22.5.1931 – 7.1.2019

In memoriam Maria Rothe

Maria Rothes und Wolfgangs Rothes Galerie entstand aus dem Literaturverlag, den der spätere Literaturwissenschaftler Wolfgang Rothe 1954 noch als Student in Heidelberg gegründet hatte. Die Brücke von der Literatur zur bildenden Kunst schlug für Rothe und seine Frau Maria ihr Freund Hans Platschek, der für den Buchverlag Umschläge entwarf und sie 1957 in München mit seinen Künstlerkollegen Rolf Cavael und Fred Thieler zusammen brachte. Wolfgang Rothe hatte die Idee, sein Verlagskonzept auf die bildende Kunst auszudehnen. Er wollte, wie er Platschek im Mai 1957 in einem Brief mitteilte, einen "workshop" und einen Verlag für hochwertige Graphiken aufbauen und bat Platschek um seine Meinung und Unterstützung. Platschek war von diesem Plan sehr angetan und begann sofort, Informationen und den Rat seines Galeristen Otto van de Loo und seiner Künstlerfreunde einzuholen [Dok. 4.1].

Als Projekt für seinen Buchverlag bot Platschek Rothe in einem Brief vom 8. Juni 1957 eine Aufsatzsammlung von Michel Tapié an: "Michel Tapié, der französische Kunstschriftsteller, der bekannteste wohl heute, der überdies die neue Malerei, die bei uns Tachismus genannt wird, kreiert hat, der also zu dieser Frage das authentische Material beitragen kann, hat mir angeboten, seine Schriften für eine deutsche Ausgabe zu überlassen. Er schickt mir dieser Tage die Originale. Es werden ca. 50-60 Schreibmaschinenseiten, flott geschriebene, aufschlussreiche Texte. Dazu hat sich die Galerie Stadler, Paris, bereit erklärt, 20 Klischees zur Verfügung zu stellen. Ausserdem würde Tapié auf Vorschüsse verzichten, ich auf Übersetzungshonorare. Du trägst also keine Überkosten und kannst tatsächlich ein Material herausgeben, das Appolinaires Peintres Cubistes entspricht. In Deutschland setzt sich diese Malerei ja notorisch durch (selbst Vietta hat sich dazu bekannt), im Rheinland kaufen sie die Industriellen." [Dok. 4.2] Dieses in seiner Bedeutung von Platschek wohl richtig eingeschätzte Projekt erschien Wolfgang Rothe allerdings damals zu riskant. Im weiteren aber dokumentiert der Briefwechsel zwischen den beiden Freunden auf eine sehr anschauliche und lehrreiche Weise, wie sie gemeinsam die handwerklichen, logistischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und deren Umsetzung erkundeten, die schließlich zur Gründung der 'Edition Rothe' führten, des frühesten Graphikverlags der jüngeren Künstlergeneration und insbesondere der Künstler des Informel.

Als erste Verleger im deutschsprachigen Raum hatten Rothes den Begriff der 'Edition' aus dem Musikverlagswesen für die bildende Kunst adaptiert. Ihr größtes Problem bei der Gründung ihres Unternehmens war es, eine den hohen künstlerischen Qualitätsbedürfnissen entsprechende Handdruckerei zu finden. Zu Hilfe kamen dabei nicht zuletzt die Künstler selbst, die unter der Initiative Cavaels 1958 die 'Lithogemeinschaft Münchner Künstler' im Lenbachhaus gründeten, oder Eberhard Behr von der Werkkunstschule in Offenbach.

