Tagebuchaufzeichnungen zu Michael Buthe

Edelwalda Klein

Michael Buthe lerne ich bei Falko Marx, mit dem ich seit ein paar Jahren befreundet bin, im Februar 1975 kennen.

Tagebucheintrag v. 14.2.1975

Zum ersten Mal seit seinem Umzug besuche ich Falko Marx in seiner Altbauwohnung in der Händelstraße und trete durch eine Barockholztür in einen Marmorhausflur. Falko wohnt Hochparterre und steht lächelnd in der Tür. Im Wohnzimmer liegt auf einem schön geschwungenen, eleganten Diwan "wie Goethe in der Campagne" ein Freund Falkos, den er mir als Michael Buthe vorstellt. Michael begrüßt mich mit einem Küßchen und unterhält uns glänzend mit seinen Renovierungsideen. Er ergeht sich in verbalen Farborgien, wobei Gold eine Zentralstellung einnimmt - offenbar seine Lieblingsfarbe. Bald darauf packt ihn die Unruhe. Er will sich unbedingt nebenan in einem türkischen Lokal eine Bauchtanzvorstellung ansehen. Flankiert von Falko und Michael betrete ich dieses illustre Etablissement, in dem sich außer mir kein weibliches Wesen als Gast befindet und das durch seine betont billige Aufmachung schon fast wieder beeindruckt. Laute, überlaute orientalische Musik dröhnt uns von einer zum Gesang einer Türkin spielenden Kapelle entgegen. Nachdem wir an einem kleinen Tischchen Platz genommen haben, führt Michael mit meiner Kamschatka Fuchpelzstola einen Tanz wie ein Schlangenbeschwörer auf und bewegt im Takt der Musik seine Zunge, was zusammen mit seiner Mimik ungeheuer komisch wirkt und mich zum Lachen bringt. Bald darauf beginnt der Bauchtanz: eine in einen weißseidenen Bikini, an dessen Höschen sich weiße Tüllschleier befinden, gekleidete, sehr schöne Türkin mit broncefarbenem, dunklen Teint, guter Figur und glöckchenähnlichen Instrumenten in beiden Händen, fängt zu tanzen an. Das ganze Lokal klatscht voller Begeisterung mit, und bald schon tanzt sie abwechselnd auf mehreren Tischen. Ihr langes ebenholzfarbenes Haar schwingt rhythmisch mit, und ihre schwarz-braunen Augen funkeln. Sie bildet eine harmonische Einheit. Zwanzigmarkscheine wandern abwechselnd in Höschen und Oberteil. Nach der Tanzdarbietung verlassen Falko, Michael und ich zusammen das Lokal.

Ich verdanke also Michael mein erstes Bauchtanzerlebnis.

14 Tage später besuche ich zusammen mit Falko eine Buthe-Vernissage in der Galerie Oppenheim im Galeriehaus in der LIndenstraße.

Tagebucheintrag v. 28.2.1975

Wir werden mit fernöstlichen Klängen und Räucherstäbchenduft, angereichert mit intensivem Kerzengeruch, empfangen und gehen durch ein Spalier brennender Kerzen, einer Kerzenallee sozusagen, einen vergoldeten Gang entlang, am eigentlichen Ausstellungsraum vorbei. Das Ende des Gangs mündet in einen Raum, wo auf einer Art Bühne ein Striptease stattfindet. Eine New Yorkerin tanzt dort nackt, nur in ein Netz gehüllt. Links von der Szene sitzt Michael Buthe - mephistophelesgleich mit Teufelskappe und rotem Mantel auf einer mit Goldpapier üppig verleideten Leiter und liest aus Nietzsches Werk "Zaratustra". Der Fotograf Camillo Fischer macht Fotos von dieser Performance. Nachdem Falko und ich uns eine Zeitlang der Betrachtung dieses Spektakels hingegeben haben, gehen wir durch den Gang zurück in den ersten Raum, wo Buthes Werke, ungerahmte Zeichenblätter, Collagen, auf abermals goldenem Untergrund dicht gedrängt an einer Wand hängen. Fast wird man von der Fülle erschlagen. Nach der Vernissage verlagert sich das Szenario in das bereits erwähnte türkische Lokal, wo kurz darauf auch Michael Buthe in Begleitung seiner Galeristin, Baronin Ingrid von Oppenheim erscheint. Tanzend verwickeln sich beide abwechselnd in Michaels rotem Schal. Michael steigert sich im Laufe des Abends so dynamisch, daß Falko und ich in einen Lachkoller verfallen. Michael hat wirklich ein ausgeprägtes Komikertalent.

