Galerie Stangl, München

Drei Damen

Brigitte Jacobs van Renswou

In einer Reihe, in eigenartiger Geschlossenheit sitzen drei vornehm gekleidete ältere Damen einem unsichtbaren Redner lauschend. Ihre ernsten Blicke verraten eine bedeutsame, wenn nicht eher aufmerksame, kritische Haltung zu dem vorgetragenen Thema. Im Hintergrund sind zwei Gemälde sichtbar: es handelt sich um eine der frühen Ausstellungseröffnungen in der im Februar 1948 eröffneten Galerie von Etta und Otto Stangl in München. Der ausgestellte Künstler ist Fritz Winter, Mitglied der 1949 gegründeten „Gruppe der Gegenstandslosen“, die sich später den Namen ZEN 49 gaben.

Der heutige Betrachter fragt sich, wer sind diese Damen, die am 17. April 1950 eine Ausstellung abstrakter Kunst besuchen? In welcher Beziehung standen sie zur Galerie? Die in Handschrift beschriebene Rückseite des Fotos offenbart die Namen der Eröffnungsgäste. Von links nach rechts: Hilla von Rebay, damalige Direktorin des New Yorker „Museum-of-Non-Objective-Painting“, des heutigen Solomon R. Guggenheim Museums, Ida Biennert, Dresdner Sammlerin, Mitglied der Klee und Kandinsky Gesellschaft und Maria Marc, Witwe von Franz Marc für die Otto Stangl die Nachlassverwaltung übernommen hatte.

Es ist die Zeit einer sich neu konstituierenden Kulturlandschaft, einer sich nach einem Neubeginn sehnenden Generation, sich von der unmittelbaren Vergangenheit abzukehren und die von den Nationalsozialisten verfemte Kunst zu revitalisieren und zu rehabilitieren. So sind einige der ersten Ausstellungen von Künstlern wie Alexej von Jawlensky, Paul Klee, Wassily Kandinsky und Franz Marc in der Modernen Galerie Otto Stangl zu sehen. Mit diesem Ausstellungsprogramm knüpften Otto und Etta Stangl ganz bewußt an die Künstlergruppe “Der Blaue Reiter“ an, die zwar in München gegründet wurde, deren Werke jedoch kaum in den Münchener Museen zu sehen oder im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 aus den Museen entfernt und beschlagnahmt worden waren. Grundstock der Galerie Stangl bildete die Wuppertaler Sammlung von Rudolf Ibach, die Etta Stangl zum Teil von ihrem Vater geerbt hatte und Werke von Kandinsky, Klee, Meidner, Pechstein und Schmidt-Rottluff umfasste. Insbesondere die Arbeiten von Kandinsky und Klee formten eine entscheidende Grundlage für den Kunstdiskurs nach 1945 und zur Durchsetzung der neuen gegenstandslosen Kunst, wie sie von Etta und Otto Stangl mit der Gruppe ZEN 49 vorangetrieben wurde. Die Galerie bot den jungen Künstlern eine räumliche Basis und geistiges Forum.

Nicht zuletzt darum ist das Erscheinen der drei älteren Damen programmatisch und zugleich sinnbildlich für das Gesamtkonzept der Galerie: aufgrund der Präsenz von Maria Marc und Ida Biennert, eine der Klassischen Moderne verschriebenen Generation sowie Hilla von Rebay als Vertreterin der jungen, abstrakten Avantgarde, deren Aufgabe es war, Ankäufe für das Museum-of-Non-Objective-Painting zu tätigen. In Amerika war der Höhepunkt der abstrakten Kunst erreicht, in Deutschland sollte sie erst noch durchgesetzt werden.

Ausstellungseröffnung von Fritz Winter 1950 in der Modernen Galerie Stangl in München- Schwabing. Sitzend von links: Baronin Rebay, Ida Bienert, Maria Marc dahinter: Mauritius Heinz, Freund von Frau von Massenbach © Foto Rosmarie Nohr