Nach einem Jahr der Vorarbeit erschien im Juni 1958 die 'Edition Rothe 1' mit Blättern von Cavael, Gustav Deppe, K. O. Götz, Platschek, Emil Schumacher, Bernard Schultze und Thieler in einer Auflage von 60 (Cavael) bis 65 Exemplaren. Einige der Künstler waren von den Rothes erst zum graphischen Arbeiten angeregt worden und brachten dann in der Graphik eigene ästhetische Qualitäten hervor, die ihr malerisches Werk durchaus ergänzten und bereicherten. Platschek (mit 'Tiago') und K. O. Götz (mit 'Wirl') schufen für die Edition ihre ersten Farblithographien und Schumacher seine erste Radierung ('Bingo'). 1959 folgten Peter Brüning und Gerhard Hoehme mit ihren ersten Farbradierungen, K. F. Dahmen mit seiner frühesten Lithographie und 1963 mit einem ersten Radierzyklus: druckgraphisches Neuland im Zeichen des Informel.

In ihrem Informationsblatt zur ersten Edition erklärten Maria und Wolfgang Rothe die Ziele ihres Verlages: sie wollten einem breiten Interessentenkreis einen Einblick in die gegenwärtige Kunstentwicklung und zugleich auch den Erwerb eines ebenso hochwertigen wie immer noch preiswerten Kunstwerks ermöglichen (ein Blatt war für 60 DM zu haben), die jungen deutschen Künstler fördern, die sich auf dem deutschen Markt zunächst mit einigen Mühen gegen die Ecole de Paris durchsetzen mussten, und zur Pflege der graphischen Techniken beitragen.

Ein Ladenlokal hatten Rothes noch nicht, der Kreis der Heidelberger Sammler war äußerst klein, und so setzte sich Maria Rothe in den Zug und besuchte mit ihrer Edition, der bald weitere folgen sollten, Museen und Galerien und vor allem die großen Buchhandlungen, die zu dieser Zeit den Handel mit Graphik anführten. Maria Rothe gelang es, nicht nur die erste Edition komplett zu verkaufen und den eigenen Absatz der folgenden Editionen zu mehren, sondern auch Kollegen zu inspirieren, zu Konkurrenten zu werden und ihrerseits Editionen zu gründen. So entstand als erste in Freiburg der Abstracta-Verlag (später Edition Abstracta), dann folgten als nächste mit ihren Editionen die Galerien Brusberg (damals Hannover), van de Loo (München) und Ketterer (damals Stuttgart). Anders als die Galerien, die - wie etwa Der Spiegel in Köln seit 1949 - gelegentlich Graphiken herausgaben und auch einen Verlag betrieben, gingen Rothes den umgekehrten Weg vom Verlag zur Galerie. Nach ihrem Umzug vom Heidelberger Werderplatz 8 in die geräumige Villa am Werderplatz 17 eröffneten sie dort am 15. Februar 1961 die Galerie der Edition Rothe mit einer Ausstellung mit Farbholzschnitten Grieshabers [Dok. 4.5], den ihnen anfangs schon Platschek empfohlen hatte, und Siebdrucken Jean Piauberts. Auch der Umsatz der neuen Galerie verdankte sich in erster Linie den Verkaufsreisen von Maria Rothe durchs In- und Ausland, die Joachim Bandau zum zwanzigjährigen Jubiläum das Bonmot von der "rollenden Galerie" prägen ließen.

Im Jahr 1963 wurde Maria Rothe dann sogar zur 'fliegenden Galeristin', denn sie war gemeinsam mit Alfred Schmela, Rudolf Zwirner und vielen anderen Galeristen, Sammlern, Museumsleuten und Kulturdezernenten an Bord eines inzwischen legendären, vom Düsseldorfer Kunstverein organisierten Fluges von Düsseldorf nach New York mit einem dreiwöchigem Aufenthalt, um einen Überblick über die aktuelle amerikanische Kunstszene zu gewinnen. Auch in der Neuen Welt stieß Maria Rothe auf offene Ohren und Augen für die Graphiken ihrer Künstler, was sie zu einer weiteren Verkaufsreise nach Amerika im nächsten Jahr veranlasste. Im Jahr 1963 veröffentlichte die Edition Rothe ihr erstes Gesamtverzeichnis 'Deutsche Graphik der Gegenwart 1958-1963', das mittlerweile 168 Nummern umfasste [Dok. 4.4]. Mit diesen und ihren weiteren Einzel- und Mappenwerken hatten Rothes einen entscheidenden Anteil an der Entwicklung, die die sechziger Jahre zu den goldenen Jahren des Editionswesens werden ließ. Das 'Gesamtverzeichnis ROTHE 1958-1989' (1991), sämtliche Aktivitäten der ersten drei Jahrzehnte umfassend, enthielt mehr als 700 Blätter.