Einen Monat später, als ich wieder einmal bei Falko zu Besuch bin, ruft Michael Buthe aus dem "La Strada" an, wo er in Begeitung von Ingrid Oppenheim und Jean Christophe Ammann, dem damaligen Leiter des Luzerner Museums für moderne Kunst, weilt.

Tagebucheintrag v. 24.3.1975

Michael trägt ein goldenes Tuch, das sein Gesicht teilweise verdeckt, einen rosé-lachsfarbenen Brokatmantel und schwarze flache altmodische Schuhe. Es entwickelt sich ein Gespräch mit Dr. Ammann über Kunst, wobei er der Auffassung ist, daß Kunst zu jeder Zeit möglich sei, solange sich Menschen in bestimmten Formen mit ihrer Umwelt und den Problemen, die sie bewegen, auseinandersetzen. Baronin von Oppenheim ist eine bizarre Erscheinung im eng anliegenden braunem Pullover und braunem Kostüm mit großen grünen Karos und grünen dünnen Strümpfen. Ihr einziges Make up besteht aus einem dickem schwarzen Lidstrich, der ihre stechenden Augen betont. Bewundernswert finde ich ihre Haltung: als Angehörige der renommierten Familie Sal. Oppenheim vom banking business nicht verdorben, führt sie ihre Galerie und setzt sich für junge Künstler ein. Michael Buthe, wie stets, sehr selbstbewußt, tut sich keinen Zwang an, macht immer das, wozu er gerade Lust hat, mitunter bar jeder Hemmung oder Rücksicht auf andere. Er verfügt über eine positive Ausstrahlung und räumt Zweifel an irgendwelchen gewagten Unternehmungen oder Selbstzweifel anderer mit einem Wort oder einer Handbewegung aus und ermutigt damit andere.

Monate später, als ich erneut bei Falko zu Besuch bin, erzählt dieser mir von einer Buthe - Inszenierung anläßlich einer dessen Vernissagen.

Tagebucheintrag v. 8.9.1975

Buthe läßt sich auf einem Thron, den er selbst gebaut hat, von vier Afrikanern hereintragen. Er hat alle möglichen Kleidungsstücke übereinander angezogen, so daß er sich auf seinem Thron kaum bewegen kann. Plötzlich bricht die ganze Konstruktion zusammen, und Buthe stürzt kopfüber auf den Boden und kugelt durch die Gegend. Er kann natürlich kaum aufstehen wegen der vielen Klamotten, die er anhat. Was macht Buthe in einer solchen Situation?! Er tut so, als sei das Ganze beabsichtigter Teil der Performance gewesen.

Wiederum bei Falko zu Besuch, treffe ich dort Michael.

Tagebucheintrag v. 20.9.1975

Buthe liegt auf dem Sofa. Er trägt seine geliebte rote Hose mit einem wunderschönen Gürtel, ein weißes Hemd und braune boots. Er ist ziemlich müde und schläft zeitweilig ein. Nachdem er wieder aufgewacht ist, lädt er Falko und mich noch in sein Atelier in der Gilbachstraße 27 ein, das in seine Wohnung integriert ist - die verrücktesten Räumlichkeiten, die ich bis dato gesehen habe: Die Küche voller Werke von Sigmar Polke, ein riesiges bunt bemaltes Wachstuch - ein Raum phantstischer als der andere gestaltet - ein Konglomerat aus Federfächern, Bildern, Fotografien und Sonnenschirmlampen! Buthe kocht Tee, den wir in den oberen Gemächern zu uns nehmen. Er kleidet sich zur Teezeremonie in ein weißes marokkanisches Gewand. Später zeigt er mir sein Tagebuch, das genauso fasziniert wie seine übrigen Werke. Heute Nacht male ich ein Bild - eine Hommage an Michael Buthe.

