1. Dezember bis 27. März 2009

"please take care of my past and my future"

Erfolgsgeschichten großer Künstler und ihrer Galeristen in Bild- und Textdokumenten

18.11 – 23.11.2008 auf der Cologne Fine Art & Antiques, Halle 3.2, D49

01.12.2008 – 27.03.2009 im ZADIK, Im Mediapark 7, 50670 Köln

"Dear Rolf Jährling, please take care of my past and my future …", schrieb Nam June Paik 1970 an seinen Galeristen Rolf Jährling, nachdem er ihn gebeten hatte, ihm Fotos seiner Ausstellung "Exposition of Music – Electronic Television" zu schicken, die vom 11. bis 20. März 1963 in Jährlings Galerie Parnass in Wuppertal gezeigt worden war. Es war nicht nur Paiks allererste Einzelausstellung, es war auch die Ausstellungspremiere der Medienkunst, und somit ein absolutes Schlüsselereignis sowohl in Paiks künstlerischer Entwicklungsgeschichte als auch in der Weltkunstgeschichte schlechthin. Wenn Paik seinen Galeristen bittet, sich um seine Vergangenheit und seine Zukunft zu kümmern, so veranschaulicht diese Bitte eindrucksvoll das besondere Verhältnis zwischen Künstler und Galeristen, das in seinen vielfältigen Ausprägungen im Zentrum dieser Ausstellung des ZADIK stand.

Zur Premiere der neuen Cologne Fine Art & Antiques zeigte das ZADIK Spitzenstücke aus seinen Beständen, die solchen Schlüsselcharakter besitzen und außergewöhnliche Erfolgsgeschichten erzählen, viele davon zum ersten Mal. Am Anfang standen Dokumente, die Picassos Beziehung zu seinem Galeristen Justin Thannhauser beleuchten. Nach eigener Aussage verdankte Picasso seinen internationalen Durchbruch seiner ersten großen Retrospektive, die Thannhauser 1913 in seiner Münchener Galerie präsentierte. Über Thannhauser gelangten aus der Sammlung von Mendelssohn-Bartholdy Picassos "Mühle von La Galette" (1900) ins Guggenheim Museum und "Junge mit Pferd" ins MoMA. Das ZADIK präsentierte Dokumente aus der Geschichte dieser beiden auf einen Wert von je 200 Millionen Dollar geschätzten Werke, von denen einige wesentliche Aussagekraft in den aktuellen Restitutionsverfahren besitzen.

Das Münchener Galeristenpaar Etta und Otto Stangl verband eine enge Beziehung mit Maria Marc, der Witwe Franz Marcs, die Otto Stangl als Testamentsvollstrecker des künstlerischen Nachlasses einsetzte. Erstmals zeigte das ZADIK Archivalien aus diesem Zusammenhang, wie die Korrespondenz Maria Marcs, Otto Stangls und des Kunsthistorikers Klaus Lankheit, Maria Marcs wissenschaftlichem Berater. Zusammen mit den Marc-Erben, Lankheit und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gründeten Stangls als Stiftung das Franz Marc Museum in Kochel am See, das 1986 eröffnet und in diesem Jahr 2008 mit einer erweiterten Ausstellungsfläche wieder neu eröffnet wurde.

In der Galerie Parnass hatten nicht nur Nam June Paik, Gerhard Richter und Sigmar Polke ihre frühesten Ausstellungserfolge, auch Alexander Calder erlebte hier im Juni 1952 seine deutsche Erstausstellung, die von Rolf Jährling als Wanderausstellung an weitere deutsche Galerien und öffentliche Sammlungen vermittelt wurde. Bild- und Textdokumente erzählen von dieser Schau, für die Jährling eigenhändig Calders Mobilés 'restaurierte', ebenso wie von Jährlings früher Zusammenarbeit mit dem gerade (1956) zum Conrad-von-Soest-Preistäger gekürten 'Nachwuchskünstler' Emil Schumacher, der 1956 und 1957 mit seinen "Tastobjekten" im Parnass gefeiert wurde. Das ZADIKzeigte erstmals zahlreiche von Rolf Jährling selbst geschossene Fotos zu beiden Künstlern.

Eine außerordentlich enge Beziehung pflegten die Galeristen Eva und Hein Stünke mit ihrem Künstler Max Ernst. Mehrere Einzelausstellungen, wertvolle und heute sehr gesuchte Buch-, Grafik- und Editionsprojekte in deutscher Erstausgabe gingen daraus hervor, wie etwa die "Paramythen", die "Hommage à Max Ernst", die "Histoire naturelle II" und in den hauseigenen Werkstätten der "Edition MAT" die Serigraphie "Aus dem Tagebuch des 100-jährigen Astronauten". Stünkes managten aber nicht allein sein künstlerisches Werk, sondern auch sein nicht unkompliziertes Verhältnis zu seiner Heimatstadt Brühl und sogar ein eherechtliches Problem mit seiner zweiten Frau Marie-Berthe Aurenche, die ihre tatsächlich vollzogene Scheidung nicht wahrhaben wollte. Aus einer Korrespondenz mit mehr als zweihundert Schriftstücken, zum Teil mit kleinen Zeichnungen verziert, und zahlreichen Fotos aus dem Bestand der Galerie zeigte das ZADIK die wichtigsten und schönsten Stücke.