Wolfgang Rothe kuratierte 1975 für die Albrecht-Dürer-Gesellschaft Nürnberg die erste - und bislang einzige - repräsentative Ausstellung über das informelle Graphikschaffen in der Bundesrepublik. Der begleitende Katalog 'Druckgrafik des deutschen Informel 1951-1963 mit 194 Nummern stellt noch immer die einzige umfassende Information über diese progressivste Entwicklungstendenz des Mediums Originaldruckgraphik um 1960 dar.

In der Galerie setzten Rothes ihr Engagement für die junge deutsche Kunst fort und fügten als zweiten Schwerpunkt ihrer Pionierarbeit die Plastik der mittleren und jüngeren Generation hinzu. Obwohl sie bis heute den Künstlern des Informel die Treue gehalten haben, pflegten sie nicht das Konzept einer hoch spezialisierten 'Richtungsgalerie', sondern widmeten ihren Einsatz insbesondere auch künstlerischen Einzelgängern. Rückblickend scheint ihre Auswahl stets geprägt von der Bewunderung und dem Respekt für den handwerklich-schöpferischen Prozess des Kunstschaffens, der auch im einzelnen Werk selbst dokumentiert und mit ihm erfahrbar werden sollte. Dazu haben sie auf kongeniale Weise mit ihrer höchst qualitätvollen Edition auch ihren eigenen Beitrag geleistet. Den seit Anfang der siebziger Jahre drastisch veränderten Marktbedingungen zum Trotz haben Rothes ihre Editionstätigkeit - wenn auch in reduzierter Form - beibehalten. Gesuchte Glanzstücke sind heute die in den Jahren 1972 bis 1975 erschienenen acht Künstlerbücher der 'Tukanpresse', und zwar von Emil Schumacher, Bernard Schultze, Peter Ackermann, Stefan Wewerka, Günther Uecker, Michel Lablais, Jean Ipousteguy und Michael Schoenholtz, sowie die zwischen 1973 und 1975 entstandenen, mit Original-Graphiken versehenen zwölf Hefte von 'ZET. Das Zeichenheft für Literatur und Graphik', denen in den Jahren 1985 bis 1987 auch 'ZET. Das Zeichenbuch für Literatur und Graphik' folgte. Den literarisch-bildkünstlerischen Doppelbegabungen - die sich im Konzept von Galerie und Verlag widerspiegeln - bieten die in loser Folge erschienenen Serien 'Kleine bibliophile Reihe' und 'Die kleine Mappe' ein Forum, so etwa Bernard Schultzes 'Blumen aus Blei, Neue Verse und Prosa', K. O. Götz' 'Lippensprünge. Gedichte von 1945 bis 1985' oder Hann Triers 'Ut poesis pictura? Eine Betrachtung zur Malerei der griechischen Antike', alle erschienen im Jahr 1985.

1988 gründete Maria Rothe eine zweite Galerie in Frankfurt, Wolfgang Rothe ebendort das 'Graphische Kabinett im Westend'. 1992 gaben sie den Heidelberger Standort auf und wirkten bis ins Jahr 2002 in Frankfurt, wo sie im Jahr das 2010 das fünfzigjährige Bestehen ihrer Galerie feiern konnten.

Günter Herzog

Maria Rothe in ihrer Ausstellung mit Werken Gerhard Hoehmes, 1974. Foto: © Anna-Luise Marz, München/Nachlass Xenia Marz; Archiv Rothe, Frankfurt

Maria und Wolfgang Rothe, 2009. Foto: © Archiv Rothe, Frankfurt