Mitte Oktober zeigt Ingo Kümmel in seiner Galerie am Maarweg Bilder von Theo Lambertin und Heinz Zolper.

Tagebucheintrag v. 17.10.1975

Abends besuche ich die Lambertin-Zolper Vernissage in der Galerie Kümmel. Die Kölner Szene ist zahlreich vertreten. Neben den ausstellenden Künstlern sind u.a. Jürgen Klauke, Rudolf Bonvie, Manni Löhe, Wolf Erdmann-Oblonskij, Bernd Ackfeld und Peter Hehner erschienen. Ich vermisse Michael Buthe, über den ich dann wenig später fast stolpere. Er erzählt, daß er beabsichtige, für drei Monate nach Amerika zu gehen, da er ein wahnsinnig gutes Angebot für New York habe. Nach der Ausstellungseröffnung geht die ganze Bande noch ins "Roxy", und der harte Kern landet wie meistens in der "Moni Bar" auf der Ehrenstraße.

Ein paar Tage später bin ich erneut zu Gast bei Falko.

Tagebucheintrag v. 22.10.1975

Falko breitet seine Kleinode, die er in der letzten Zeit gefertigt hat, vor mir aus: u.a. einen Buthe-Ring: ein Buthe Foto unter einem geschliffenen Edelstein. Durch die geometrische Form des Edelsteinschliffs verändert sich je nach Blickwinkel das Gesicht. Seltsame Verzerrungen entstehen, einem Picasso Porträt vergleichbar, das zwei Gesichter in einem zeigt.

Am 8.11.1975 wird die Ausstellung mit sechs Kölner Künstlern (Bernhard Johannes Blume, Jürgen Klauke, Falko Marx, Rune Mields, C.O. Paeffgen, H. G. Prager) unter der Ägide von Dr. Wulf Herzogenrath im Kölnischen Kunstverein eröffnet.

Tagebucheintrag v. 8.11.1975

Die Ausstellung ist außerordentlich gut besucht. Neben den Protagonisten treffe ich viele Freunde und Bekannte. Nach dem Vortrag von Dr. Herzogenrath sehe ich mir die Ausstellung an. Falko Marx hat einen eigenen Raum, in dem er seine Exponate ästhetisch ansprechend präsentiert. Diese zeichnen sich durch Exzentrik, Eigenwilligkeit und Einmaligkeit aus. Es wird Klamottenkult betrieben. Ein "indischer Prinz", in ein schwarzes Gewand mit weißen Glitzersteinen, einer Création von Maria Lucas, gehüllt, erscheint auf der Bildfläche. Michael tritt auf mit Goldbrokatschal, gewandet in weißem Cape mit Kapuze, Lederjacke und roter Samthose.

Eine Woche später bin ich bei Günter Schulte, Professor für Philosophie an der Kölner Universität, eingeladen.

Tagebucheintrag v. 16.11.1975

Einer von Günters Gästen nennt Michael Buthe den neuen Siddhartha von Marokko.

Anfang Dezember besuche ich wieder einmal Michael in der Gilbachstraße.

Tagebucheintrag v. 3.12.1975

Michael hat Besuch von einem Verleger, der ein Buch über ihn herausgeben will, und stellt mich Athena, einer griechischen Freundin, die in New York geboren ist und mittlerweile in Madrid lebt, vor. Athena und ich verstehen uns auf Anhieb und unterhalten uns angeregt auf Englisch, während sie kocht. Anschließend essen wir zu dritt unten in der Küche. Nach dem Essen setzen wir die Unterhaltung in Michaels oberen Gemächern beim Grog, den er zubereitet hat, fort. Später gehen Athena und ich noch ins "Solitaire" und ins "Roxy", während Michael es vorzieht, zu Hause zu bleiben, da er Kopfschmerzen hat.

Drei Tage später besuche ich abermals Michael.

Tagebucheintrag v. 6.12.1975

Michael liegt ausgestreckt auf seinem Sofa und erzählt von seinem geplanten Buch "Die Irrfahrten des Odysseus". Athena und ich gehen ins "Solitaire" und anschließend zu einem nigerianischen Studententreffen. Der Abend endet wieder einmal im "Roxy", wo wir bis zum frühen Morgen tagen.

