich weiß und hat das nicht unbürokratisch und schnell geregelt, und so erschien der Katalog während der Ausstellung nicht, wurde nachher in der Buchhandlung König verkauft, dann wurde er verramscht, einer der wichtigsten Kataloge der 70er Jahre.

Darf ich noch mal rückfragen nach der Ausstellung "Kunst bleibt Kunst"?

Das war eine Internationale Ausstellung. Sie können das rauf und runter lesen: von Merz bis Beuys. Es sind alle dabei gewesen, die derzeit diskutiert wurden, aber mit neuen Ansätzen. Es war z.B. "Art & Language" dabei.

Wie war denn das mit Ihrer Ausstellung 1975 im Kölnischen Kunstverein zusammen mit Blume, Klauke, Marx, Mields und Paeffgen?

Herzogenrath wollte vier Künstler im Kunstverein ausstellen. Das waren Paeffgen, Klauke, Blume und ich, wir wurden eingeladen von Herzogenrath, jeweils eine Einzelausstellung zu machen in abgetrennten Kojen. Da haben wir diskutiert und dann waren damit überhaupt nicht einverstanden, weil man sich nicht so abspeisen lassen wollte mit so Pseudoeinzelausstellungen. Wir haben gesagt: Nein, lasst uns doch eine Gruppenausstellung machen und sie erweitern auf sechs Künstler, mit Falko Marx und Rune Mields. Später wurde die Ausstellung in Lille gezeigt. Dieses Konzept wurde dann mehrere Male wiederholt, was leider verhindert hat, dass wichtige Künstler keine umfassende Einzelausstellung bekamen.

Öffentlichkeit, Gesellschaft, Stadt Köln - Haben Sie bei der Realisierung Ihrer Ideen Unterstützung gefunden, auch materielle?

Ja doch, das muss ich sagen, Hackenberg hat damals die Atelierhäuser eingerichtet, und er hat immer gesagt, diese Ateliers bekommen Künstler, die Kunst machen.

Welche Atelierhäuser meinen Sie?

Das war z.B. die Roßstraße. Das war eines der ersten überhaupt, Roßstraße 16.

In welcher Größenordnung bewegten sich die Kosten für die Künstler in den Atelierhäusern?

Damals war das nur ein Unkosten-Zuschuss für Strom und Wasser. Das war in der Zeit außerordentlich wichtig für viele, man konnte sein Geld in die Kunst stecken, und nicht ins Atelier.

Gab es damals etwas Wichtiges, was Sie konkret nicht realisieren konnten?

Nein, das kann man so nicht sagen. Man schafft als Künstler immer die Arbeit, die man machen muss, egal wie groß oder klein sie ist.

Gibt es etwas, was Sie heute sofort tun würden, wenn Sie ohne Limit die Möglichkeit dazu geboten bekämen?

Hier in Köln?

Ja, z. B., oder auch woanders.

Einen großen Platz würde ich machen.

Können Sie ihre Vorstellungen diesbezüglich mal näher erläutern?

Ja, ich würde den gesamten Neumarkt abreißen und auf dem Neumarkt mit ganz wenigen Mitteln eine Platzfläche schaffen, die nur dafür da ist, dass man diesen Platz überquert.

Szene: Gab es eine, und wollten Sie damit etwas zu tun haben (mitmachen, sie ändern) oder dagegenhalten?

Szene findet immer in meinem Kopf statt.

Szene: Was war Ihr Beitrag zur Szene, oder ist sie entscheidend für Ihre Chancen gewesen?

Nein. Eine Szenefigur ist natürlich Dietmar Schneider, den ich sehr früh kennengelernt habe. Der ist wie der Millowitsch ein Kölner Original. Der müsste eigentlich Ehrenbürger von Köln werden. Das wissen die Kölner nur noch nicht.

Wen fanden Sie damals besonders gut, wen heute?

Alle lebenden Künstler sind gut! Und von den alten schätze ich: Tizian.

Gibt es Ihrer Meinung nach Leute, die heute zu Unrecht vergessen worden sind, oder zu Unrecht Erfolg haben, hochgejubelt worden sind?

Es gibt kein Recht und Unrecht in der Kunst.

Nachdem es die Kölner Werkschule, spätere Fachhochschule für Kunst und Design nicht mehr gibt - bedauern Sie das, oder ist das für Sie unwichtig?Ist eine Akademie als solche für Sie notwendig, wichtig oder überflüssig?

Ich finde es - bei der miesen Politik, die dort betrieben wurde - wunderbar, dass es diese Schule nicht mehr gibt.

Ist eine Akademie als solche für Sie notwendig, wichtig oder überflüssig?

Die Kunstakademien in Deutschland haben eine alte Tradition. Sie sind im Gegensatz zu anderen Ländern in dieser Tradition immer progressiv gewesen. Die professionellen Künstler in Deutschland haben fast immer an einer Kunsthochschule studiert. Und da wir sehr gute Kunst haben - auch in Deutschland - erübrigt sich die Frage.

Die neue Medienakademie - ist sie eine Alternative zur alten Fachhochschule, oder sogar eine Weiterentwicklung? Entspricht sie einem gegenüber Ihrer Anfangszeit gewandelten Anforderungsmodell künstlerischer Möglichkeiten, neuen (verengten, erweiterten) Rahmenbedingungen der Kunst generell, oder einer neueren Einstellung der Öffentlichkeit Kunst gegenüber?

