Galerien Thannhauser, München, Luzern, Berlin

Der neue Kunde

Günter Herzog

Nur wenige Meter mußte der neue Kunde von seinem Domizil, dem Berliner Hotel Esplanade, an einem Augusttag im Jahr 1928 zurücklegen, um die Galerie Thannhauser in der Bellevuestraße 13 zu besuchen. Die Galerie war erst im Jahr zuvor als Dépendance der Münchener Galerie Thannhauser (seit 1909) eröffnet worden, die auch noch (seit 1919) ein Geschäft in Luzern besaß, das von Justin Thannhausers Cousin Siegfried Rosengart geleitet wurde. Vor dem Einzug in die von den Architekten Luckhardt und Ancker grandios umgestalteten Räume in der Bellevuestraße hatte Thannhauser seine Berliner Eröffnung mit zwei von Julius Meier-Graefe begeistert gefeierten „Sonderausstellungen“ im Künstlerhaus in der Bellevuestraße 3, direkt gegenüber dem Esplanade, vorbereitet. Seit ihrer Erstausstellung des Blauen Reiters von 1911/12 und ihrer bahnbrechenden Picasso-Schau von 1913 - der bis dahin weltweit umfangreichsten Ausstellung mit Werken von der blauen Periode bis zu den gerade fertiggestellten Arbeiten -, zählte die Galerie zu den führenden Europas, und dementsprechend prominent waren ihre Kunden, über die man genauestens Buch führte.

Die Kundenkartei gehört zu den kunsthistorisch wertvollsten Teilen des Archivs der Galerien Thannhauser, das die Berner Silva-Casa Stiftung, vertreten durch Stiftungsrätin Janet Briner, im letzten Jahr dem ZADIK überantwortet hat. Zwölf Kästen mit den Daten von über dreitausend Kundinnen und Kunden sind erhalten. Zu jedem Namen gibt es einen Umschlag (etwas kleiner als DIN A 5), der eine unterschiedliche Anzahl von meist mit Schreibmaschine ausgefüllten Formblättern und formlosen Notizblättern aus dünnem Durchschlagpapier enthält. Auf den Formblättern waren die Besuchsdaten vermerkt, die Kunstwerke, für die sich die Kunden interessierten oder für die sie interessiert werden sollten, und die den Besuchern genannten Preise, reduziert um die Tausender-Nullen. Die Blätter waren abzuzeichnen von dem Berliner Mitarbeiter Römer (mit dem Kürzel Roe), von Justin Thannhauser (J. Th.) und Siegfried Rosengart (Rgt.), um sicherzustellen, daß alle informiert waren. Außer den genannten Daten notierte man auch die Interessen der Kunden, ihr Kaufverhalten, ihr finanzielles Potential, ihre Bonität, ihre verwandtschaftlichen und bekanntschaftlichen Verhältnisse, ihre Beziehungen zu anderen Händlern. Man dokumentierte ganze Gespräche und Verkaufsverhandlungen und noch erstaunlich viel mehr, wie am hier gezeigten Beispiel zu sehen.

Als der neue Kunde, Baron Heinrich Thyssen-Bornemisza, im August 1928 zum ersten Mal die Galerie besuchte, hatte man seinen Namen und den Sitz seiner Sammlung auf dem burgenländischen Schloß Rohoncz nicht richtig verstanden, und auch die Korrekturen waren nicht ganz korrekt. Um mehr über den neuen Kunden zu erfahren, wandte man sich an Baron Eduard von der Heydt, der als Bankier in Berlin und Amsterdam tätig war, wo er auch die Interessen des letzten deutschen Kaisers im Exil vertrat. In Ascona, wo ihn die Anfrage erreichte, hatte sich der Bankier im Jahr 1926 für 160.000 Franken den Monte Verità gekauft. Von der Heydt war einer der damals noch wenigen engagierten Sammler moderner Kunst, und sein Bankhaus war eines der ersten, die für ihre Kundschaft eigens zur Aufbewahrung von Kunstgegenständen konstruierte Tresore bereitstellten. Obwohl in der Thannhauser-Kundenkartei nicht (mehr?) präsent, wird von der Heydt doch auch bei Thannhauser gekauft haben, auf jeden Fall aber zählte er, wie Thannhauser, zum engeren Kreis des Berliner Galeristen Paul Cassirer. Von der Heydt also gab „die hervorragendste Auskunft, die man sich je für einen Kunden wünschen kann“, wies jedoch auch darauf hin, daß eigentlich Thyssens „Geschmack mehr auf Aelteres gerichtet sei.“ Das war für Thannhauser kein Problem, denn auch „Aelteres“ verkaufte die Galerie, meist in Form von Kommissions- und Tauschware. So zeigte man dem Baron unter anderem einen Leibl in Kommission, einen Menzel zu 32, den er schließlich zu 29 erhielt, ohne Erfolg einen Hals zu 65, einen Thoma zu 45, und man wagte auch einen Manet zu 48 und einen Renoir zu 95. Einen Rogier van der Weyden kaufte Thyssen am 29.9.1928 auch von Thannhauser, allerdings ohne es zu wissen, denn das Geschäft wickelte diskret ein anderer Händler in Thannhausers Auftrag ab.

Hans und Wassili Luckhardt und Alfons Anker: Eingangsbereich der Galerien Thannhauser, Berlin, Bellevuestraße 13, 1927