Wenige Tage später treffe ich Michael Buthe nach einer Vernissage von Rune Mields.

Tagebucheintrag v. 10.12.1975

Nach einer Vernissage von Rune Mields in der Galerie Maenz in der Bismarckstraße, die ich leider verpaßt habe, da ich zu spät gekommen bin, treffe ich im "Lindeneck" schräg gegenüber dem Galeriehaus Michael Buthe, Rune Mields, C.O. Paeffgen und Hans Salentin. Da das "Camayenne" in der unmiitelbaren Nachbarschaft, in dem wir den Abend fortsetzen wollen, gerade schließt, lädt Rune noch spontan zu sich nach Hause in ihre überwiegend in schwarz-weiß Tönen gehaltene Altbauwohnung in der Lindenstraße 17 ein, wo wir es uns am Wohnzimmerkamin gemütlich machen. Nach einem lustigen Abend voller gegenseitiger Frotzeleien, lassen Michael und ich uns mit dem Taxi nach Hause chauffieren.

Drei Tage später besuche ich wieder einmal Michael Buthe.

Tagebucheintrag v. 13.12.1975

Michael hat, wie üblich, ein "full house". Unter seinen Gästen befinden sich persische Studenten, die eifrig über das Pro und Contra persischer Studentenaktivitäten in Richtung Sozialismus in der BRD diskutieren, um Veränderungen in Persien zu erreichen. Dann führt Shiraz Damani, ein persischer Freund Michaels, mit einem Diaprojektor dessen "Bienen-Serie" vor - zusammen mit Michaels Kommentaren eine gelungene Präsentation. Anschließend packt Shiraz seine Kamera aus und schießt jede Menge Fotos. MIchael und ich tanzen derart wild Rock 'n Roll, daß meine Stiefelettenabsätze abbrechen. Danach tanzen Michael und Athena Flamenco. Zu viert gehen wir noch ins "Camayenne". Während Michael nach Hause fährt, beenden Athena, Shiraz und ich den Abend in der "Moni-Bar", wo wieder "high life" herrscht.

Silvester 1975

Tagebucheintrag v. 31.12.1975

Zur Musik der Alex Harvey Band geht's - Happy New Year - im "Roxy" ins Neue Jahr 1976, u.a. mit Jürgen Klauke, Manni Löhe und Michael Buthe. Im "Exil" von Bernd Schmitz am Großen Griechenmarkt wird dann u.a. mit Ro Willaschek, Herbert Schäfer, Astrid Klein, Rudolf Bonvie und Mic Enneper weitergefeiert.

Einen guten Monat später treffe ich Michael im "Roxy".

Tagebucheintrag v. 5.2.1976

Michael erzählt nach einer überschwenglichen Begrüßung, daß er Mitte März voraussichtlich nach Florenz fahre.

Tags drauf begegne ich Michael im "Coconut" auf der Pfeilstraße.

Tagebucheintrag v. 6.2.1976

Im "Coconut" geht's wieder hoch her - die "Szene" ist zahlreich verteten. Michael mit goldenem Schal und in weiter, aus diversen Flicken zusammengesetzter, Hose, und ich mit langem schwarzen Schal, wirbeln über die Tanzfläche. Buthe ist der reinste Derwisch!

Ende Februar sehe ich im Fernsehen einen Beitrag über Michael Buthe.

Tagebucheintrag v. 24.2.1976

Der Beitrag über Buthe wird in der Sendereihe "Almanach" im 3. Programm des WDR ausgestrahlt. Michael als Nachfolger der Hippie-Bewegung zu charakterisieren, ist oberflächlich und zeugt nicht gerade von Sachkenntnis und Urteilsfähigkeit, was dessen Person und künstlerisches Schaffen anbelangt.

Sechs Wochen später besuche ich mit einer Freundin, Ingrid Pohl, Michael Buthe.