In der kurzen Geschichte der Galerie Aachen (1965-1968) spiegelt sich die prozeßhafte Ereignisstruktur der Happenings der 1960er Jahre, denen die Galerie ein experimentelles Forum bot. Im Gegensatz zum herkömmlichen Galeriebetrieb finanzierte sich die von Studenten betriebene Galerie ausschließlich über Spendenmittel und Fördergelder. Wichtige Fluxus-Künstler wie Dick Higgins, Alison Knowles, Wolf Vostell, Nam June Paik und Charlotte Moorman, aber auch für frühe Darbietungen von Günter Brus, der Gruppe Lidl um Jörg Immendorff, Franz Erhard Walther und Per Kirkeby fanden in der Galerie statt, die in bisher unveröffentlichten Fotografien im Galeriebestand erhalten sind. Im Rahmen der Deutsch/Dänischen Tage traten Jörg Immendorff und Per Kirkeby als Akteure auf: Immendorff stellte seine aus Holz geschnittenen „Riesenbabys“ aus und kletterte mit einer Babymaske verkleidet ins Dachgebälk der Galerie. Kaum bekannt ist Kirbekys frühe Performance „Arctic I“ (1968), die imZADIK als Fotosequenz dokumentiert ist. In der Aktion „Der helle Wahnsinn“,1968, zeigte Günter Brus erstmals in Deutschland eine Selbstverletzung vor einem größeren Publikum, in dem er sich mit einer Rasierklinge die Brust aufritzte.

Spezialisiert auf Land Art und Minimal Art zählte die Münchener Galerie Heiner Friedrich zu den Avantgarde-Galerien im Deutschland der ausgehenden 1960er Jahre, die einen Umbruch in der Präsentations- und Arbeitsweise von Galerien markierten. Die Galerie war nicht mehr nur Ausstellungsraum, sondern wurde gleichzeitig zum Arbeitsraum der Künstler, indem sie ihre Arbeiten direkt vor Ort fertig stellten. Es entstand eine neue Partnerschaft zwischen Künstler und Galerist, der in den Entstehungsprozess von Kunst involviert wurde. Eine Fotoserie aus dem Bestand der Galerie Heiner Friedrich zeigt den Ausstellungsaufbau des ersten „Earth Room“ (1968) von Walter de Maria. Auf den Fotos ist die Anlieferung der Torfballen bis zur Anfüllung des Galeriebodens mit fünfzig Kubikmetern Torf dokumentiert: es entstand eine nicht begehbare, ebenmäßige Erdfläche.

Inge Baecker betrieb für Allan Kaprow, den "Vater des Happenings", in ihrer Bochumer und ab 1983 in ihrer Kölner Galerie eine regelrechte Agentur. Umfangreiche Korrespondenzen mit dem Künstler, mit Sammlern und internationalen Museumsleuten und Behörden, Projektplanungen und –skizzen, Happeningpartituren und eine Überfülle an Fotos im Archiv der Galerie dokumentieren sowohl die Vielseitigkeit und Agilität des Künstlers als auch der Galeristin. Inge Baecker hat als Koproduzentin viele Arbeiten des Künstlers in Deutschland vorbereitet, organisiert und mit geschaffen. Nicht alles, was Kaprow und sie planten, konnte verwirklicht werden. Der Bochumer "Autoreifenturm", dessen Konzeption und Entstehung Baecker minutiös dokumentiert hat, wurde zerstört, und ein Projekt mit der Hamburger Kunsthalle scheiterte in einem kommunikativen Fiasko – aber die Dokumente, die ein beredtes Zeugnis dieser teils tragischen, teils komischen Ereignisse bieten, sind bis heute überaus lebendig geblieben.

„Alter Zwirn“ und „heh, mensch zwirner, anti-beamter“, so bezeichnete Dieter Roth seinen Galeristen Rudolf Zwirner in zahlreichen Briefen, die mit dem Archiv der Galerie ins ZADIK gelangten. Um Unterstützung bat Dieter Roth seinen Galeristen nicht nur wegen Geldangelegenheiten, sondern auch bei dem abenteuerlichen Versuch, seine Schimmel-Objekte über die Grenze zu bringen: „kleine schwierigkeit: in ein paar der bilder sind fliegen und würmer – oder maden – und verfaultes...kennst du einen reisenden der so was mitnehmen kann?“ Bemerkenswert ist der augenzwinkernd, freundschaftlich-kritische Sprachgebrauch der Briefe, die Einblick geben in die oft über das Geschäftliche hinausgehende, synergetische Beziehung zwischen Künstler und Galerist.