Das ist ein notwendiger neuer Beginn.

Welchen Rat würden Sie heute einem jungen Künstler geben, den Sie für talentiert und substantiell halten, damit er konsequent seinen Weg gehen kann?

Arbeiten und Ruhe bewahren.

Plätze: Wo gingen Sie früher hin, wohin heute, warum?

Ich gehe immer zum gleichen Platz: in mein Bett.

Die Entwicklung der letzten 20 - 25 Jahre: Wie und wodurch ist Köln zur "Kunstmetropole" geworden?

Der Handel und die offene Stadt und die Museen, leider die ohne Geld.

Wie sehen Sie die korrelative Entwicklung anderer "Kunstzentren" während dieser Zeit? Welche Alternativentwicklung hat z.B. Berlin nach Ihrer Meinung genommen? Was sind die Kriterien und Effekte?

In Berlin wird irgendwann sehr viel Geld sein, ob daraus ein Kunstzentrum entsteht, werden wir abwarten müssen. Wie viel Interesse hat Berlin für Bilder und Skulpturen, für Videos und Fotografie etc., oder wird dort alles nur Event werden?

Falls andere für Sie relevante Regionalentwicklungen bedeutsam sind, welche, warum, mit welcher Perspektive?

Köln wird im Zentrum Europas wichtig bleiben. Das Phänomen in Köln ist, wenn Sie das über einen längeren Zeitraum beobachten: es gibt immer nur in einer Sparte Höhepunkte. Es gibt Zeiten der Ausstellungen, Zeiten der Oper, Zeiten des Schauspiels etc. .

Unter welcher Ägide fanden Sie das Schauspiel ganz toll?

Ja, unter Flimm war das schon sehr gut. Flimm hat immer gute Leute herangeholt - z.B. Luc Bondy. Dann gab es auch eine Zeit der Oper für mich.

Wann war das?

In den 70er Jahren z.B. der Mozart-Zyklus, eine sehr traditionelle Inszenierung, aber mit phantastischen Stimmen. Und es gab dann zwischendurch spannende Inszenierungen moderner Opern. "Moses und Aaron" war hinreißend inszeniert.

Unter einem solch korrelativen Aspekt: Wie sind die Charakteristika Ihrer Arbeit, Ihrer Entwicklung, Vorhaben und Resonanz im Vergleichsrahmen der überregionalen Entwicklung der letzten 20-25 Jahre zu sehen?

Da muss ich zurückfragen, was ist denn regional und überregional? Das hat mich als Frage nie interessiert: hier meine Arbeit, unten die Hölle, über mir Gott, oder umgekehrt?

In diesem Zusammenhang abschließend die Bitte um Würdigung bzw. kritische Stellungnahme aus persönlicher Sicht zu Person und Arbeit verstorbener Kollegen (u.a. etwa: Michael Buthe, Manni Löhe, Al Hansen).

Ja, die verstorbenen Kollegen, Carravaggio, da möchte ich noch einige Bilder sehen.

Aber Buthe haben Sie doch gut gekannt.

Sicher, aber deshalb muss ich ihn nicht würdigen, das sollen die Ausstellungsmacher tun. Die frühen Arbeiten habe ich davor bewahrt, auf den Müll geworfen zu werden.

Wie kam das denn? Erzählen Sie doch mal!

Michael war völlig durchgedreht. Er wollte umziehen, hatte einen LKW bestellt und wollte alles wegwerfen. Alles war schon verladen - ein ganzer LKW voll. Und dann hat mich seine Freundin angerufen und gesagt: "Du musst was machen. Der wirft alles auf den Müll." Und dann bin ich angerückt: "Ich habe ein Atelier in der Roßstraße, und da schaufele ich jetzt einen Raum frei." Damit war Buthe einverstanden, und wir haben den Raum gefüllt, Stoffbilder, Zeichnungen, frühe Objekte, sicher über 200 Arbeiten. Das muss 1971 gewesen sein. Fünf, sechs Jahre später wollte er die Arbeiten wieder haben. Er hat sondiert und mir einige Arbeiten geschenkt. Im Grunde genommen wurde das ganze Frühwerk hier gelagert.

Eine andere wunderbare Sache, die wir damals zusammen gemacht haben, war "Die rheinische Bienenzeitung", 1975. Die hat Constantin Post verlegt. Es war die letzte Nummer dieser Zeitung, die danach verkauft wurde. In ihr gibt es das Gespräch zwischen Beuys, Blume und mir. Ich wollte Beuys besuchen und mit ihm über die Biene sprechen, Blume wollte mitkommen, die haben später einiges noch zusammen gemacht.

In dieser letzten Nummer haben viele in Köln ansässige Künstler mitgemacht: Joseph Beuys, Bernhard Blume, George Brecht, Johannes Brus, Michael Buthe, Robert Filliou, Jürgen Klauke, Falko Marx, Rune Mields, C.O. Paeffgen, Ulrike Rosenbach, Bernhard und Ursula Schultze und ich. Nachher gab es eine Vorzugsausgabe von 34 Exemplaren, weil alle das als eine lustige kölsche Idee aufnahmen. Die wurde damals für ganz wenig Geld verkauft, ich meine 350,-DM. Damals wollten sie nur wenige haben. Und heute kostet sie über 5000,- DM und ist wirklich eine kölsche Rarität.