Tagebucheintrag v. 7.4.1976

Ich rufe Falko Marx an, um ihn zu fragen, ob heute die Eröffnung des Echnaton Museums stattfinde. Er bestätigt mir, daß diese heute ab 15.00 Uhr angesagt sei, er aber erst abends hingehe, da er noch zu arbeiten habe. Ich verabrede mich mit Ingrid Pohl, die mich um 20.00 Uhr abholt. Als wir bei Michael ankommen, stellt sich heraus, daß die Eröffnung um einen Tag verschoben wurde. Falko Marx, Udo Kier und andere Gäste sind am Küchentisch versammelt. Wir unterhalten uns kurz mit ihnen und gehen dann ins "Graziella" italienisch essen.

Einen Tag später unternehme ich einen weiteren Versuch, Buthes Echnaton Vernissage mitzuerleben.

Tagebucheintrag v. 8.4.1976

Nach dem Besuch des David Bowie Konzerts in der Düsseldorfer Philipshalle zum Preis von 14 DM, zu dem ganz Westdeutschland angereist ist, und einem kurzen Stop im "La Strada" geht's zu Michael Buthe. Leider ist die Vernissage bereits beendet, und alle sind in der Eckkneipe gegenüber versammelt, darunter Rune Mields, Jürgen Klauke, Falko Marx, Margret Scherer, Marcel Schlesinger, Ingrid und Peter Pohl, Ro Willaschek und Michael selbstverständlich. Buthe rief - und alle, alle kamen.

Vom 16. - 21.6.1976 findet die Art Basel 7'76 statt.

Tagebucheintrag v. 19.6.1976

Ingrid Oppenheim hat den schönsten Stand mit Bildern von Christof Kohlhöfer und einem Objekt von Michael Buthe. Bei ihr herrscht eine gekonnte MIschung aus Kunst und Chaos.

Neun Wochen später treffe ich Michael nach einem wunderbaren Konzertabend im "La Strada".

Tagebucheintrag v. 27.8.1976

Am frühen Abend besuche ich zusammen mit Professor Günter Schulte und seinem Sohn Leontin meine Freundin Lisa Gerigk und ihre Familie in deren Junkersdorfer Anwesen. Günter begleitet Lisas Gesang auf dem Konzertflügel im Musikzimmer. Ein stark "romantisch angehauchtes" Programm mit Werken von Franz Schubert ("An die Musik"), Robert Schuhmann ("Mondnacht"), Johannes Brahms ("Feldeinsamkeit") und Wolfgang Amadeus Mozart ("Das Veilchen") wird geboten. Im Laufe des Abends brilliert Günter auch allein am Klavier mit einem Werk von Schubert. Sein virtuoses Spiel klingt aus dem Haus hinüber in den Garten, wo wir nach dem Abendessen auf der Terrasse die Sommernacht unter dem blassen, leicht bewölkten Himmel, gegen den sich die Konturen der Bäume scharf abheben, genießen. Günter, Leontin und ich verabschieden uns gegen Mitternacht und statten dem "La Strada" noch einen Besuch ab. Nachdem die beiden gegangen sind, unterhalte ich mich noch eine Zeitlang mit Michael Buthe, der morgen wieder irgendeinen Zauber am Tanzbrunnen in Deutz veranstalten will, den ich nicht versäumen möchte.

Leider verpasse ich den Buthe-Event.

Tagebucheintrag v. 28.8.1976

Nach mehreren vergeblichen Versuchen, Freunde zu erreichen, um mit ihnen zur Buthe-Aktion im Rheinpark zu fahren, gebe ich mein Unterfangen auf, denn mittlerweile ist es so spät geworden, daß ich es ohnehin nicht mehr pünktlich schaffen würde.

Im Kölner Stadt-Anzeiger v. 16. / 17.4. 1977 erscheint ein Artikel von Thomas Hesterberg über eine Ausstellung von Michael Buthe in Leverkusen, den ich in meinem Tagebuch archiviere. Das dazu gehörige Foto, ebenfalls von Hesterberg, schmücke ich mit orangefarbenen gepressten Clivia-Blüten und weißem Kerzenwachs: Hesterberg Enthusiasmus und Buthemania!

Im Mai 1977 besuche ich wieder einmal Falko Marx.

