Internationale Konferenz für Archive zur Dokumentation moderner und zeitgenössischer Kunst

State of the Art Archives

"Was für ein schönes Geschenk zu einem gleich dreifachen Gründungsjubiläum, das die Veranstalter sich selbst und allen kunsthistorisch Forschenden, ja allen Kunstinteressierten damit machen!" Mit diesen Worten begrüßte Staatsministerin Monika Grütters ein internationales Publikum von rund 130 Personen, das im Max Liebermann Haus der Stiftung Brandenburger Tor am 21. September [2017] unter dem Motto 'State of the Art Archives' zu einer dreitägigen Konferenz von Archiven aus aller Welt zusammen gekommen war, die sich der Dokumentation moderner und zeitgenössischer Kunst widmen. Für viele der Anwesenden war dieses ein erstes Zusammentreffen und Kennenlernen. Für alle war es ein erstaunlicher und enormer Informations- und Wissenszuwachs mit einer Fülle an Neuem, weshalb dieser Bericht auch etwas länger ausgefallen ist.

Eingeladen zu dieser Konferenz hatten das ZADIK-Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung (Köln, gegr. 1992) - in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln, die basis wien – Dokumentationszentrum für zeitgenössische Kunst (gegr. 1997) und das Institut für moderne Kunst Nürnberg (gegr. 1967) – alle Partner im European Art Net (online seit 2002), das ebenfalls komplett vertreten war und im Vorfeld des Symposiums sein Jahrestreffen abgehalten hatte.

So trafen sich Archivarinnen und Archivare weltberühmter nationaler und staatlicher Archive wie jenem der Archives of American Art (Washington, gegr. 1954), das seine Bestände in Regalkilometern messen kann, mit privaten, sozusagen im Untergrund entstandenen, wie dem vom ungarischen Künstlerpaar György Gálántai and Julia Klaniczay 1979 gegründeten 'Artpool Art Research Center' (Budapest, 1979,), dem in den 1980ern aus einer privaten Galerie hervorgegangenen 'Archive of Fine Arts' in Prag - das monatliche bescheidene Ausstellungen auf einem Regalbrett ('shelf exhibitions') veranstaltet. Dazu präsentierten sich 'Newcomer', wie das Archiv (Moskau, 2012) des vom Oligarchenpaar Darja Zhukova und Roman Abramowitsch etablierten 'Garage Museum of Contemporary Art' (Moskau, 2008), mit wichtigen, noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandenen Dokumentationen der alternativen Avantgarde.
Wiewohl sehr unterschiedlich, sind es in vielen Ländern des Ostens einzig die privaten Archive (gewesen), die sich um die Erhaltung und Überlieferung von Dokumenten der künstlerischen Avantgarde jenseits der staatlichen Kunstsysteme gekümmert haben. So war und ist es auch in Asien, wovon Anthony Yung vom 'Asia Art Archive' (Hongkong) berichtete, in dem seit 1989 Dokumente des zeitgenössischen Kunstbetriebs aus dem gesamten riesigen asiatischen Raum gesammelt werden. Wie die europäische Rezeption zeitgenössischer asiatischer und afrikanischer Kunst von dieser immer noch eine Legitimation über die Rezeption ihrer traditionellen Kunst verlangt, darüber sprach neben Yung auch Sandra Klopper von der Universität Kapstadt, als sie die Situation der noch wenigen, fast ausschließlich privat betriebenen und sehr verstreuten Archive in Afrika vorstellte. Dort, wie auch in anderen Ländern, in denen die historischen, sozialen und politischen Verhältnisse (bisher) die Ausbildung einer eigenen Archivkultur nicht ergeben oder nicht ermöglicht haben, wird man sich, wenn man Dokumente zur Geschichte der eigenen Kunstentwicklung sucht, meist an nordamerikanische und europäische Archive wenden müssen, die für diese Länder (mit) gesammelt haben.