Tagebucheintrag v. 7.5.1977

Wir fotografieren uns gegenseitig in prächtigen Gewändern, die er von einer Reise nach Marokko zusammen mit Michael Buthe aus Marakesch mitgebracht hat. Nach dem anschließenden Besuch im "La Strada" trennen sich unsere Wege vorläufig: Falko geht ins "Bonaparte" (ehemaliges "La Cave") und ich ins "Roxy" , wo es wieder mal brechend voll ist. Wir verabreden uns gegen 1.00 Uhr in dem bereits erwähnten türkischen Lokal in der Händelstraße, das auch Buthe samt Anhang aufsuchen wollen. Mit Anita Post, einer Psychologiestudentin, breche ich relativ dorthin auf. Wir treffen zwar Falko dort an, aber leider Michael nicht mehr und landen wieder im "Roxy", wo wir uns bis zum frühen Morgen amüsieren.

10 Tage später statte ich abends Baronin Ingrid von Oppenheim einen Besuch ab.

Tagebucheintrag v. 17.5.1977

Ingrid ist gerade damit beschäftigt, ihren neuen Katalog zusammenzustellen. Später kommt Falko vorbei und ist ihr dabei behilflich. Sie ist im Besitz beeindruckender künstlerischer Arbeiten: einem großformatigen Bild von Sigmar Polke, einem frühen Werk von Buthe und einem Objekt von C.O.Paeffgen.

Anfang September trinke ich spätnachmittags mit Michael Nopens, der damals Fotoingenieurwesen an der Fachhochschule in Deutz studierte und Assistent von Jürgen Klauke war, im "La Strada" Kaffee.

Tagebucheintrag v. 8.9.1977

Wir genießen unseren Kaffee und zwischendurch holt Michael Nopens bei "Josuwek" seine Fotos von sechs Kölner Künstlern (Carol Bethke, Rudolf Bonvie, Michael Buthe, Jürgen Klauke, C.O. Paeffgen und Heinz Zolper) ab, die Horst Leichenich während des im Oktober stattfindenden Kölner Kunstmarktes in seiner Künstlerkneipe "Roxy" ausstellen will. Von diesen Fotos favorisiere ich eins eindeutig: Buthe und Klauke vereint am Tresen ins Gespräch vertieft.

Vom 26. - 31.10.1977 findet der Internationale Kunstmarkt in Köln statt. Am Rahmenprogramm sind folgende Künstler mit ihren Beiträgen vertreten:

  • COLETTE
  • "CLEARANCE SALE" - "AUSVERKAUF"
  •  JOCHEN GERZ
  • MARSYAS II
  • (vor dem Tod /aus dem Leben)
  • Griechische Stücke, 9
  • Performance mit Video
  •  PETER GRASS
  • THE ANNUNCIATION
  •  JÜRGEN KLAUKE
  • "ASPEKTE"
  •  JACK SMITH
  • "IRRATIONAL LANDLORDISM OF BAGDAD"
  •  MICHAEL BUTHE
  • aus: THE LAST EMPIRE: LIEBE - TOD - LEBEN

Leben, Liebe, Tod. Eigentlich ein Einsamkeitstrip während meines Aufenthalts in Kairo in diesem Sommer. In einer mir sehr geliebten Atmosphäre - 15 Millionen Menschen komplettes Chaos - lechzen nach Geld, um zu überleben - Friedhöfe, in denen sich die Ärmsten der Armen niedergelassen haben. Ein Hetzen nach Geborgenheit meinerseits 24 Stunden täglich auf den Füßen durch die Metropole rasen. Eine weiße Sonne, wo die Unendlichkeit zu einem nie endenden Keil wird, während ich, denke ich an meine Herkunft, vergleichsweise diesen Menschen gegenüber auf einer schillernden Scheibe sitze - bei uns - "der Tanz um den Vulkan" - dort ein jämmerliches Rennen ums tägliche Überleben. Ich möchte es als eine Inszenierung sehen, deren Performance meine Erinnerung und der Geist und die Phantasie der Menschen ist, welche sich mit diesem Stück auseinandersetzen.