Die ältesten Archive des Westens bilden die so genannten 'Hausarchive', die aus den sammelnden Institutionen, meist Museen, selbst hervorgegangen sind, die im Lauf der Zeit die archivierten Dokumente ihrer eigenen Geschichte durch zahlreiche Fremdarchive ergänzten. Dazu gehörten das Archiv der Finnischen Nationalgalerie (1880), das Archiv der ältesten Biennale der Welt 'Biennale di Venezia' (1895), ebenso das Archiv des New Yorker Museum of Modern Art (1929), das der Moderna galerija Ljubljana (1948), das documenta archiv (1961) die Bibliothèque Kandinsky des Pariser Centre Pompidou (1977), das Archiv des Nationalmuseums für zeitgenössische Kunst Bukarest (2004) und das Archivo del Museo de Arte Contemporáneo Barcelona (MACBA, 2007).
Nicht wenige dieser und anderer 'Hausarchive' sind zugleich Nationalarchive. National sammeln auch die an die Smithsonian Institution (Washington) angeschlossenen 'Archives of American Art' und das 1932 als 'Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie' entstandene 'Niederländische Kunsthistorische Institut' in Den Haag, das die alte Abkürzung 'RKD' in seiner Internet-Adresse beibehalten hat. Beide Archive gehören zu den ersten, die, wie auch das ZADIK, die Archive von kommerziellen Galerien zu sammeln begonnen haben. Obwohl die Kunsthandelsarchive in der Archivgeschichte zu den letzten gehören, die als archivierungswürdig anerkannt wurden, stellte sich heraus, dass sie zu den an Informationen dichtesten und reichsten - und umfangreichsten - überhaupt zählen und für das Verständnis der Kunstentwicklung seit dem Impressionismus unverzichtbar sind.

Begleitet wurde die Konferenz von zwei Workshops, geleitet von Nadine Oberste Hetbleck (Universität zu Köln) und Konstanze Rudert (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) zur qualitativen und von Christian Huemer (Getty Research Institute Los Angeles, ab Oktober Leiter des Wiener Belvedere Research Centers) und Maximilian Schich (UT Dallas, USA) zur quantitativen Kunstmarktforschung. Anhand konkreter Projekte konnten die TeilnehmerInnen aus ihrer spezifischen Perspektive (als ArchivarInnen, ForscherInnen, KuratorInnen etc.) über Chancen und Herausforderungen von zwei Forschungsstrategien des noch jungen, sich gerade universitär etablierenden Forschungsfeldes Kunstmarktforschung diskutierten. Dabei wurde deutlich, dass qualitative und quantitative Ansätze im Forschungsprozess häufig in Kombination eingesetzt werden müssen. Zentrale Punkte der Diskussionen waren in diesem Zusammenhang die Konsequenzen der Digitalisierung, die Interoperabilität von Daten sowie die Notwendigkeit einer bereits bei der Konzeption und Drittmittelantragstellung von Projekten angelegte Kooperation von Kunstarchivaren und Forschern, um deren unterschiedliche Kompetenzen z.B. bei der Erschließung von Archiven zu bündeln. Ein Beispiel für deren „Unschätzbaren Quellen“ der Kunsthandelsarchive lieferte am Eröffnungsabend der Keynote-Vortrag von Chris Stolwijk, der die Ergebnisse eines Forscherteams aus dem Amsterdamer Van Gogh Museum schilderte, das anhand der Dokumente des Archivs der Galerie Thannhauser im ZADIK verfolgen konnte, wie aus dem Künstler, der zu Lebzeiten nur ein einziges Werk verkaufen konnte, eine Schlüsselfigur der modernen Kunstgeschichte wurde. Marije Vellekoop, Forschungsdirektorin des Van Gogh Museums, überreichte das erste Exemplar des aus den Forschungen hervorgegangenen Buches ‚Die Galerie Thannhauser: Van Gogh wird zur Marke‘ der Staatsministerin.

Der Traum aller Archivarinnen und Archivare, in ihren Archiven auch selbst forschen zu können, was sie seit den letzten Jahrzehnten immer mehr tun, wurde dem 1983 eröffneten Archiv des 1980 gegründeten Getty Research Institutes in Los Angeles bereits in die Wiege gelegt. Marcia Reed, seine Chefkuratorin und stellvertretende Direktorin, stellte seine Arbeit und seine jüngsten Neuzugänge, die Archive von Robert Mapplethorpe und Harald Szeemann vor. Am Szeemann-Archiv, dessen Umzug nach Amerika in Europa sehr bedauert wurde, entzündete sich eine Frage, die Anthony Yung vom Asia Art Archive aufgeworfen hatte, indem er davon berichtete, dass seine Institution manche Archive, nachdem sie digitalisiert wurden, an ihren Entstehungsort und an ihre Urheber oder Besitzer zurückgeben. Für das Szeemann-Archiv wäre gerade das allerdings nicht in Frage gekommen, denn an seinem Entstehungsort war es dem Verfall preisgegeben, was überhaupt erst der Auslöser für seinen Verkauf war. Während es in Deutschland generell problematisch bis unmöglich wäre, mit öffentlichen Mitteln ein Archiv zu digitalisieren, das man selbst nicht analog besitzt - manche Urheber oder Besitzer möchten ihr Archiv (ihre 'Originale') unbedingt behalten, wären aber mit einer Digitalisierung und Erschließung durchaus einverstanden -, gibt es in den Niederlanden sogar ein staatliches Programm, das die staatliche Digitalisierung privater Archive fördert. In Deutschland hingegen befürchtet man, ein Archiv, in das man sehr viel teure Arbeit gesteckt hat, könnte am Ende doch noch den Besitzer wechseln.