Ende Oktober bin ich erneut zu Gast bei Michael Buthe

Tagebucheintrag v. 28.10.1977

Ich rufe Athena bei MIchael an. Sie lädt mich ein vorbeizukommen. Nach der Übertragung meiner Uniaufzeichnungen ins Reine leiste ich dieser Einladung Folge. In der Gilbachstraße ist ein buntes Völkchen versammelt, darunter Dietmar Werle, der damalige Galerist von Michael, und dessen Lebensgefährtin Magret Scherer, Charly Banana und jede Menge Amerikaner und Tunesier. Das Fest endet chaotisch, da Michael mit einer halben Flasche eines Herzmedikamentes experimentiert hat, mit der Folge, daß er das Gefühl hat, sein Kopf dehne sich aus und seine Kehle brenne durch. Er dreht Patti Smith abrupt die Luft ab und spielt stattdessen Vivaldi in einer Lautstärke, daß die Wände erzittern.

Tagebucheintrag v. 29.10.1977

Heute findet ein großes Künstlerfest in der alten Stollwerckfabrik in der Kölner Südstadt statt. Die Bands spielen schaurig, das plastische Theater ist leidlich unterhaltsam, und auch andere Darbietungen sind eher mäßig, mit einer Ausnahme: der Präsentation des Films von Ackfeld/Zolper "Ein mörderischer Wahlkampf", der mir am besten gefällt. Der New Yorker Performance-Künstler Peter Grass, der gestern auch unter Buthes Gästen war, lädt mich zum Kölsch ein. Da auch ihm das Fest nicht besonders zusagt, fahren wir zusammen ins "Roxy".

Tagebucheintrag v. 31.10.1977

Nach dem Besuch des Kunstmarktes gehe ich mit Peter Grass nach einem kurzen Zwischenstopp im "Klimperkasten" am Alter Markt - Peter ist total begeistert von den elektrischen Klavieren, was ihn zu der Äußerung hinreißt: "I could sit here for hours - just listening and watching" - auf die von Art Director Siebrasse ausgerichtete Fete im "Kleine Glockespill", wo eine angenehme Atmosphäre herrscht. Auf engstem Raum sind Künstler, Kunstkritiker und Freunde der schönen Künste in friedlicher Koexistenz versammelt, darunter Diego Cortez, Colette, Rune Mields, Jürgen Klauke, Uwe Laysiepen (ULAY), Marina Abramovic, Dr. Georg und Elisabeth Jappe und natürlich Michael Buthe und Athena. Alles in allem: Ein gelungener Abend mit anregenden Gesprächen und gegenseitigen Witzeleien.

10 Tage später statte ich Ingrid Oppenheim einen Besuch in ihrer Galerie im Galeriehaus in der Lindenstraße ab.

Tagebucheintrag v. 10.11.1977

Ingrid präsentiert mir ihre derzeitige "Stuhl" - Ausstellung mit Werken von Buthe, Kohlhöfer, Paeffgen und Salentin. Der Boden ist mit Sand bestreut, die hintere Galeriewand von Kohlhöfer bemalt. Ingrid zitiert Buthe: "Ich mache jetzt ein Bild 60 m Lang." Darauf habe sie geantwortet: "Warum nicht 60 cm lang?" Später lädt Ingrid mich ins "Rhodos" zum Essen ein. Anschließend gehen wir noch ins "La Strada". Nachdem ich mich von ihr verabschiedet habe, gehe ich ins "Roxy", wo ich Falko und Michael treffe. Buthe ist sehr angetan von meinem bunten selbst gefertigten Häkelkostüm und der schweren Eisenbrosche mit vielen schillernden Steinen, die Peter Grass im New Yorker "garbage" nach eigener Aussage gefunden und mir geschenkt hat. Glänzend gelaunt gibt Michael ein Erlebnis mit Ingrid Oppenheim, das ihre Exzentrik widerspiegelt, zum besten: Sie habe ihm ihre Katze ins Gesicht geworfen, seine Bilder von den Wänden gerissen und anschließend einen Scheck von 5000.- DM auf den Tisch geknallt, was ihr beiderseitiges Verhältnis nicht weiter getrübt habe.