Während die meisten älteren, auf Unikate spezialisierten Archive erst in den Besitz von Dokumenten kommen, nachdem ihre Urheber verstorben sind ('Nachlässe') oder sich aus (Teilen) ihrer aktiven Tätigkeit zurückziehen (Vorlässe), was zu einem Archivierungsabstand von rund einer Generation (25 bis 30 Jahre) führt, archivieren die erst in jüngerer bis jüngster Zeit entstandenen, meist privaten Archive des Ostens, Asiens, Südamerikas und Afrikas sozusagen in 'Echtzeit', was sie mit denjenigen europäischen Archiven gemeinsam haben, die sich auf die Dokumentation des aktuellen Kunstgeschehens spezialisiert haben. So arbeiten in Europa etwa die basis wien und das Institut für moderne Kunst Nürnberg, die damit auch viele Relikte ephemerer Kunst für die Zukunft bewahren.

Allen Kunstarchiven gemeinsam ist das Bemühen um möglichst leichte Zugänglichkeit und öffentliche Sichtbarkeit und Wirkung. Breitere öffentliche Sichtbarkeit und Wirkung erreichen die Archive seit der digitalen Wende durch die Möglichkeiten der digitalen Faksimilierung ihrer Archivalien, die - soweit es Urheber- und Persönlichkeitsrechte erlauben - im World Wide Web auch einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden können. Viele Archive nutzen auch andere Möglichkeiten der Publikation, wie eigene Zeitschriften oder Rubriken in Tageszeitungen oder Fachzeitschriften. Manche, wie etwa die Bibliothèque Kandinsky, geben hoch geschätzte Editionen etwa ihrer Künstlerkorrespondenzen heraus. Zunehmend seit der Jahrtausendwende ist ein Einfließen von Archivdokumenten, die zuvor schon gelegentlich in kulturgeschichtlichen Ausstellungen zu sehen waren, in Kunstausstellungen zu beobachten. Jüngere Kuratorinnen und Kuratoren haben erkannt, dass es mit der Ausstellung von Archivalien möglich ist, die präsentierten Kunstwerke nicht mehr nur literarisch im Katalog, sondern auch visuell in der Ausstellung zu rekontextualisieren.

In ausgesprochen angenehmer Atmosphäre gab es reichlich Gelegenheit zum direkten Gedankenaustausch, zum Gespräch zwischen Studierenden und Archivleitungen – der relativ kleine Personenkreis machte es möglich. Alle, und selbst die Erfahrenen und Altgedienten, waren sich einig, viel erfahren und gelernt zu haben, solche Treffen am liebsten in nicht allzu langen Abständen regelmäßig zu besuchen und unbedingt in Kontakt zu bleiben, weshalb vereinbart wurde, allen die Teilnehmerliste mit Email-Adressen zuzusenden. Zum Glück war die von der Stiftung Brandenburger Tor und besonders der Kulturstiftung des Bundes geförderte Konferenz, von vornherein auf Nachhaltigkeit angelegt: Die eigens installierte Webseite www.stateoftheartarchives.com, die im Vorfeld zur Werbung und Registrierung diente, wird bald die transkribierten Vorträge, zusammen mit ihrer Bebilderung veröffentlichen, die Ergebnisse der beiden Workshops, sowie die Auswertung der Fragebögen, die den teilnehmenden Institutionen im Vorfeld zugesandt wurden und von ihnen mit wesentlichen Informationen ausgefüllt wurden.

Die Webseite soll weiter ausgebaut werden zu einem Online-Lexikon der Kunstarchive aller Welt, in dem man sich über deren Geschichte, Sammelprofile und Services informieren kann. Zu diesem Zweck wurden alle Teilnehmenden gebeten, ihnen bekannte weitere Archive zu animieren, um ebenfalls in das Online-Lexikon auf der Webseite eingetragen zu werden, für die sie auch auf ihren eigenen Internetpräsenzen werben wollen.

Günter Herzog