Tagebucheintrag v. 25.11.1977

Nach dem Besuch einer Philosophie Vorlesung bei Professor Vollrath hole ich noch Fotos bei "Prisma" ab. Das Foto des Buthe Invironments, das ich im "Museé du Echnaton" aufgenommen habe, gefällt mir so gut, daß ich die 18 x 24 cm Vergrößerung in einem schwarzen Holzrahmen in meiner Studentenbude in der Hülchrather Straße aufhänge.

Am 19.5.1978 gastiert David Bowie in der Kölner Sporthalle zu "Vorkriegspreisen" von 18,- DM im Vorverkauf und 21,- DM an der Abendkasse.

Tagebucheintrag v. 19.5.1978

Die gesamte Kölner Garde ist nahezu vollzählig vertreten. Die Majestäten Kaiser Buthe und König Klauke geben sich mit ihrem Hofstaat die Ehre. DJ Igor Tillmann ist mit Fotograf Hermann Schulte, genannt "Herman the German", da, der Fotos machen will. Waiting for Bowie, der in einer weit geschnittenen Gatsby Hose die Bühne betritt und mit einer grandiosen Power loslegt mit seinem Hit "Heroes". Aber auch die leisen Töne fehlen nicht, so beispielsweise der "Alabama Song" aus der Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" (Text: Bertolt Brecht / Musik: Kurt Weill). Am Ende des Konzerts rast die Sporthalle. Bowie gibt zwei Zugaben, was vom Publikum mit tosendem Beifall goutiert wird.

Im November 1978 findet Die Ausstellung "KONZEPT - PROZESS - MATERIAL" in der Galerie Herta Klang, Moltkestraße 8 statt. An dieser Gruppenausstellung sind beteiligt:

Bernhard Johannes Blume, George Brecht, Michael Buthe, Ugo Dossi, Josef Erben, Wolfram Erber, Maria Fihsan, Mike A. Henz, Antonius Höckelmann, Georg Jappe, Rune Mields, Anna Oppermann, Ulrike Rosenbach, Gerhard Rühm, Berty Skuber, Herbert Wimmer.

Tagebucheintrag v. 21.11.1978

Ich besuche die Vernissage der Ausstellung "KONZEPT - PROZESS - MATERIAL" in der Galerie Herta Klang. Neben den Ausstellenden sind in der gut besuchten Galerie u.a. Jürgen Klauke, C.O. Paeffgen, Sigmar Polke, Bernd Ackfeld und Heinz Zolper anwesend. Anschließend teilen sich die Besucher in zwei Gruppen: die einen sind bei Jappes zum Imbiss eingeladen, die anderen frequentieren das nahe gelegene "Rhodos".

Danach verliere ich Michael Buthe aus den Augen. Von Freunden erfahre ich, daß er sein Atelier von der Gilbachstraße nach Ostheim in ein altes, mittlerweile stillgelegtes ehemaliges Stellwerk der KVB verlegt hat, wo inzwischen auch andere Künstler wie Udo Kier und Marcel Odenbach beheimatet sind. Ich treffe Michael noch ein einziges Mal vor dem Buchhaus Gonski, buchstäblich zwischen Tür und Angel und rede nur kurz mit ihm, da er es eilig hat.

Am 14.11.1994 stirbt Michael Buthe in Bonn - Bad Godesberg.

In der Ausgabe des Kölner Stadt - Anzeiger v. 16. / 17.1994 widmet Werner Krüger Michael Buthe einen persönlichen Nachruf.

In der Wochenendausgabe des Kölner Stadt - Anzeiger v. 19. / 20.11.1994 erscheint seine Todesanzeige seiner Familie und seiner Freunde, der die folgenden Worte von René Char vorangestellt sind:

  • Meine Liebe ist irgendwo in den Straßen der Stadt.
  • Einerlei wo sie geht in der klaffenden Zeit.
  • Sie war einmal mein, jetzt spricht jeder sie an.
  • Schon weiß sie nicht mehr, wer sie eigentlich liebte
  • und von weitem ihr leuchtet, auf daß sie nicht falle.

Am 22.11.1994 findet Michaels Beerdigung auf dem Friedhof von Höxter statt. Zusammen mit seiner Familie, seinen Freunden und Wegegfährten nehme ich Abschied von ihm. Ein langer Trauerzug begleitet ihn auf seinem letzen Weg.